Bick in die Zukunft (Archivversion)

Sieger und Verlierer beim Vergleich Zwei- und Vierzylinder?
Dieses Mal nicht. Jedenfalls nicht in harter Punkte-
Währung. Unterschiede hingegen sehr wohl.
Mit der Mär vergangener Tage, dass ein Zweizylinder
nicht dreht und ein Vierzylinder untenrum nichts im Ärmel hat,
haben die aber nicht viel zu tun. Zu intensiv haben die Ingenieure auf beiden Seiten daran gearbeitet, die Fähigkeiten der Motorenkonzepte einander anzunähern. Mit dem Ergebnis, dass unabhängig von der Zylinderzahl wahre Allrounder entstanden sind, die allen Ansprüchen gerecht werden. Da schiebt eine Kawa-
saki ZX-10R ebenso gewaltig aus dem Drehzahlkeller, wie eine
Ducati 999 locker in den fünfstelligen Bereich dreht. Beiden
gemeinsam: Die Grenze, an der zusätzliche Leistung vom dynamisch umsetzbaren Vorteil zum reinen Luxus- und Imagegut wird, haben beide längst überschritten.
Die Frage des Motorenlayouts ist mehr eine Stil- oder
Modefrage geworden. Und schwer in Mode sind gerade superpotente Reihenvierzylinder. Wohl auch, weil deren Designer
den Kundengeschmack deutlich zielsicherer treffen als Ducati
mit der 999, während deren Vorgängerin eine Design-Ikone
war, die den V2-Erfolg auch der japanischen Nachahmer seinerzeit ungemein beflügelte.
So gesehen ist in Zukunft weiterhin alles möglich, weil das höhere spezifische Leistungspotenzial, das der Vierzylinder ohne Zweifel besitzt, mit immer weiter steigender Leistung gerade da
Makulatur ist, wo es bislang am meisten zählte. Bei den Sportlern nämlich. Viel eher zählt das Argument bei den großen, mächtigen und schweren Tourern. Die Souveränität, mit der eine FJR voll
beladen selbst schwerste Prüfungen im letzten Gang nimmt,
ist genauso eindrucksvoll wie das Expresstempo, mit dem sie
auf der Autobahn durch den Wind schiebt. Zum langen und
entspannten Reisen passt zudem die größere Laufruhe des Vier-
zylinders trefflich, während die Charakterfrage angesichts des speziellen Anforderungsprofils eher in den Hintergrund tritt.
Das ist bei den Naked Bikes anders, egal, ob Mittel- oder Oberklasse. Kompromissloses liegt dort gerade voll im Trend – und es wird in jedem Fall der Charakter entscheiden. Zwei
feine wie typische Beispiele: Suzuki B-King und KTM Venom.
Erstere mit mächtigem Reihenvierer, letztere mit zierlichem,
konsequent leichtgebauten V2. Beides Studien, beide weit weg
vom klassischen Naked Bike. Beide mit gewaltigen Bremsen, enormen Gabeln, steifen Schwingen und martialischem Outfit. Und beide von einer sehr unterschiedlichen, aber stringenten
Logik, die schon beim Ansehen den Spaß vermittelt, den die
machen würden.
Und der fiele vermutlich sehr unterschiedlich aus. Quirlig
und lebendig auf der zierlichen, leichten und direkten KTM, deren V2 die 120-PS-Schwelle auch künftig nicht nachhaltig überschreiten wird, dessen Leistung fürs genussvolle Kurvenräubern jedoch allemal ausreicht. Gewaltig und Respekt einflößend auf der B-King, deren 1300er in den ersten Planspielen per Turbolader unter Druck gesetzt wurde, der allerdings selbst ohne Aufladung in diesem Umfeld das Potenzial zu Taten hat, die sogar Powerfreaks den Atem rauben dürften. Bleibt also nur zu hoffen, dass weder B-King noch Venom Studien bleiben, sondern möglichst bald die Zukunft von Zwei- wie Vierzylinder einläuten.

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