Super E10: Diskussionen nehmen kein Ende.

Blickpunkt - Wie umweltfreundlich ist Super E10? Bio-Logisch? Der neue E10 Kraftstoff

Greenpeace gegen Umweltministerium - beide haben ihre Argumente zu E10. Welche sind besser, wer hat recht?

Foto: Fotolia

Von allen Teilnehmern der MOTORRAD-Umfrage zum Thema "E10 oder nicht - was tun an der Tanke?" meinten 95 Prozent, dass ihnen E10 nie in den Motorradtank käme. Neben Angst vor Schäden, die auch die große Mehrheit derjenigen nannte, deren Maschinen vom Hersteller ausdrücklich für den neuen Sprit freigegeben sind, gab es einen zweiten Ablehnungsgrund: die an-geblich schlechte Ökobilanz des "Biobenzins". Auch äußerte die Hälfte der Befragten die Befürchtung, der steigende Bedarf an nachwachsenden Rohstoffen in den Industrienationen könnte zu einer Verknappung von Nahrungsmitteln in Entwicklungsländern führen (Auswahl der Antworten, siehe Seite 103).

Harte Fakten, um diese Punkte entweder zu untermauern oder zu entkräften, versuchen derzeit sowohl Gegner wie Befürworter des neuen Kraftstoffs zu sammeln - MOTORRAD bat zum Schlagabtausch.

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Pro: Ursula Heinen-Esser

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Foto: Bildschön

Wirksamer Umweltschutz ist nur möglich, wenn alle Bereiche des täglichen Lebens einen Beitrag liefern. Dies gilt auch für Autos und Motorräder. Nachdem schon die Beimischung von Biodiesel zum Dieselkraftstoff problemlos auf bis zu sieben Prozent erhöht wurde, soll nun der Bioethanolanteil beim Benzin von fünf auf zehn Prozent steigen. Seit Anfang 2011 gibt es Benzinsorten mit bis zu zehn Prozent Bioethanol - kurz E10. Das gefällt nicht jedem, und es gibt auch Kritik am Biosprit und Zweifel, ob E10 wirklich dem Klima nützt, ob nicht das Essen durch das Tanken teurer wird und ob nicht Regenwälder gerodet werden, damit wir in Deutschland unser Öko-Gewissen beruhigen.

Zunächst einmal: Für E10 wird nur Bioethanol akzeptiert, das im Vergleich zu Benzin aus Erdöl mindestens 35 Prozent weniger Treibhausgase verursacht. Dies ist gesetzlich so geregelt und wird auch kontrolliert. Die Berechnung umfasst auch Nebenwirkungen, zum Beispiel den Düngemitteleinsatz. Bioethanol wird zu 90 Prozent aus Getreide und Zuckerrüben aus Deutschland und der EU hergestellt und stammt nicht aus Regenwäldern. Zehn Prozent sind aus Zuckerrohr, das auf Plantagen außerhalb des Regenwalds angebaut wird.
Für die Lebensmittelpreise spielen wetterbedingte Produktionsausfälle in wichtigen Erzeugerländern, steigende Rohölpreise und weltweit abnehmende Lagerbestände für Getreide eine weit größere Rolle als die Nachfrage nach Biokraftstoffen. Nach Schätzungen der Welternährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization, Red.) erfolgt der Anbau für Bioenergie überhaupt nur auf zwei Prozent der Weltackerfläche. Wo Konflikte trotzdem nicht auszuräumen sind, vertritt die Bundesregierung den Grundsatz, dass die Ernährungssicherung Vorrang hat.

Fazit: Biokraftstoff erzeugt weniger Treibhausgase und verbraucht geringere Mengen vom immer knapper werdendem Erdöl. Ein dickes Plus für die Umwelt also.

Kontra: Martin Hofstetter

Foto: Varnhorn

Laut UN-Ernährungsorganisation FAO (Food and Agriculture Organization, Red.) sind die Preise für Lebensmittel im Februar 2011 weltweit auf neue Rekordhöhen gestiegen. Daran hat die Erzeugung von Agrosprit erheblichen Anteil. Wenn man in Deutschland zehn Liter E10-Benzin tankt, ist darin ein Liter Ethanol, hergestellt aus umgerechnet drei Kilogramm Getreide. Weltweit wurden im vergangenen Jahr bereits 144 Millionen Tonnen Getreide zu Ethanol verarbeitet, eine Menge, mit der man 420 Millionen Menschen ernähren könnte. In Deutschland muss niemand hungern. Doch mit Ethanol verschärft man den Hunger in anderen Teilen der Welt.

Für die Umwelt ist Agrosprit häufig schlechter als konventioneller Kraftstoff. Die CO2-Bilanz ist negativer, als vielfach dargestellt. Denn Kraftstoff aus Ackerpflanzen ist nicht klimaneutral. Zwar binden Pflanzen wie Weizen und Zuckerrüben CO2 aus der Luft, das erst bei der Verbrennung im Motor wieder frei wird. Doch die Feldarbeit von Treckern und Mähdreschern braucht Diesel, bei der Düngung wird Lachgas frei. Und die Verarbeitung von Getreide in der Brennerei benötigt viel Energie. Daher ist der positive Klimabeitrag selbst unter optimalen Bedingungen nur gering.

Zwar dürfen Pflanzen zur Ethanolherstellung laut EU-Richtlinie nicht von frisch gerodeten Urwaldflächen stammen. Das nützt aber nicht viel. Denn größere Brachflächen für den Anbau von Ethanolpflanzen gibt es nicht. Nur durch eine weltweite Ausdehnung des Ackerbaus kann der zusätzliche Bedarf gedeckt werden. Um die Vorschriften der EU einzuhalten, werden daher alte, ehemals für Lebensmittel genutzte, Flächen nun für Agrospritpflanzen genutzt. Im Gegenzug werden für Lebensmittel neue Flächen gerodet oder abgefackelt. So wird Klimaschutz zur Farce. Urwälder sind natürliche CO2-Speicher. Sie abzuholzen oder gar brandzuroden, erhöht den weltweiten CO2-Ausstoß sogar noch.

Zudem ist Agrosprit absolut nicht Bio. Die Pflanzen für den Agrosprit stammen von stark mit Stickstoff und Pestiziden behandelten Monokulturen. Überall in Deutschland ist ein dramatischer Verlust der Artenvielfalt in Ackerbauregionen zu beobachten. Und durch die Überdüngung werden Gewässer belastet. Die EU-Richtlinien für die Landwirtschaft reichen nicht aus, um dies zu verhindern.

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