Aprilia Moto 6.5 (Archivversion) Ciao Bella

Der extravaganten Kreation Moto 6.5 blieb der Erfolg versagt, die Produktion wurde eingestellt. Späte Liebhaber können sich auf dem Gebrauchtmarkt (noch) günstig eindecken.

Vor drei Jahren stoppten im italienischen Noale bei Venedig die Produktionsbänder für einen der ungewöhnlichsten Einzylinder der letzten 30 Jahre –die Aprilia Moto 6.5 war selbst in ihremHeimatland ein Verkaufsflop. Die deutsche Niederlassung hatte sie noch bis 2000 im Programm. Die letzten Exemplare wurden teilweise für rund 7000 Mark verkauft, die allerletzten von der Zentrale nach Düsseldorf zurückgeholt.Rund um den soliden österreichischen Rotax-Fünfventiler aus der Reiseenduro Pegaso 650 hatte der französische Designer Philippe Starck in Zusammenarbeit mit den Aprilia-Technikern eine aufsehenerregende, unverkleidete Maschine auf die schmalen Speichenräder gestellt. 1995 präsentierten die Italiener die Moto 6.5, die die Szene polarisierte. Die Traditionalisten winkten verschreckt ab, ein paar Enthusiasten wollten sie sofort haben,die Mehrzahl nahm von Starcks mutigemDebüt im Motorradbau kaum Notiz. Der Verkauf lief, was Wunder bei dem unkonventionellen Design, nur schleppend an.Hinzu kamen einige technische Un-zulänglichkeiten, wie die nicht homo-gen abgestimmten Federelemente, ein falsch positionierter Benzinhahn und eine wenig fahrstabile Erstbereifung. Eigentlich Schwachpunkte, wie sie beim Stapellauf einer neuen Konstruktion vorkom-men können und durch ein paar Modifi-kationen schnell hätten behoben werdenmüssen, um Image und Absatz nicht nachhaltig aufs Spiel zu setzen.Doch offensichtlich verlor Aprilia rasch das Interesse an seiner Neuschöpfung. Außer einer Änderung am Benzintank, bei dem der Hahn ab 1996 konstruktiv korrekt an der tiefsten Stelle des 16-Liter-Kunststoffbehälters positioniert wurde, um mit Hilfe einer Membran-Benzinpumpe auch die Reservemenge von drei Litern komplett zu nutzen, passierte nichts. Deutsche 6.5-Besitzer des ersten Produktionsjahrs kamen erst mit Gründung der Aprilia-Niederlassung 1998 in den Genuss dieser kostenlosen Nachrüstung.Die Moto 6.5, die MOTORRAD in-spizierte, stammt aus dem Gebrauchtan-gebot der Firma Limbächer & Limbächer in Stuttgart-Echterdingen (Telefon 0711/ 7973030), Baujahr 1996, aus erster Hand mit rund 6700 Kilometern, Preis 6600 Mark. Dank des voluminösen Vorschalldämpfers und der beiden schlanken und kurzen Endschalldämpfer klingt der Einzylinder sehr zivil. Auch die mechanischen Geräusche sind bei Temperaturen um null Grad und entsprechend kaltem Öl sehr verhalten: kein Klopfen, Mahlen oder andere enervierende Geräusche ausZylinderkopf oder Kurbelhaus, die beim Start auf Verschleiß bei Wellen oder Zahnrädern schließen lassen. Die Moto 6.5, mangels Drehzahlmesser nach Gehör geschaltet, wirkt in ihrer Leistungsausbeute eher moderat. Dank Ausgleichswelle läuft das Triebwerk aber recht kultiviert ohne das einzylindertypische lästige Hacken der Antriebskette bei niedrigen Drehzahlen. Der Rotax-Motor, in der Pegaso und der nur vierventiligen BMW-F-650 mit Registervergaser besitzt in der Moto einen Gleichdruckvergaser mit 40 Millimetern Durchlass. Die rund 830 Millimeter Sitzhöhe sind eher theoretischer Natur. Gleich beim Platznehmen sackt die Heckpartie sichtbar ein, auch Fahrer und Fahrerinnenunter 1,70 Meter haben sicheren Bodenkontakt. Weil bei den niedrigen Temperaturen eine Beurteilung von Fahrwerk und Reifen kaum möglich ist, erinnern wir uns an die angenehmeren Testbedingungen in Italiens Frühling 1995. Die serienmäßig montierten Dunlop-Arrowmax-Pneus provozieren ein nervöses Fahrverhalten, erst mit Montage von Michelin A 49/M 48 oder Bridgestone BT 45 reduziert sich die Längsrillenempfindlichkeit. An der Pendelneigung bei höheren Geschwindigkeiten ändert sich jedoch nichts. Die Gabel gibt sich stuckrig, beim Zentralfederbein ist die Feder sehr weich, die Dämpfung zu unsensibel. Andere Gabelfedern (Technoflex, zirka 180 Mark) und die Anhebung der Front durch Verstellen der Federbasis hinten um zirka zwei Zentimeter bringen einige Verbesserung. Die leichten Be-wegungen um die Längsachse bei Tempi über 100 km/h bleiben allerdings. Da heißt es, den Lenker leicht und locker halten und nicht verkrampfen.An dem robusten Triebwerk nervtviele Betroffene das Auspuffpatschen im Schiebebetrieb: Wenn der Gasgriff während der Fahrt zugedreht werden muss, ballert es schon mal aus den Rohren.Die Firma Mennickheim bietet einen Umbausatz an (Telefon 0561/25039, Preis zirka 800 Mark). Andere verwenden lediglich die 52er-Standarddüse (Moto 6.5:50er-Düse) im Mikuni-BST-40-Vergaser, der auch in der Suzuki DR 650 verbaut wird. Damit springt der Motor williger an, und das Geknalle ist minimiert.Interessenten sollten wissen, dass das Preisniveau wohl im Augenblick am niedrigsten ist. Der Motor ist absolut okay, das Fahrwerk einfach in den Griff zu bekommen. Den modifizierten Benzinhahn sollten mittlerweile alle Aprilia Moto aufweisen. 6.5-Treiber in Deutschland informieren sich im Internet unter www.grabo.de, einer wahren Fundgrube für dieses ungewöhnliche Bike.

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