Bernt Spiegel ist 80 (Archivversion) Beim motorradfahren läuft nur wenig rational ab.

Er hat das Buch geschrieben, das viele gekauft und nicht ganz so viele gelesen haben. Weil »Die obere Hälfte des Motorrads«
natürlich vom Motorrad handelt, aber eben noch viel mehr vom Menschen. Zumal das Motorrad ein zutiefst menschliches ist.

Der Professor hat den Schelm in sich bewahrt. Immer noch kann er sich darüber amüsieren, wie er aus englischer Kriegsgefangenschaft kam. »Die wollten nur Landwirte rauslassen, also habe ich denen meine Papiere gezeigt, in denen LW-Helfer stand«, erzählt Spiegel. Der aus dem Kürzel für Luftwaffenhelfer kurzerhand Landwirtschaftshelfer machte. »Ich will Agrarwissenschaften studieren, hab’ ich denen gesagt.« Wollte er natürlich nicht. Was er studieren wollte, war Luftfahrttechnik, hat sich dann aber in der philosophischen Fakultät umgehört und kam zur Psychologie. Wo er promovierte, sich habilitierte – und derart gebildet die Wirtschaftsgeschichte der Bundesrepublik in wichtigen Details stimulierte.
Beim Braun-Design zum Beispiel. »Das mochte anfangs kaum einer. Zu reduziert, zu karg, zu asketisch. Bei der Marktforschung sind die mit Pauken und Trompeten durchgefallen.« Spiegel riet, dennoch daran festzuhalten.
Er gilt als Marktforscher, versteht sich jedoch eher als Verhaltensforscher. Der die ewige Umfragerei nicht schätzt, stattdessen lieber genau beobachtet, wie Menschen sich verhalten. Sich selbst eingeschlossen. »Meine Frau ist Sopranistin, die konnte
anfangs mit neuer Musik nichts anfangen. Ich auch nicht. Sing doch mal wieder was Klassisches, habe ich gesagt.« Mittlerweile mag Spiegel die moderne Musik, und
das Braun-Design hat längst ikonenhaften Status erreicht.
Nächstes Beispiel: BMW. Die waren platt Anfang der Sechziger, sollten an Daimler-Benz verkauft werden. Dass das doch nicht so kam, BMW mit der 1600er- und 1800er-Baureihe riesigen Erfolg hatte, lag wesentlich daran, dass der Auto-
hersteller Spiegels Nischentheorie vertraut hatte. Ein Ansatz, der eigentlich aus der Biologie stammt, die Verbreitung von Tieren und Pflanzen in ihrem speziellen Umfeld beschreibt. Und für BMW hat Spiegel eben die Nische sportliche Limousine definiert. Klappt bis heute.
»Stets lag mein Interesse bei der all-
gemeinen Psychologie, bei der Frage, was den Menschen auszeichnet, ihn vom Tier unterscheidet.« Nicht Freud, nicht die Anthropologen sind darauf gekommen, Enzo Ferrari sei das gewesen: »Nur der Mensch macht Wettrennen mit dem Ziel, Erster zu sein. Das setzt eine Abstraktion voraus, die kommt nur beim Menschen vor.«
Was speziell beim Menschen Spiegel vorkommt: Dass er sich ein unkompliziertes, offenes Wesen erhalten hat, er sein Wissen teilen, nicht horten möchte. Weshalb er immer noch als Senior-Instruktor fürs MOTORRAD action team wegweisend wirkt, auf der Nordschleife.

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