Austrodiesel

Die Grazer Firma AVL List ist ein
renommierter Entwicklungshelfer der Pkw-Branche, speziell auf dem Diesel-
sektor. Es gilt als offenes Geheimnis, dass die Steirer am Entstehungsprozess vieler aktueller Dieselmotoren entscheidenden Anteil haben. Da die österreichische Denkfabrik auch eine Abteilung Kleinmotoren und Zweiräder unterhält, war es nur kon-
sequent, die Synthese von Motorrad und Turbodiesel, der hohes Drehmoment und eine zweiradgerechte Leistungscharakteristik bietet, zu analysieren. Vor der Konzeption erstellten die Mannen um Projektleiter Bernhard Graf ein Lastenheft:
l Die Leistung sollte 100 PS, das Drehmoment 200 Nm betragen.
l Das Gewicht musste im direkten Vergleich konkurrenzfähig bleiben.
l Das mechanische Getriebe sollte eine automatische Schaltung erhalten.
l Der Motor musste künftige Abgas- und Geräuschbestimmungen erfüllen.
l Als größte Herausforderung galt es,
trotz anderer Motortechnik das charakteristische Erscheinungsbild eines unverkleideten Motorrads zu reproduzieren.
Nach diesen Vorgaben machten sich die Ingenieure ans Werk, von der Kon-
zeption über die Konstruktion bis zur
Erstellung eines Modells im Rapid-Prototyping-Verfahren und der Simulation der Fahr- und Verbrauchseigenschaften am Rechner. Dabei decken sich die Grundsatzüberlegungen mit denen von MOTORRAD. Ein turbogeladener, ladeluftgekühl-
ter Reihendreizylinder mit Common-Rail-Direkteinspritzung kristallisierte sich als optimale Lösung heraus. Aus 83 Millimeter Bohrung und 82 Millimeter Hub resultier-
ten 1331 cm3 Hubraum. Zwei zahnkettengetriebene, oben liegende Nockenwellen steuern über Rollenschlepphebel je vier Ventile pro Zylinder. Für eine gute Verwirbelung ist einer der beiden Einlasskanäle pro Zylinder als Tangential-, der andere als Drallkanal ausgeführt.
Das freie Massenmoment erster Ordnung des Drillings eliminieren zwei von
der Kurbelwelle angetriebene Zahnräder mit exzentrisch platzierten Schwermetallstopfen. Zur Aufladung dient ein Lader mit verstellbarer Turbinengeometrie. Die Common-Rail-Pumpe sitzt hinter dem Motor über dem Getriebe, der Oxidationskatalysator unter dem Motor. Auch für die Kühlung ließen sich die Ingenieure eine pfiffige Lösung einfallen. Wasser- und Ladeluftkühler sind in Sandwich-Bauweise direkt hintereinander an konventioneller Position hinter dem Vorderrad platziert, darunter der zusätzliche Ölkühler. Die halbauto-
matische Schaltung des herkömmlichen Sechsganggetriebes erfolgt elektrohydraulisch, die Versorgung mit Öldruck von einer zweiten Ölpumpe, die auf einer gemeinsamen Welle mit der ersten läuft. Damit lässt sich das Getriebe sowohl manuell
als auch automatisch schalten. Das mit-
tragende Triebwerk sitzt in einem Gitterrohrrahmen, die Schwinge ist im Motorgehäuse hinter dem Getriebe gelagert.
So weit, so gut. Doch wie sehen nun die mittels Simulation erstellten Prognosen aus? Der Austrodiesel würde sogar die 2,3-Liter-Triumph-Rocket weit übertreffen. Bei 1000/min sollen 100 Nm anliegen, bei 2000 Touren 200 Nm erreicht sein, die bis 3500 Umdrehungen anhalten. Erst dann fällt das Drehmoment bis zur Maximaldrehzahl von 5000/min wieder ab. Die Leistung steigt laut Berechnung konti-
nuierlich bis 3500/min auf 100 PS an und bleibt bis 4500 Umdrehungen konstant. Und laut Vorhersage der Grazer brächte das Dieselbike bei einem Tankvolumen von 21 Litern 240 Kilogramm vollgetankt auf die Waage. Womit es sich im Reigen von Yamaha XJR 1300 und Co. keinesfalls
verstecken müsste.
Anhand dieser Daten lassen sich auch die Fahrleistungen berechnen. So müsste sich der Steirer Diesel von null auf 140 km/h mit 5,3 Sekunden einer Kawasaki ZRX 1200 nur um zwei Zehntel geschlagen geben. Und könnte im Durchzug das bislang schnellste japanische Motorrad dieses Segments, die Honda CB 1300, von 60 bis 100 km/h mit 3,3 Sekunden um glatt vier Zehntel deklassieren. Von 100 bis 140 km/h müsste der Diesel lediglich der Kawasaki ZRX 1200 um ein Zehntel den Vortritt lassen. Und würde mit 220 km/h Höchstgeschwindigkeit munter im Reigen der großen japanischen Naked Bikes mitmischen – bei deutlich geringerem Verbrauch.
Selbst wenn diese Daten etwas optimistisch erscheinen, zeigt die Studie ganz klar das Potenzial eines Dieselmotor-
rads auf, ohne wirklich zu verdeutlichen, mit welcher Lässigkeit es auf niederstem Drehzahlniveau zu Werke ginge. Bleibt zu hoffen, dass eine Motorradfirma die Überlegungen der AVL aufgreift, vielleicht sogar jener deutsche Hersteller, der in der Steiermark bereits heute famose Sechszylinder-Diesel für seine Pkw fertigen lässt – kein geringerer als BMW.

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