(Archivversion) Der kleine Unterschied

Warum ist Superbike-Weltmeister Carl Fogarty schneller als andere Fahrer? Eine Analyse.

Der König war verschnupft. Im nasskalten Misano verzichtete Carl Fogarty dankend auf die Ehrenrunde. Zu kalt und zu feucht das Wetter, dazu auch noch leicht fiebrig Carls Kopf. Fahren sollten diesmal lieber die anderen.Was sie auch taten. Für MOTORRAD trat Gerhard Lindner auf dem Original Ducati-Superbike-Werksrenner an. Der war zunächst fast so verschnupft wie Fogarty, hätte er doch nur allzu gern eine Runde in Misano mit Fogarty gedreht, unter gleichen Bedingungen für beide. Doch der fiebernde Foggy konnte nicht, und so arbeitete sich Lindner allein auf der abtrocknenden Strecke zu immer schnelleren Rundenzeiten vor. 1,40.7 Minuten lautete schließlich sein bestes Resultat - deutlich schneller als viele Wild Card-Piloten beim Superbike-Rennen im Juni auf der gleichen Strecke, und das bei viel schlechterem Wetter.Zum Vergleich der beiden Fahrer Fogarty und Lindner zogen die Ducati-Messtechniker eine Fogarty-Runde aus dem zweiten Lauf in Misano heran, für die der Superbike-Weltmeister damals 1,36.5 Minuten brauchte - gut vier Sekunden weniger als Lindner. Wo macht Fogarty nun was besser? Bei der Analyse hilft, wie heutzutage immer, der Computer. Sensoren an der Werks-Ducati zeichnen Unmengen von Daten auf. Ob Federweg, Temperaturen von Luft, Wasser und Öl, Geschwindigkeit, Drehzahl, Lambda-Werte oder die Stellung der Drosselklappen, hier gibt es keine Geheimnisse.Auf Wunsch spuckt der Computer dann ein Diagramm aus, auf dem sich Lindners und Fogartys Kurven überlagern. Eine zeigt die gefahrene Geschwindigkeit, die andere die Stellung der Drosselklappen. Eine Analyse der unterschiedlichen Fahrwerksreaktionen macht kaum Sinn, zu unterschiedlich ist die Statur beider Fahrer: Lindner mit 1,90 Meter Länge und 83 Kilo Gewicht, Fogarty nur 1,72 Meter groß und 65 Kilo leicht. Die Drehzahlkurve über die ganze Strecke wollte Ducati leider nicht rausrücken: »Daran kann die Konkurrenz zu viel ablesen«, beschied Chefingenieur Corrado Cechinelli. Doch auch an Geschwindigkeit und Gasgriffstellung kann Fogartys Elektronik-Ingenieur Matthew Casey einiges erkennen: »Im Wesentlichen entsprechen Lindners Linien denen von Fogarty, nur das letzte Quäntchen fehlt noch.« Aha. Aber wo genau? Fogartys absolute Höchstgeschwindigkeit in der Vergleichsrunde lag kurz vor der Tramonto-Kurve (5) bei 268 km/h, Lindners dagegen bei 260 km/h, am langsamsten Punkt dieser langen Linkskurve (6) fuhr Fogarty immer noch 97 km/h, Lindner 91 km/h. Den niedrigsten Speed insgesamt hatten beide in der zweiten Kurve nach dem Start (3) drauf: Lindner 80 km/h, Fogarty 83 km/h. Bei der Analyse der Tramonto-Kurve zeigt sich anhand der Gasgriffstellung, dass Fogarty früher und deutlich schneller herunterschaltet. »Da musste sich Lindner wahrscheinlich erst noch an unsere Spezialkupplung gewöhnen«, trösten die Ducati-Techniker. Diese von SFM entwickelte Sliding Clutch bewirkt, dass die Kupplung auch dann noch etwas weiter rutscht, wenn der Fahrer den Hebel bereits wieder losgelassen hat. »Wir haben dadurch weniger Motorbremse, und das Motorrad wird stabiler«, sagt Casey. Bleibt festzuhalten, dass Meister Fogarty entgegen landläufiger Meinung also nicht später anbremst, sondern früher, dafür die Geschwindigkeit nicht so weit reduziert wie Vergleichsfahrer Lindner. Und ein weiterer kleiner, aber entscheidender Unterschied: Fogarty reißt das Gas viel öfter komplett auf, nämlich 13,4 Prozent pro Runde, was knapp 550 Metern entspricht. Lindner dagegen kommt nur auf 8,9 Prozent, hält also umgerechnet auf 360 Metern das Gas ganz offen. So gewinnt Fogarty entscheidende Zehntelsekunden, die sich über die gesamte Distanz dann zu ganzen Sekunden addieren. Etwa nach der Tramonto- und vorm Anbremsen der Quercia-Kurve (8) , wo Fogarty kurzfristig stolze 217 km/h schnell ist, Lindner dagegen bloß auf 205 km/h kommt. Wieder nimmt Ingenieur Casey den MOTORRAD-Testchef in Schutz: »Man sieht ganz klar, dass er das Motorrad erst noch kennenlernen musste, das geht nicht so leicht in ein paar Runden.« Also doch alles nur eine Frage der Übung? Mitnichten. Denn in der Liga, in der Carl und Konsorten um Sieg und Niederlage kämpfen, geht es nicht mehr um Sekunden, sondern um hundertstel Bruchteile davon. Dann hängt der Erfolg nicht mehr allein vom richtigen Material ab, dann spielt die Psyche eine entscheidende Rolle. Und die scheint bei Carl Fogarty in Ordnung zu sein. Eva Breutel

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