Beratung: Kinder als Mitfahrer Kids und Motorrad

Statt Glotze oder Computer ab nach draußen auf gemeinsame Fahrt! Kinder lassen sich für solch ein Programm leicht begeistern. Allerdings sollten die Erwachsenen auf eine freiwillige Selbstbeschränkung und Altersfreigaben für den Soziusplatz achten.

Statt Glotze oder Computer ab nach draußen auf gemeinsame Fahrt!
Gerd Wirz hat drei Töchter. Die fahren gerne Motorrad. Der stolze Vater findet das prima und nimmt sie deshalb öfter mal mit. Und zwar alle gleichzeitig: die Kleinste,1, mit einem Gürtel vor den Bauch geschnallt, die Größte, 5, auf dem Soziusplatz und die Mittlere, 3, in einem auf dem Gepäckträger montierten Kindersitz. Als er mit seiner voll besetzten Moto Guzzi bei einem Motorrad-Treff im Bergischen Land anhält, tritt ein Polizist an die Maschine heran, reibt sich die Augen, zählt Fahrer und Passagiere durch.

Der Gesetzeshüter empört sich über die kuriose Reisegruppe: „Halt, so nicht!“ Der Vater fragt: „Warum nicht?“ Der Polizist argumentiert mit überschrittener Zuladung, mangelnder Bremsfähigkeit sowie unmöglicher Beaufsichtigung der Kinder während der Fahrt. Wirz kontert mit 240 Kilogramm Zuladung, einem umgebauten Hand-Integral-Bremssystem für die Guzzi sowie einer für vier Personen tauglichen Gegensprechanlage. Dem irritierten Polizist fehlen nun die Worte, und er entlässt die Truppe mit der Bitte: „Dann fahren Sie aber vorsichtig.“ Die Töchter sind mittlerweile 18, 20 und 22 Jahre alt und fahren selbst Motorrad, Wirz verkauft und vermietet hauptberuflich Motorrad-Kommunikationsanlagen und Kinderausrüstungen (www.gerdwirz.de). Wie sich vieles im Laufe der Zeit ändert, würde eine ähnliche Situation heutzutage wohl anders enden. Der Gesetzestext regelt in § 61 der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) im Gegensatz zu kursierendem Halbwissen Folgendes: „Zweirädrige Kraftfahrzeuge, auf denen ein Beifahrer befördert werden darf, müssen mit einem Haltesystem für Beifahrer ausgerüstet sein (...)“ und außerdem „für Fahrer und Beifahrer beiderseits mit Fußstützen ausgerüstet sein.“ Ein um den Bauch geschnallter Gurt gilt danach nicht als Haltesystem, und sind jeweils nur für Fahrer und Sozius Fußrasten angebracht, ist das Motorrad lediglich für maximal zwei Personen zugelassen. Außerdem sagt das Gesetz: „Krafträder, auf denen ein Beifahrer befördert wird, müssen mit einem Sitz für den Beifahrer ausgerüstet sein. Dies gilt nicht bei der Mitnahme eines Kindes unter sieben Jahren, wenn für das Kind ein besonderer Sitz vorhanden und durch Radverkleidungen oder gleich wirksame Einrichtungen dafür gesorgt ist, dass die Füße des Kindes nicht in die Speichen geraten können“ (StVZO § 35/9).

Gerd Wirz hatte diese Anforderungen zumindest für eine Tochter erfüllt. Die Mitnahme von Kindern auf dem Motorrad kann jedoch auch dann untersagt werden, wenn der Nachwuchs geistig und körperlich als nicht fähig eingeschätzt wird, dem Geschehen auf dem Zweirad zu folgen. Ohne Zweifel kann sich ein ein- und auch ein dreijähriges Kind wohl kaum aus eigener Kraft auf der Maschine halten, geschweige denn wird es überblicken können, was in Schräglage, beim Bremsen und Beschleunigen fahrdynamisch passiert. Der Polizist, der seinerzeit Gerd Wirz belehrte, hätte also genügend Argumente gehabt, um die Weiterfahrt sofort zu unterbinden und den Fahrer wegen unzulässiger Besetzung mit einem Buß- oder Verwarnungsgeld zu belangen.
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Eine Frage der Verantwortung

Komplizierter wird es, wenn die Kinder etwas älter sind, denn es existiert kein Katalog mit bestimmten Fähigkeiten, welche ein Kind für die Mitfahrt auf dem Motorrad erfüllen muss. So steht es in der Verantwortung der Eltern, ab welchem Alter der Nachwuchs mit darf. Die Fahrt mit einem Vorschulkind kann zum Streitfall werden, wenn die Einschätzungen von Erziehungsberechtigen und Gesetzeshütern abweichen. MOTORRAD-Redakteur Rolf Henniges etwa hat mit großer Sorgfalt und Fürsorge die gemeinsame Motorradtour mit seinem vierjährigen Sohn vorbereitet, die mehrtägige Fahrt verlief ohne Komplikationen. Nachträglich um Stellungnahme gebeten, äußerte sich die Polizei jedoch kritisch. Und auch Experten wie Matthias Haasper vom Institut für Zweiradsicherheit (ifz) in Essen geben zu bedenken: „Kleine Kinder im Vorschulalter weisen starke Entwicklungsunterschiede auf und sind kaum berechenbar, da wäre ich sehr, sehr vorsichtig.“

Generell sollte Vorsicht das oberste Gebot sein. Selbst dann, wenn ältere Schulkinder an Bord sind, denen man gemeinhin zutrauen kann, eigene Befindlichkeiten oder Ängste klar zu äußern und die außerdem geistig und motorisch in der Lage sein sollten, auf Situationen wie etwa eine Bremsung richtig zu reagieren. Wobei Zutrauen nur die eine Sache ist, andersherum muss das Kind dem Fahrer uneingeschränkt vertrauen können. Um dieses Vertrauen zu gewinnen, sollte man als Fahrer nicht meinen, hinter einem hockt ein kleiner Erwachsener. Die Kurzen finden die geparkte Maschine zwar häufig imposant, sobald diese aber in Bewegung ist, betrachten sie sie mit ganz anderen Augen. Der Fahrtest offenbarte: Je geringer und unspektakulärer die Leistung und ihre Entfaltung, je weniger sportlich die Maschine auftritt, umso eher gewinnt sie die Herzen von kleinen Mitfahrern. Im Spielzeugladen sind maßstabsgetreue Plastikkracher mit vielen bunten Rennsport-Aufklebern oder krasse Enduros schwer angesagt, im echten Beifahrer-Leben fallen sie durch. Der Fahrer hat es also in Form von Gashahn und Bremshebel selbst in der Hand, seine kleinen Passagiere nicht nachhaltig zu vergraulen. Hier gilt die klare Empfehlung: Sanfter ist besser.

Kinder sind nämlich allein schon körperlich deutlich stärker gefordert als erwachsene Mitfahrer. Wegen ihrer geringeren Körpermasse und dem dünneren Fettgewebe kühlen Kids schneller aus und frieren bereits, während der Pilot sich noch sehr wohl fühlt. Sie benötigen deshalb unbedingt eine adäquate Motorradausstattung. Das Angebot ist mittlerweile gut, Kritik gibt es dennoch. Peter Schaudt vom TÜV Rheinland in Köln, unter anderem für die Homologation von Kinderhelmen zuständig, bescheinigt, dass Erwachsenen- und Youngster-Helme nach Prüfnorm vergleichbare Stoß- und Schlagdämpfungswerte einfahren. Nachteilig ist es allerdings, wenn auf eine spezielle, deutlich weniger voluminöse Kinder-Helmschale verzichtet und lediglich auf Kindergröße aufgepolstert wird. Dann besteht eine erhöhte Abstreifgefahr, erklärt Schaudt.

Das größere Problem ist aber das Gewicht: Kinderhelme sollten nicht viel mehr als 1000 Gramm wiegen. Bei Integralhelmen ist das beinahe nur durch Karbon zu realisieren – zu teuer für den preissensiblen Kinder-Ausrüstungsmarkt. „Meinem Kind würde ich deshalb lieber einen leichten Jethelm aufsetzen, weil für diesen Einsatzzweck jedes Gramm zählt“, erklärt der Fachmann vom TÜV. Ähnlich schwierig verhält es sich mit CE-Protektoren für die Kleidung, da sich die Prüfnorm lediglich an Erwachsenen orientiert. Die meisten angebotenen Schützer sind nicht weich genug und sprechen bei geringem Körpergewicht (unter 30 Kilogramm) nur sehr verzögert an, wenn es zu Boden geht. Und das, obwohl sie den begehrten Prüfstempel tragen. Bei der Funktionsbekleidung selbst sind weniger Schnitzer zu finden: abriebfeste Oberstoffe, wasserdichte Klimamembrane – ähnlich gut wie bei den Großen.
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Ein Kraftakt für den Mini-Sozius

Aber auch gut eingepackte Kinder haben als Mitfahrer zu kämpfen. Im Gegensatz zu motorsportlichen kleinen Selbstfahrern (mehr dazu demnächst in MOTORRAD) muss sich der Mini-Sozius stark verrenken, um vom Verkehrsgeschehen vor ihm etwas mitzubekommen. Das kostet Kraft. Besonders beansprucht – allein schon durch den Fahrtwind – wird die Hals- und Nackenmuskulatur, die noch wenig ausgeprägt ist. Zusätzlich wiegt beim Kind im Vergleich mit Erwachsenen der Kopf überproportional mehr zum Restkörper. Kommt dann noch das Helmgewicht hinzu, sind je nach Konstitution des Nachwuchses nach gewisser Zeit Überlastungsreaktionen programmiert. Und der Geist ist in passiver Haltung auch nicht immer willig. „Die Ausdauer von Kindern ist geringer, daher sollte sich der Fahrer regelmäßig vergewissern, ob der junge Fahrgast noch bei der Sache ist“, appelliert der Sportmediziner Dr. Norbert Beil aus Bünde und verweist darauf, dass die Mitfahrfähigkeit grundsätzlich durch Motorik- und Koordinationsübungen trainiert werden kann. „Kurz gesagt: Sportliche Kinder dürfen eher aufs Motorrad“, erklärt Beil.

Nun ist es rechtens zu hinterfragen, ob ein Kind überhaupt etwas auf dem Motorrad zu suchen hat. Denn anders als im Automobil schützt bei einem Unfall keine Karosserie, kein Sicherheitsgurt und kein Airbag. Ohne Wenn und Aber: Die Risiken und Gefahren sind im Verhältnis größer. Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen jedoch, dass die Zahl der tödlich oder schwer verletzten Sozius-Kinder niedrig ist. 2007 starben in Deutschland bei Moped- und Motorradunfällen je zwei Kinder im Alter bis 15 Jahre, genauso viele verunglückten tödlich als Mitfahrer auf einer Landmaschine. Bei Autounfällen liegt die Zahl über ein Zehnfaches höher. Allerdings fährt von den rund elf Millionen Kindern bis 15 Jahre, die in Deutschland leben, ein Großteil gelegentlich oder regelmäßig im Auto mit, im Gegensatz zu vorsichtig geschätzten 15000 Motorrad-Mitfahrern unter 15 Jahren. Insgesamt 36 Kinder erlagen im gleichen Zeitraum als Selbstfahrer bei Fahrradunfällen ihren Verletzungen. So tragisch die Unfälle sind, sie passieren.

Sicherlich nutzen viele Eltern ein motorisiertes Zweirad, vorzugsweise kleinere Stadtroller, auch ganz alltäglich als Transportmittel zur Schule oder zum Kindergarten mit allen Vorteilen: sparsam, keine Parkplatzprobleme, umweltschonender als ein Auto. Die meisten Fahrten auf dem Motorrad sind jedoch reine Freizeitfahrten, somit muss der Spaß gegen die Gesundheitsgefährdung abgewogen werden. Für die Risikobewertung ist ein Seitenblick auf andere Freizeitbeschäftigungen hilfreich: Schätzungen von betreffenden Sportverbänden beziehungsweise Versicherungen gehen davon aus, dass etwa beim Skifahren (mehrere Hunderttausend aktive Kinder) und Segeln (laut Deutschem Segler-Verband etwa 30000 Mitglieder der „Segeljugend“) im Schnitt ebenfalls ein bis zwei tödliche Unfälle pro Jahr zu verzeichnen sind. Bei rund 200000 Reitern unter 14 Jahren liegt die Zahl der Opfer etwas höher. "Das Pferd ist ähnlich wie ein Motorrad für Kinder oftmals ein unberechenbarer Faktor", erklärt David Schulz, Fachmann für Sportunfälle beim Versicherer Arag in Düsseldorf, und vergleicht die Unfälle von Reitern und Motorrad-Mitfahrern: "Glücklicherweise passieren nur wenige Unfälle mit Kindern, aber wenn, dann sind die Folgen meist sehr heftig."
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Reif für den Soziusplatz?

Obwohl sich die Zahl der kleinen Mitfahrer im fünfstelligen Bereich bewegt, fehlt jede Art von Lobby. Während sich im Internet mittlerweile beinahe zu jedem Motorradmodell engagierte Foren und Communities bilden, gibt es kein spezielles Kinderforum, sondern lediglich einzelne Beiträge und Topics auf Websites, die überwiegend für Tourenfahrer von Interesse sind. Kinder auf dem Motorrad – das ist auch innerhalb der Motorradgemeinde ein sehr kontrovers diskutiertes Thema, wie viele Leserzuschriften belegen (weitere Auswahl unter www.motorradonline.de/kinder). Der Tenor: Mitnehmen ja, aber erst, wenn die Kinder reif genug sind und den Wunsch selbst äußern. Und eigentlich nur dann, wenn die eigenen Bedürfnisse als Fahrer hinter denen des Kindes zurückstehen. Diejenigen, die sich beim Fahren mit Kindern im Gepäck outen, hinterlassen allerdings einhellig den Eindruck, sich des Risikos bewusst zu sein und deshalb besonders aufmerksam und sorgsam mit dem Kind an Bord zu (ver)fahren.

Und obwohl anzunehmen ist, dass Gerd Wirz mit seinen drei kleinen Töchtern immer sehr fürsorglich unterwegs war, gesellschaftliche Akzeptanz fördern derartige Aktionen genauso wenig wie jeder Unfall – egal, ob selbst verschuldet oder nicht. Stellt sich abschließend die Frage, wo der Gewinn ist, Kinder auf dem Motorrad mitzunehmen, denn Fahrspaß ist es wohl kaum. Eine verbindliche Antwort gibt es nicht. Muss es vielleicht auch gar nicht geben, weil manchmal das Bauchgefühl hilft. Schließen Sie einfach mal die Augen und erinnern sich: Wie war das, als Sie als Junge oder Mädchen zum ersten Mal vor einer Maschine standen? Wie, als Sie das erste Mal darauf Platz genommen haben? Und erinnern Sie sich an die kindliche Freude bei Ihrer ersten Fahrt, selbst wenn Sie da schon lange erwachsen waren? Lassen Sie die Gedanken wirken. – Nun befinden Sie sich auf der Ebene eines Kindes, das gerne mitfahren möchte.

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