Auf der Rennstrecke (Archivversion) Wenn Leistung dir den Atem raubt

Man sollte es tun. Wirklich! Weil es etwas anderes ist, aus der Ecke heraus den Hahn zu spannen und voll auszudrehen, als auf der Autobahn mal Gas zu geben. Die Hochachtung vor den Boliden wird wachsen.

Es geht ums Image, es gibt einen Ruf zu verlieren. Die Rennstrecke: auf einer supersportlichen Tausender das Größte der Gefühle und eine große Herausforderung für den Fahrer. Selbst wenn die Performance auf der Piste in der Regel mit dem, was im zivilen Zweiradleben passiert, nichts zu tun hat.

Deshalb eins vorweg: Ganz egal, auf welchem dieser heißen Eisen man antritt – die Rundenzeiten unterscheiden sich nur durch Sekundenbruchteile. Jene dagegen, die einen Fahrer von dem anderen trennen, sind meist in ein- oder gar zweistelligen Sekundenbeträgen zu messen.

Doch obwohl sich die deutlich spürbaren Unterschiede von der Landstraße auf der Rennstrecke bis zu einem gewissen Grad angleichen, sind sie auf jeder Geraden, in jeder Bremszone und in jeder Kurve zu bemerken. Und gerade von den letzten beiden gibt es auf dem Kurs im spanischen Calafat jede Menge. Ist die Honda mit ihrem ABS deswegen im Vorteil? Es kommt darauf an. Rennstreckenneulinge profitieren sicher selbst bei optimalen Streckenbedingungen von der Gewissheit, das nicht plötzlich das Vorderrad stehen bleiben kann. Erfahrenere Hobby-Racer werden hingegen nicht einfach beherzt ihre Bremspunkte nach hinten verschieben, sondern bremsen wie eh und je, ohne einen Nachteil zu spüren. Doch wenn das Renntraining im Regen stattfindet, werden auch sie dankbar und mit Verve am Hebel ziehen. Ebenso wie erfahrene Racer diese Hilfe unter schwierigen Bedingungen zu schätzen wissen, während sie auf trockener Piste im bremsenfressenden Calafat nicht immer ganz zufrieden mit der ABS-Performance waren. Denn in einigen seltenen Situationen machte das System spürbar auf. Aber Achtung: Hier ist die Rede von Rundenzeiten um die 1.32 Minuten (siehe Punktewertung rechts). Der schnellste Fahrer, Jerker Axelson von MOTORRAD Schweden, blieb gar unter 1.30 Minuten.

Der gab schon nach den ersten Run-den einen vielsagenden Kommentar zur neuen R1 ab: „Feels like coming home!“ In der Tat setzt die Yamaha auch auf der Rennstrecke ihren Schmusekurs fort. Keine lenkt leichter ein, keine bleibt präziser auf Kurs. Und noch ein entscheidender, auf der Landstraße ebenfalls auffälliger Punkt zeichnet die R1 aus: Während besonders eine MV, aber auch eine Kawasaki dem Fahrer durch ihre kreischende, aggressive Leistungsentfaltung wahre Heldentaten am Gasgriff vorgaukeln, bagatellisiert der unrhythmische Zündversatz das Drehzahlniveau. Auf der R1 hat man das Gefühl, mit weniger Drehzahl unterwegs zu sein. Das schont die Nerven und ist gerade bei einem menschen- und materialzermürbenden Kurs wie Calafat ein großes Plus, während die sechs PS, die sie von der klassenstärksten MV trennen, hier keine Rolle spielen.

Überhaupt MV. Gegensätzlicher als Yamaha und MV können Motorräder nicht sein. Sehr, sehr freundlich zum Fahrer die eine, ein echter Prüfstein die andere. Wenn du sie hart rannimmst, nimmt sie dich noch härter ran, philosophierte Jerker. Harte Gasannahme, heftige Vibrationen, aber vor allem die misslungene Ergonomie machen jede Gewichtsverlagerung zum Problem. Jede Aktion, die auf der Yamaha leicht und spielerisch vonstatten geht, ist auf der MV harte Arbeit. Das spiegelt sich nicht nur in der Punktewertung, sondern auch in der schlechtesten Rundenzeit wider.

In dieser Hinsicht liegt die Suzuki ganz vorn und setzt damit in die Tat um, was sie schon auf der Landstraße ankündigte. Ein toller Motor mit sanfter Gasannahme und linearer Leistungsentfaltung, ein handliches und stabiles Fahrwerk mit straffem Grund-Setup und eine gelungene Ergonomie machen schnelle Runden auf ihr zum Vergnügen. Eine Charakteristik übrigens, die weitgehend auch auf die Honda und die Kawasaki zutreffen. Alle drei sind exzellente Racebikes, die erst hier ihr Potenzial richtig entfalten können. Dabei ist es Geschmackssache, ob einem die gleichmäßige Leistungsentfaltung der Honda mehr liegt als das Finale furioso der Kawasaki. Atemberaubend ist es allemal. Der Respekt sollte jedoch immer mitfahren.

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