Mit der Suzuki SP 370 auf Achse.

Auf Achse mit Suzuki SP 370 Suzukis erste große Viertakt-Enduro

Für die Viertelliter-Klasse viel zu teuer, als Halbliter-Dampfhammer zu schmächtig – mit ihrem "krummen" Hubraum passte die Suzuki SP 370 in kein gängiges Schema. Lag es daran, dass Suzukis erste große Viertakt-Enduro floppte? Wir gingen auf Spurensuche.

Sind wir heute toleranter und offener für Neues? Schaut man zum Beispiel auf die Modellprogramme der Autohersteller, muss es wohl so sein. Denn die setzen sich mit ihren Produkten mittlerweile bewusst zwischen die Stühle, suchen den Erfolg in der Nische – und finden ihn sogar immer öfter. Natürlich zünden nicht alle Ideen. Weil aber alle an Nischenprodukten arbeiten, gehen Misserfolge im allgemeinen Treiben mehr oder weniger geräuschlos unter.

Vor rund 40 Jahren war das noch anders, gerade in der noch sehr übersichtlichen Motorradszene. Traf eine Maschine nicht den Massengeschmack, egal aus welchem Grund, wurde sie ganz schnell als Flop gebrandmarkt. Ein Makel, der diesen kommerziell gescheiterten Motorrädern oft noch nach Jahrzehnten anhaftet. Ein stark gewachsenes Liebhaber-Interesse hat etliche Modelle, exemplarisch genannt seien hier nur die Sechszylinder-Benellis oder eine Yamaha TX 750, mittlerweile zwar rehabilitiert. Andere fahren aber immer noch unterm Radar der Oldie-Liebhaber umher. Wie die Suzuki SP 370, Suzukis erster Viertakt-Single im Offroad-Look. Weshalb so ein Bike auch bei unserer Heftplanung nicht unbedingt auf Platz eins der Prioritätenliste steht.

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Was ist das für ein Typ?

Manchmal braucht es dann eben eines kleinen Anstoßes von außen, der unsere Aufmerksamkeit darauf lenkt. So geschehen in diesem Fall, als uns Dieter Böhringer in seiner Reaktion auf den Bericht über die Yamaha XT 500 (MOTORRAD Classic 6/16) aufforderte, ohne redaktionelle Scheuklappen auch mal über deren kaum beachtete Konkurrentin zu berichten. Dem Leserbrief hatte er einige Fotos mit gleich drei originalen Exemplaren der seltenen Suzuki SP 370 beigefügt – die wir gerne als Einladung verstehen dürften.

Meine Neugier war geweckt. Was ist das für ein Typ, der sich so intensiv um ein Mauerblümchen der Zweiradgeschichte kümmert? Vor Ort merke ich zu meiner Erleichterung rasch, dass ich es hier nicht mit einem missionarischen Eiferer zu tun habe. Sondern mit einem richtig netten Kerl, der sich mit Haut und Haaren Suzukis Offroadern verschrieben hat. Neben den SP 370-Modellen parken in seinen Garagen nämlich dicht gedrängt noch viele Twinshock-Crosser und GS-Modelle aus den 70er-Jahren im charakteristischen Gelb der Marke. Mit dieser ganz speziellen Ausprägung der „Gelbsucht“ hat sich der 48-jährige Schwabe bereits in seiner Jugend bei vielen Besuchen von Motocross-Veranstaltungen infiziert.

Schlicht und elegant

Über das Sammeln von Suzukis PE- und RM-Modellen ist er dann vor zehn Jahren im Internet eher zufällig auf die SP 370 gestoßen, die Straßen-Enduro kannte selbst er bis dahin nicht. „Mit ihrer schlanken Linie hat mir die Suzuki SP 370 aber sofort gefallen. Ihre schlichte Eleganz fand ich so attraktiv, dass ich unbedingt eine haben musste.“ Mittlerweile sind es drei fahrbereite Exemplare, ein viertes befindet sich gerade im Aufbau. Für unsere Ausfahrt wähle ich die silberne Maschine, wie sie 1979 auch in Deutschland angeboten wurde.

Dieter hat diese völlig originale Suzuki SP 370 erst letztes Jahr aus erster Hand gekauft, selbst die IRC-Reifen auf den schönen Alu­felgen sind noch die ersten! Was dem Redakteur mehr Unbehagen bereitet als dem Besitzer. „Mach dir keinen Kopf, die haben noch genug Grip, für die 17 PS langt es allemal!“ Moment mal, nur 17 PS? „Ja, das ist eigentlich eine SR 370, die Drosselvariante, die Suzuki mit einem 22er-Bing-Vergaser in Leistung und Preis reduziert hatte, um die Lagerbestände 1980 abzuverkaufen.“

Importeur schummelte bei der Leistung

Da war die Suzuki SP 370 längst gescheitert. Schuld hatten jedoch nicht etwa technische Gebrechen, sondern schlicht und ergreifend kaufmännisches Unvermögen. Denn der Suzuki-Importeur hatte seinerzeit die hubraumschwächere SP 370 nicht nur auf dem Niveau der Yamaha XT 500 eingepreist, sondern auch bei der Leistung geschummelt. Die angegebenen 27 PS konnte die SP 370 gar nicht haben, da sie weltweit nur mit 24 PS ausgeliefert wurde, wie der erste Test in MOTORRAD 17/1978 verriet.

Potenzielle Kaufinteressenten zeigten der Suzuki SP 370 daraufhin die kalte Schulter – der Flop war perfekt. Dabei hatte die zweite große Viertakt-Enduro aus Japan technisch durchaus einiges zu bieten, als sie 1978 auf den Markt kam. Etwa eine nadelgelagerte Schwinge, viel Magnesium am Motorgehäuse, Felgen und Gabelbrücken aus Alu, die vom Crossmodell stammende 36er-Gabel, geschmiedete Handhebel oder der zum Rahmen abgestützte Zuganker der somit reaktionsfreien hinteren Trommelbremse.

Leistung steht nicht im Fokus

Was mir beim Fahren jedoch als Erstes ins Bewusstsein dringt, ist das federleichte Handling der Suzuki SP 370, die mit 135 Kilogramm vollgetankt die XT 500 um 20 Kilogramm unterbietet. Als könne sie Gedanken lesen, klappt die Suzuki in Schräglage. Gut so, denn der extrem schmale Tank bietet den Knien kaum Anlagepunkte, weshalb das Feedback ein wenig diffus ausfällt – Gewohnheitssache. Wie auch die sehr aufrechte Haltung hinterm weit hochgezogenen Lenker, die mich fast schon ein wenig an einen Chopper erinnert. Die breite Sitzbank bietet dem Allerwertesten ein kommodes Polster in gemäßigter Höhe. Das passt Großen für längere Touren ebenso wie Kurzbeinigen beim „Fußeln“ im leichten Gelände, wenn es beim Enduro-Wandern mal eng werden sollte.

Denn das gehört auch heute noch zu den Paradedisziplinen der Suzuki SP 370. Hierbei ist weniger die Leistung, sondern vielmehr ein unkomplizierter Charakter der bestimmende Faktor für den Fahrspaß. So gefällt mir die sanft ansprechende, mit ausreichend Dämpfung versehene Gabel prima, sie schluckt selbst gröbere Asphaltverwerfungen erstaunlich gut. Hinten geben sich die serienmäßigen Kayaba-Federbeine allerdings etwas ruppig, lassen Schläge schon mal bis zum Steißbein durch. Hier lohnt eine Nachrüstung mit Zubehör-Federbeinen, wie mir später die kurze Proberunde mit Dieters roter SP 400 zeigen sollte. Deren YSS-Federbeine bieten jedenfalls spürbar mehr Komfort und verhelfen der Suzuki darüber hinaus zu einer deutlich souveräneren Straßenlage auf welligem Untergrund.

Hubraum von 369 cm³ ungewöhnlich

Ernsthaft in Bedrängnis bringen kann der gedrosselte Eintopf aber selbst das Serienfahrwerk nicht, dazu fehlt es einfach an Leistung. Mit der kurzen Übersetzung kommt jedoch zumindest auf engen, kurvigen Abschnitten keine Langeweile auf. Wer fleißig im exakten, mit relativ langen Schaltwegen gesegneten Fünfganggetriebe rührt, findet stets den passenden Gang für genügend Vortrieb. Allerdings nur bis Tempo 100, darüber klettert die Tachonadel nur sehr zäh weiter – im Vergleich zur ungedrosselten Variante fehlten der 17-PS-Version bei den Messwerten einst knapp 20 km/h in der Spitze. Doch Dieter hat da so seine Zweifel: „Wirklich gravierend sind die Unterschiede nicht, viel spritziger gehen weder meine ungedrosselte gelbe Suzuki SP 370 noch die 400er.“

Dass Suzuki die SP 370 damals mit dem ungewöhnlichen Hubraum von 369 cm³ offerierte, hatte seinen Grund in der Anpassung an die Führerschein- und Versicherungsgregularien in den Überseeländern, dem Hauptabsatzmarkt. Im Gegensatz zur XT 500 mit separatem Öltank im Rahmen setzte Suzuki bei diesem kurzhubigen Zweiventiler auf eine Nasssumpf-Schmierung. Der Motor geht zu meiner Überraschung schon bei niedrigen Drehzahlen ab 2.500/min ohne Hacken ans Gas und zieht selbst in der Drosselvariante ziemlich erwachsen voran. Bei 4.000 Touren gibt es perfekten Anschluss im nächsten Gang, bei 6.000 Touren ist bei der silbernen Suzuki SP 370 aber Schluss mit lustig, der rote Bereich bei 8.000/min bleibt Illusion.

Scrambler-Look für kleines Geld

Ähnlich kräftig wie der Durchzug kommen mir auch die Vibrationen vor, speziell bei 4.500/min gibt es eine lästige Fußmassage. Dank Vorschalldämpfer hinterm rechten Seitendeckel pöttelt es dafür relativ leise aus dem schlanken Endtopf – passend zum insgesamt sehr umgänglichen und sanften Charakter der Suzuki SP 370.

Bei einer kurzen Pause betrachte ich die Suzuki in aller Ruhe. Ja, sie hat ihre Reize, verkörpert nahezu perfekt den wieder so angesagten Scrambler-Look – und das für kleines Geld. Nach dieser Ausfahrt verstehe ich Dieters Liebe zur gefloppten Suzi. Hat mir die Suzuki SP 370 doch wieder einmal die Augen geöffnet, wie attraktiv heute Motorräder sein können, die einst in kein Schema passten.

Meinung des Besitzers Dieter Böhringer

Dieter Böhringer, Suzuki-Fan und Besitzer mehrerer SP 370-Modelle: Mir haben es vor allem die Suzuki-Crosser und GS-Modelle der 1970er-Jahre angetan. Auf die Suzuki SP 370 bin ich eher zufällig gestoßen, die kannte ich zuvor gar nicht. Mit ihrer wunderschönen, schnörkellosen Linienführung hat sie mir sofort gefallen. Für mich strahlt sie eine schlichte Eleganz aus, die zeitlos ist.

Als Hobby-Geländesportler gefallen mir außerdem das geringe Gewicht und der gute Durchzug von unten heraus. Ich finde es schade, dass der Suzuki SP 370 bis heute der Ruf als einer der größten Flops der 70er-Jahre anhaftet und sie deshalb im Schatten der Yamaha XT 500 praktisch nicht wahrgenommen wird.

Technische Daten Suzuki SP 370

Suzuki SP 370

Motor: Luftgekühlter Einzylinder-Viertaktmotor, zwei Ventile, über eine obenliegende Nockenwelle und zwei Kipphebel betätigt, Bohrung x Hub 85 x 65,2 mm, Hubraum 369 cm³, Verdichtung 8,9:1, ein Mikuni-Vergaser, Ø 32 mm, Nennleistung 27 PS bei 7.500/min (SR 370: 17 PS bei 5.950/min) Kraftübertragung: Mehrscheiben-Ölbadkupplung, Fünfganggetriebe, Kettenantrieb

Fahrwerk: Einrohrrahmen mit gegabelten Unterzügen, hydraulisch gedämpfte Telegabel vorn, Ø 36 mm, Zweiarmschwinge mit zwei Federbeinen hinten, Drahtspeichenräder mit Alufelgen,  Reifen 3.00-21 vorn und 4.00-18 hinten, 180-mm-Simplex-Trommelbremse vorn und hinten

Maße und Gewichte: Radstand 1.420 mm, 135 kg vollgetankt, Tankinhalt 8,5 l

Höchstgeschwindigkeit: zirka 125 km/h (SR 370: 108 km/h)

Preis 1978: 4.640 Mark

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