(Archivversion)

Modellgeschichte
Sie ist weg. Und keiner hat’s gemerkt. Sagen wir mal: kaum einer. Nach dem Produktionstopp 2003 stehen nur noch vereinzelt unberührte 900er-Diversion bei den Händlern. Bei ihrem Erscheinen im Jahr 1994 sollte sie in die Fußstapfen der in den Achtzigern besonders beliebten Vorgängerin XJ 900 F treten, doch eingeschworene XJler sahen in der »S«
eine Maschine, die wenig mit der altehrwürdigen »F« gemeinsam hat. Während Letztere als sparsam und mit ihren anfänglich 98, später nur noch 92 PS, vergleichsweise moderatem Gewicht von etwas mehr als 240 Kilogramm noch als sportlich durchging, bekam die Diversion Schelte. Vollgetankt 276 Kilo schwer und nur noch 90 PS stark, machte die
komplette Neukonstruktion mit ihrem großen Benzindurst bei forciertem Reisetempo als Sporttourer tatsächlich keine überzeugende Figur.

Das störte die Profi-Tester. Aber weniger die Käufer. Die nahmen die neue XJ 900 dankbar an, in den
36 Monaten nach Verkaufsstart wurden mehr als 6000 Fahrzeuge angemeldet. Überzeugende Kaufargumente gab’s einige: wartungsarmer Kardanantrieb, vorbildliche Tourereigenschaften, durchzugsstarker und langlebiger Vierzylindermotor sowie
ein attraktiver Preis. Der hielt sich jahrelang stabil
unter 16000 Mark.
Technisch hat sich, abgesehen von einer geänderten Abstimmung des häufig kritisierten Federbeins, innerhalb der Modellgeschichte ebenfalls wenig getan. Ein Facelift gab’s auch nicht. Die günstigen Anschaffungskosten und solide Technik lockten genügend Kunden, die etwa auf bajuwarische Kardan-Ware oder Hightech getrost verzichten konnten. Erst 2001 wurde die Diversion – einhergehend mit einem starken Yen-Kurs – deutlich teurer: 17800 Mark. Beim Währungswechsel 2002 rechnete Yamaha fair auf 8930 Euro um, und das letzte Modelljahr ging für 9105 Euro an den Mann oder die Frau.
Jetzt ist sie weg. Unauffällig, wie sie nun mal war und ist, verabschiedet sich die XJ mit dem Abverkauf
in diesem Jahr leise vom Markt.

Marktsituation
Für die Diversion entscheiden sich mehrheitlich gestandene Vernunftmenschen. Davon gibt’s zuhauf, denn zurzeit des Produktionsstopps im Jahr 2003 fuhren über 12000 Halter die schlichte 900er
über Deutschlands Straßen und in der Zulassungen-
Bestenliste auf einen respektablen 29. Platz. Jenseits aller Leidenschaften wissen die Käufer, was sie an dem Motorrad haben: einen Dauerläufer. Weshalb
es auch mit hoher Laufleistung keinen Grund gibt, sich von der XJ zu trennen. Entsprechend spärlich
ist das Angebot und fast nur auf dem Privatmarkt existent. Vereinzelt stehen dort stark gebrauchte und günstige Maschinen zum Verkauf, selten für weniger als 3000 Euro. Fahrzeuge mit Kilometerleistungen unter 50000 werden vergleichsweise teuer angeboten. Modelle der Baujahre 1996 bis 1999 mit
einem Tachostand zwischen 20000 und 30000
Kilometern liegen etwa bei 4500 Euro. Für jüngere Fahrzeuge in fast neuwertigem Zustand mit sehr
geringen Laufleistungen werden Preise deutlich
über 6000 Euro verlangt, wobei diese Angebote
äußerst rar sind.
Weniger selten ist es hingegen, dass Diversion
in Annonceblättern und auf Internetmärkten, die normalerweise die günstigsten Offerten bereit halten, weit über der Schwacke-Empfehlung feil geboten werden. Echte Schnäppchen gibt es nur wenige, und wenn sie auftauchen, dann ist beim Kauf absolute Schnelligkeit und Entscheidungsfreude angesagt. Nach Auskünften von Händlern ist die Nachfrage größer als das Angebot. Deshalb nehmen die meist gerne eine gebrauchte XJ 900 S in Zahlung und werden sie in der Regel ebenso schnell wieder los, häufig an XJ-600-Fahrer mit Aufstiegsdrang.

Außerdem berichten Händler, dass in diesem Jahr
ein auffälliges, überregionales Interesse an den letzten angebotenen Neufahrzeugen zu erkennen ist. Vermutlich suchen die Käufer eine treue Begleiterin und wissen, dass sich die große Diversion wegen ihres Rufs als langlebiges und wertstabiles Motorrad voraussichtlich auch noch nach Jahren wieder gut verkaufen lässt.

Besichtigung
Die am häufigsten geäußerten Kritikpunkte an der
XJ 900 S sind der hohe Spritverbrauch und das
Fahrwerk. Während Ersterem hauptsächlich mit
gezügelter Gashand beizukommen ist, lassen sich
Fahrwerkschwächen durch Nachrüstteile in den Griff kriegen. Daher sollte man bei der Besichtigung besonders die Federelemente in Augenschein nehmen, ob der Vorbesitzer hier bereits investiert hat. Ansonsten entstehen dem Gebrauchtkäufer früher oder später wahrscheinlich weitere Kosten, möchte er die Fahreigenschaften verbessern. Ein Federbein sowie Gabelfedern von Öhlins (Zupin Moto-Sport, Telefon 08668/848-200), Wilbers (Telefon 05921/
727170) oder White Power (So Products, Telefon 05924/7836-0) leisten hier beste Arbeit. Die Dunlop-Originalbereifung harmoniert mit dem empfindlichen Fahrwerk nicht besonders gut. Besser: die Pneus von Bridgestone (BT 020) oder von Metzeler (ME Z4), für die Freigaben auf der Homepage von Yamaha (www.yamaha-motor.de) parat stehen.
Bei Fahrzeugen bis Baujahr 1998 kann die Tank-
anzeige spinnen, was in der Regel an einem ausgeschlagenen Gelenk des Gebers liegt. Deshalb den Verkäufer fragen, ob das Problem auftritt oder
ob der Geber gegen einen modifizierten getauscht wurde. Ebenso die Kardanentlüftung prüfen. Teil-
weise trat bei älteren Modellen Öl an der Entlüftung aus. Vom Hersteller wurde ursprünglich ein mineralisches SAE-90-Kardanöl empfohlen, später jedoch ein dünnflüssigeres Synthetiköl (SAE 75W 90),
dadurch leckte nichts mehr aus der Entlüftung.
Eine im MOTORRAD-Langstreckentest festgestellte Schwachstelle ist die Auspuffanlage von Fahrzeugen bis 1996. Feine Risse traten am Sammler auf. Durch Schweißen ist dieses Problem recht wirkungsvoll
zu beheben, und neuere Modelle weisen ohnehin eine größere Blechstärke in den kritischen Bereichen auf. Anzumerken sei, dass der 100000-Kilometer-Langstreckentest ansonsten für die XJ 900 S, ohne Mängel verlief.
Hat der Vorbesitzer seine Diversion liebevoll gepflegt und sich schon um die wenigen Zicken seiner Maschine gekümmert, bleibt die Fehlersuche meist ergebnislos. Dann sollte man das Augenmerk auf eine sinnvolle Zusatzausstattung in Form von Tourenscheibe oder Kofferset richten. Die Yamaha-Koffer schränken jedoch den Fußbereich des Sozius ein und sind mit einem veralteten Schließsystem ausgestattet, deshalb empfehlen sich eher Sets von Hepco & Becker oder Givi. Ist vielleicht noch ein Tankrucksack dabei? Gut, dann heißt es: Sachen packen und ab in den Süden. Und danach zum Nordkap. Und noch mal
hin und zurück. Die XJ wird ziemlich sicher alles anstandslos mitmachen.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote