Bayerischer Rundfunk am Sudelfeld Ojemine

Gar fürchterlich rasende Motorradfahrer sollen Reporter, Kameramann und Co. so erschreckt haben, dass sie alle Klischees über Krawall-Kradler in ein Filmchen packten.

Foto: Ebner
Bitumen am Sudelfeld: Aufhänger für eine umstrittene TV-Reportage
Bitumen am Sudelfeld: Aufhänger für eine umstrittene TV-Reportage
Es war einmal ein Fernsehteam, das zog los, um für Bayerns drittes Programm eine Reportage zu fabrizieren. »Gefahr durch Bitumen am Sudelfeld« sollte sie heißen und die Sendung »Zeitspiegel« zieren. »Motorradfahren macht Spaß, doch den macht Bitumen kaputt« – darum gehe es bei dem Dreh, verklickerte die Reporter-Crew neugierigen Motorradlern vor Ort. Dann aber kam der Dreh in den Dreh: »Bei diesem Tempo, das hier gefahren wird, spielt Bitumen eigentlich keine Rolle mehr. Wer so fährt, riskiert sowieso einen Sturz«, war in dem am
17. September gesendeten Beitrag zu
hören. Statt über Gefahren durch unsachgemäße Straßenreparaturen aufzuklären, wurde der Motorradfahrer mal wieder zum allein Schuldigen erklärt.
Wahrlich nichts Neues mehr, dass Motorradfahrer in den Medien zu hirnverbrannten Heizern und Organspendern degradiert werden. Solch dümmliche Ver-
allgemeinerungen sprechen eigentlich nur gegen ihre Urheber. Doch das Machwerk der bajuwarischen Fernsehtruppe darf getrost als peinliche Entgleisung betrachtet werden.
Weil man von Journalisten bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten eigentlich erwarten sollte, dass sie ordentlich
recherchieren. Und dass sie das ehrlich tun. »Wir haben uns vor Ort anders entschieden«, begründet Redakteur Thomas Kießling seinen Schwenk. Und wieso? »Bis zu 70 Prozent fahren hier schnell und Angst einflößend.«
Zugegeben, es gibt am Sudelfeld
Leute, welche die Landstraße mit der Rennstrecke verwechseln. Aber wenn es so schlimm gewesen sein sollte, wie Kießling behauptet, stellt sich die Frage, weshalb er und sein Team Motorradfahrer
gefragt haben, ob sie nicht mal so richtig durch die Ecken fahren könnten. Wenn es tatsächlich so schlimm gewesen wäre, hätte der Kameramann nur draufhalten und keine »Heizerszenen« nachstellen müssen.
Außerdem hätten sich einige der
Motorradfahrer, die dort den Statisten
gespielt haben, niemals dazu bereit erklärt, wenn sie gewusst hätten, welche Tendenz die Reportage kriegen sollte. Über die spontane Entscheidung des Fernsehteams, einen Film kontra statt pro Motorradfahrer zu produzieren, wurden sie nicht informiert. »Die haben uns verarscht, sagten bis zum Schluss, dass
sie zum Thema Bitumen und die davon ausgehende Gefahr für Motorradfahrer drehen.« Das zu besichtigende Resultat sah bekanntermaßen ganz anders aus: Bitumen hin, Bitumen her – wer so gast, stürzt sowieso.
Perfid an dieser Aussage: Wochen vorher war am Sudelfeld ein Motorradfahrer tödlich verunglückt, die Untersuchung der Polizei zum Zeitpunkt der Aufnah-
men noch nicht abgeschlossen. Was den Regisseur nicht hinderte, das Kreuz, das Freunde an der Unfallstelle postiert haben, ins Bild zu setzen. Just, als es wieder einmal um die verrückten Motorradfahrer ging. Kommentar überflüssig.
Ausgestrahlt wurde die Sendung am Mittwoch vor den Bayerischen Landtagswahlen. Der SPD-Kandidat Ludwig Wörner, der sich gegen die Bitumenschmiererei am Sudelfeld engagiert hatte, wurde en passant – und rein zufällig, natürlich – als Freund der Raser und Krawalliere vom Sudelfeld inszeniert. Dafür durfte ein Vertreter des Straßenbauamts deklamieren, dass die Reparaturen am Sudelfeld völlig korrekt durchgeführt worden seien. Gefahr durch Bitumen – dies suggerierte diese Sendung, die gibt es nicht. Das glaubt nicht mal der verantwortliche Re-
dakteur. »Ist doch eh klar, dass Bitumen
für Zweiradfahrer gefährlich ist«, meinte Kießling. Am Telefon, nach der Sendung, im Gespräch mit MOTORRAD. Warum sagte er es nicht in seinem Bericht?

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