Aue, Holger: 10 Jahre Comic-Jubiläum in MOTORRAD (Archivversion)

Der Hase ist im Bestiarium, der tierischen Besetzungscouch fabel-hafter Literatur, ganz klar auf die Rolle des Angsthasen abonniert. Wenn einer als Schisser schlechthin gelten darf, dann der Meister Lampe.
Im Kosmos des Künstlers Aue indes
erscheint der Langohrige als gänzlich
andersartiges Getier. Der Auesche Hase, kein Schisser (siehe Stichwort Hund),
ein Connaisseur vielmöhr, hat in nicht
wenigen Strips seinen Auftritt als kundiger Beobachter. Einer, der mit gleichsam
hellseherischer Begabung voraussagt, wenn’s knallt. Zur Dramaturgie seines
Erscheinen gehört also, dass der Hase
stets drohendes Unheil vorwegnimmt.
Anders ausgedrückt: Wenn irgendwo ein häsliches Tier zu sehen ist, passiert in der Regel, so lässt sich das nicht nur sagen, so muss man das sogar sagen: Scheiße. Schon im ersten Motomania-Band demonstriert Aue anhand eines hinterhältigen Gesetzeshüters in Grün, dass es äußerst schmerz-
liche Konsequenzen haben kann, den
Weisheiten des Hasen – »Loud pipes save lives« – mit Vertrauen in die eigene Besserwisserei – »Laut ist out« – zu begegnen. Wird doch der Herr in Grün grandios von
einem ungebremst daherbratenden, aber eben schwächlich säuselnden Japanvier-
zylinder umgemangelt, nachdem er zuvor erbost auf die Straße getreten war, um sich über eine Heerschar brüllrohriger Zweiradler aufzuregen. In der Umdeutung des hergebrachten Bilds des Hasen zeigt sich Aues geschärfte Wahrnehmung. Ist nicht der Hase einer, in dem sich Beschleunigung, Dynamik, Geschwindigkeit zu unerreichter Symbiose finden? Und ist er nicht damit dem Motorradfahrer gleich?
Der Hund ist wie die Kuh (siehe unten)
fäkal besetzt. Von den Wiederkäuern unterscheiden sich die Aueschen Caniden freilich
dadurch, dass sich die Verrichtung der Notdurft nicht allein in profanem Entleeren von Gedärm und Blase erschöpft. Angesichts dessen, dass Hunde territoriale Wesen sind, die ihr Revier über das Urinieren mittels Duftmarken kennzeichnen, kommt dem Markierten besondere Bedeutung zu. Also auch dem Motorrad. Dass der Hund hinterm Busch unter Qualen einhält, wo er es doch leichthin hätte laufen lassen können, erhebt die Harley zum Symbol des Begehrenswerten schlechthin.
Die Kuh ist wie der Hund (siehe oben) fäkal besetzt. Von den Aueschen Caniden unterscheiden sich die Wiederkäuer indes
dadurch, dass sich die Verrichtung der
Notdurft allein in profanem Entleeren von
Gedärm und Blase erschöpft. Anders als der Hase, den Aue mit seiner Darstellung rehabilitiert, ist die Auesche Kuh die
Affirmation des land- respektive straßenläufigen Bilds: die dumme Kuh, die aus achtloser Stupidität auf den markierten Bremspunkt macht. Ein unflätiges, weil kuh-flädiges Verhalten.
Die Wespe gilt Aue als suizidgeiles und asoziales Tier mit großer Affinität
zu theatralischen Ab-
gängen der eher japonesisch-kriegerischen Art.

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