Angebote für Einsteiger (Archivversion) Die Jugend von heute

Sie ist nicht von gestern. Und fährt immer weniger aufs Motorrad ab. Vergnügt sich anders. Das kann der Industrie nicht egal sein. Mit welchen Strategien, Modellen, Anreizen wird die Anmache der 16- bis 25-Jährigen geprobt?

Nix! Sagt Bert Poensgen. Die Antwort ist so klar wie die Frage: Nix! Suzuki habe kein Modell, das Jugendliche anmache. Bei Honda ist man anderer Meinung und
verweist gerne auf die doch so unglaublich erfolgreiche CBR 125. Deren Loblied singt Honda nicht allein. Poensgen stimmt da, wenn auch ungern, mit ein: »Hier ist uns Honda eindeutig voraus.« Das Motorrad sei vielleicht kein Knaller, treffe aber in Leistung und Preis genau den Nerv der Zielgruppe. Den will Suzuki demnächst ebenfalls treffen. Mit
einer GSX-R 125. Weil solche Maschinen ihrer Sportlichkeit, ihrer Aggressivität wegen zumindest den Touch von Herausforderung, Power und dicker Hose haben. Den hat Aprilias RS 125 schon längst und en masse. Indes: zu einem supersportlichen Preis.
Triumph sieht die Zukunft eher in der Vergangenheit. »Insbesondere die Modern-
Classic-Baureihe mit Bonneville, Thruxton, Scrambler begeistert immer mehr junge Leute.« Die lägen, meint das Marketing, voll im Trend und seien »schnell und kostengünstig auf 34 PS zu drosseln.« Wobei Letzteres auf viele potenzielle Einsteiger-Modelle zutrifft. Auf die neuen Einzylinder von BMW zum Beispiel. Die allerdings sind sackteuer. BMW glaubt trotzdem, damit den Nachwuchs ködern zu können. Indirekt. »Die jüngsten Zielgruppen sind bei Supermoto und Enduro zu finden, und da hatten wir vom Design her wenig
zu bieten. Uns ging die Aggressivität ab«, erklärt Jürgen Stoffregen, Sprecher von
BMW-Motorrad. Und er sagt auch: »Wichtig für BMW ist, dass die Leute sich überhaupt fürs Motorrad interessieren. Für uns ist es nicht elementar, dass die erste Maschine
eine BMW ist.«
Eine Kawasaki vielleicht? Sicher nicht mit 16. »Leichtkrafträder sind kein Thema bei Kawasaki. Ich begrüße jedoch das große Angebot der Mitbewerber«, kommentiert Andi Seiler von Kawasaki. Dort sieht man die ER-6-Varianten gerne als »modern und jung, ohne dabei viel zu kosten«. Yamaha findet, man sei doch bestens aufgestellt bei den 125ern. Bestens heißt in dem Fall zwei Modelle, eins davon »zum Superpreis von 2200 Euro, ein echtes Schnäppchen«, preist Karlheinz Vetter die YBR 125. Die justament so aussieht.
So weit die Meinungen auseinandergehen, was das Modell-Angebot für Einsteiger betrifft, so einig ist man sich in der Frage, ob es denn überhaupt an den Maschinen selbst liege, dass die Jugend von heute sich derart motorradabstinent gibt. »Das Problem ist«, sieht Poensgen von Suzuki die Lage, »dass die Jugendlichen Motorradfahren überhaupt nicht im Fokus haben.« Bernhard Gneithing glaubt, es gehe »nur über die Emotionen, nicht über die Technik«. Klingt wie ein typisches Harley-Statement. Ist’s auch. Aber Gneithing meint es ganz anders. Und zwar so: Motorradfahren ist nicht cool, und es ist nicht sexy. Womit er natürlich nicht das Motorradfahren schlechthin meint. Als Harleyaner weiß er nur zu gut, wie cool und geil sich alte Säcke auf zwei
Rädern fühlen können. Dumm nur, dass deren Selbsteinschätzung nicht unbedingt von jedem geteilt wird. Nicht mal von den eigenen Kindern. Wie auch? Wenn Vati mit Mutti durch den Schwarzwald tourt, Klapphelm auf, Textilkombi an, kommt das so manchen, an denen sie vorbeizuckeln, doch recht betulich, unhübsch, spießig vor.
Motorradfahren spießig? Kann schon mal passieren. Sieht auch Stoffregen so, der Mann von BMW. In den Siebzigern habe das Motorrad eine eigene Erlebniswelt eröffnet, eine Auflehnung gegen den Mainstream, das Establishment, das bürgerlich Brave. Es war nicht nur Vehikel, es war Ausdruck. Und das ist es ja heute noch. Ungefähr so wie der Rock ’n’ Roll der Rolling Stones. Der längst so gesetzt daherkommt wie die Besucher der Konzerte. Und wenn Papi und Mami sich mühen, noch mal – oder immer noch – so wild, so frei, so ungehemmt zu tun, wie sie es früher vielleicht tatsächlich waren, dann mögen sie das selber aufregend finden. Wenn sie allerdings wollen, dass ihre Kinder genauso empfinden, haben sie mehr als nur einen Erziehungsfehler gemacht.
Der Nachwuchs fährt nun mal auf ganz anderes ab. Und das gilt es, raunt es unisono in Branchenkreisen, mit dem Motorrad zu verbinden. Weswegen Harley, erzählt Gneithing, vor Jahren bereits eine Kollektion seiner Zweizylinder zu hippen Open-Airs gekarrt habe. Auf dass der Groove der Musik sich auch über den Korpus der Maschinen lege, ungemein verführerisch. Unmittelbare Ergebnisse, solche zumal, die in der Verkaufsstatistik sich niederschlagen, sind damit definitiv nicht zu erzielen. Erfolgreich laufen solche
Aktionen nur, wenn sie über den Tag hinaus geplant sind. »Das allerdings hat«, bedauert
Gneithing, »unsere finanziellen Möglichkeiten überstiegen.« Für einen einzelnen Hersteller seien solche Kampagnen eh eine Nummer zu groß, merkt Yamaha an. »Daher gibt es schon seit ein paar Jahren in dieser Sache Verbandsaktivitäten.« Der Verband heißt IVM e.V., Industrie-Verband Motorrad, und die Aktivitäten in Sachen Image des motorisierten zweirädrigen Gefährts liefen unter den Titeln Spirit Area und Spirit Tour. Wobei Spirit
für den Geist des Motorrads, seine Ausstrahlung, seine Aura, seine Faszination stehen sollte, Area und Tour für die Orte, wo dieser Geist sich gleichsam materialisieren durfte. Für eine dem Motorrad vorbehaltene Zone auf Rockfestivals sowie für Clubs, in denen junge Bands ebensolchen Sound fabrizierten.
Drei Jahre lang ging das so, drei Jahre lang ging das gut so, resümiert Achim Marten vom IVM (siehe Interview Seite 136). Auch die Resonanz unter den Mitgliedern sei stets positiv gewesen, jedenfalls habe er nichts
anderes gehört. MOTORRAD schon, freilich stets mit dem Hinweis, dies doch bitte nicht zu schreiben, schließlich sei man ja beteiligt und von Anfang an doch irgendwie – auch weil einem selbst nicht Besseres eingefallen sei – für diese sublimen Aktivitäten zur Propagierung des Motorrad- und Rollerwesens gewesen. Was ihm gar nicht gepasst habe, sagt einer, sei, dass man versucht habe, das Revoluzzertum der 70er Jahre wieder zu beleben, es erneut ans Krad zu flechten. Was schlichtweg Nonsens sei, hätte die
Jugend von heute doch überhaupt keinen Bock zu rebellieren. Viel lieber gehe sie shoppen oder hänge vorm Computer rum.
In seiner neuen Kampagne auf vivalamopped.com scheint der IVM genau diese Kritik beherzigt zu haben. Indem er sich auf das Medium unter den Jugendlichen schlechthin, das Internet kapriziert. Auf eine »Kommunikationsplattform«, expliziert Marten, »die sich vom eigentlichen Thema Motorrad abhebt«. Und gerade deshalb animieren soll, den Schein anzugehen. Mittels Videos zum Erlebnis Motorrad, Reality Shows und einem
Licence Camp auf Mallorca. Wo es natürlich um die Lizenz zum Fahren geht. Die ist nun mal die Eintrittskarte in die oft angeführte »Erlebnisdimension Motorrad«. Und dieses
Ticket kann einen teuer zu stehen kommen, an die 1500 Euro kosten. Honda hat dafür gleich eine ganze Million ausgegeben, tausendmal tausend Euro nämlich. Und so immerhin tausend FMX 650 auf den Markt geworfen. Weil jeder Führerscheinwillige tausend Euro von Honda erhielt. Vorausgesetzt, er kaufte nach bestandener Prüfung just
diese etwas antiquarisch motorisierte Mühle. Damit ist heuer Schluss. Weil es sich
anscheinend doch nicht rechnet, den Nachwuchs derart üppig zu alimentieren. BMW und Suzuki hingegen tun das noch, ebenfalls mit 1000 Euro, allerdings ist geplant, dieses Angebot äußerst dezent zu präsentieren. Weil für solche Aktionen vermutlich nur begrenzte Summen reserviert sind. Bei BMW hat der Einsteiger freie Auswahl, bei Suzuki darf es
danach entweder Bandit 650, Bandit 1250 oder GSR 600 sein, Yamaha legt lediglich 300 Euro drauf und besteht alsdann auf FZ6 oder FZ6 Fazer.
Einen ganz anderen Weg schlägt Triumph ein: Ab 199 Euro monatlich kann man
Maschinen mieten, Steuer, Versicherung, Inspektion, Service und Mobilitätsgarantie
inklusive. Honda haut mittlerweile in eine ähnliche, das Eigenkapital schonende und die Einstiegskosten senkende Kerbe. Und preist das unübersehbar an. Im Internet etwa.
Da wendet sich der Hersteller mit Links auf der Homepage direkt an die einstiegswillige Klientel. Und macht Gelegenheitssurfern den Weg zum Einstieg so leicht wie möglich.
Mit Online-Prüfungsbögen, Typberatung, verständlichen Technik-Infos und einem Angebot, das das eigene Motorrad in direkte Konkurrenz zu Bussen und Burgern bringt: »Nie mehr Monatskarte.« Für schlappe 1,49 Euro am Tag Leasinggebühr und 399 Piepen
Anzahlung darf es die enduresque XR 125 L sein. Versicherung inklusive.
Honda also nutzt als einziger Hersteller auf jung getrimmtes Marketing, um den Nachwuchs dort abzuholen, wo man ihn denn vermutet. Allerdings warten auch die anderen nicht einfach ab, bis aus den jungen alte Säcke geworden sind, die den Weg zum Motorrad von alleine finden. Selbst Harley-Davidson nicht. Mittlerweile zwar noch famos im Geschäft, grübeln Jungdesigner an einem Eisen, das nicht danach aussieht, wie die Teile aus Milwaukee nun mal aussehen. Willi G. Davidson jedenfalls habe mit dem Projekt nicht viel zu tun, erzählt Gneithing, nicht ohne ein Lachen hinterherzuschieben. »Denn was soll schon rauskommen, wenn sich ältere Leute wie wir Gedanken über die Jugend machen?«

PS.: Im ersten Halbjahr 2006 bestanden 63421 Menschen die Prüfung für den A- und A1-Schein, darunter waren 5300 Fahrerlaubnisse für Leichtkrafträder. Die Zahlen für 2005: 75158 insgesamt, 6739 A1.

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