Blickpunkt: EU-Typenzulassung EU-Typenzulassung: ABS-Pflicht ab 2017

ABS wird für Neu-Motorräder Pflicht, ein Leistungslimit wird es aber nicht geben. Das und weitere Änderungen der EU-Typzulassung plant die EU-Kommission. Was kommt aus Brüssel auf uns zu?

Foto: Jahn

Muss man über Sinn und Unsinn von ABS noch streiten? Dutzende von MOTORRAD-Tests und erste Rennsiege von ABS-bewehrten Superbikes belegen: Muss man nicht. ABS macht Motorradfahren sicherer und, wenn es sein muss, manchmal sogar schneller. Diesen letzten Aspekt hatte die EU-Kommission freilich nicht im Sinn, als sie Anfang Oktober den lang vorbereiteten Vorschlag zur Neuordnung der EU-Typzulassung veröffentlichte. Er soll ab 2013 das bisherige Regelwerk ersetzen, das europaweit die gesetzliche Basis für die Neuzulassung von in Serie gebauten Mofas, Mopeds, Leichtkraft- und Motorrädern liefert. Diese Kernpunkte daraus hat die Kommission jetzt vorgestellt: Alle neu zuzulassenden Leichtkrafträder müssen Kombibremse und/oder ABS haben. Ein Serien-ABS wird verbindlich für alle neuen Motorräder über 125 Kubik und 15 PS. Stichtag für die ABS-Pflicht wäre gemäß dem neuen Regelwerk, das ab 1. Januar 2013 in Kraft treten soll, vier Jahre später, also der 1. Januar 2017.

Von Anfang an soll gelten: Keine Einführung eines Leistungslimits von 100 PS. Im Gegenteil, so heißt es in einer offiziellen Zusammenfassung des MOTORRAD vorliegenden hundertseitigen Vorschlagswerks dazu: "Wissenschaftliche Studien haben den Zusammenhang zwischen mehr Sicherheit und einer Leistungsbegrenzung nicht bestätigt." Daher soll im Sinne eines einheitlichen Markts den EU-Mitgliedsstaaten künftig sogar ausdrücklich untersagt sein, das Leistungsmaximum von Motorrädern auf 100 PS zu begrenzen - was besonders die Motorradfahrer in Frankreich freuen wird, wo dieses Limit seit Jahren gilt.

Schrittweise sollen die schärferen Abgasnormen Euro 4 (ab 2014) bis 6 eingeführt werden, letztere für Neu-Motorräder ab 2020, je ein Jahr später auch für bestehende Modellserien. Als Fahrgeräusch-Grenzwert wird 80 dB(A) vorerst bleiben, hierzu legt sich das EU-Papier nicht langfristig fest. Wohl aber mit der Absicht, die letzten rechtlichen Schlupflöcher zu beseitigen, die manche Anbieter von Nachrüstauspuffanlagen nutzen, um typgeprüfte Töpfe (mit e-Prüfzeichen) auf den Markt zu bringen, die sich bei Kontrollmessungen als zu laut und damit rechtlich fragwürdig herausstellen. Serienmäßige On-board-Diagnose-Systeme sollen ab 2017 Veränderungsmöglichkeiten weiter einschränken.

Mofas, Mopeds und Roller müssen ebenfalls sauberer werden und ab 2014 die Abgasnorm Euro 3 erfüllen - ab 2015 auch bereits bestehende Modellserien. Darin steckt Zündstoff. Denn selbst wenn die Industrie noch etwas Zeit mit der technischen Umsetzung haben soll, so vermuten Branchenkenner, dürfte dies das baldige Aus für die letzten neuen Zweitakter auf Europas Straßen bedeuten. Ebenfalls EU-Wille ist die Verschärfung des Anti-Manipulationskatalogs und die Einführung eines Umweltsiegels für besonders verbrauchs- und abgasarme Neufahrzeuge als Entscheidungshilfe beim Kauf.

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Foto: Schmieder

Interview mit dem SPD-Europaabgeordneten

? ABS für alle neuen Motorräder, aber kein Leistungslimit - es hätte schlimmer kommen können. Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass der Vorschlag, der jetzt auf dem Tisch liegt, in dieser Form auch in geltendes EU-Recht umgesetzt wird?

! Der Vorschlag ist ein ausgewogener Vorschlag zur Überarbeitung der Anforderungen an motorisierte Zweiräder, dem ausführliche Studien vorausgegangen sind. Das Europäische Parlament ist zusammen mit dem Ministerrat Gesetzgeber und wird meiner Einschätzung nach die Grundzüge des Kommissionsvorschlags erhalten. Einige Verbesserungen werden jedoch nötig sein, z. B. hinsichtlich der Einsetzungsdaten einzelner Anforderungen, der Klassifizierung von Fahrzeugen und hinsichtlich der Emissionsanforderungen von leichten drei- und vierrädrigen Fahrzeugen.

? Das heißt, der Vorschlag wird wohl so umgesetzt, Details und Stichtage können sich aber noch ändern. Für bestehende Maschinen bleibt alles gleich. Was ändert die geplante Gesetzgebung konkret?


! Motorradfahrer können in Europa saubere und sichere Motorräder kaufen, die Abgaswerte auf Pkw-Niveau haben oder sogar besser. Die Dauerhaltbarkeit der Funktionsteile, z. B. der Abgasreinigung auch kleinerer Zweiräder, wird endlich gewährleistet. Innovative ABS-Techniken helfen beim sicheren Bremsen auf rutschigem Untergrund, und die permanente Beleuchtung mittels Tagfahrlicht verbessert die Sichtbarkeit. Ein On-board-Diagnosesystem hilft beim Erkennen von Defekten und bei der Wartung. Unterm Strich wird damit den Gegnern des Motorradfahrens der Wind aus den Segeln genommen, und Motorradfahren kann noch mehr Freude machen.

? Was kann die neue Gesetzgebung für Pendler bedeuten, die einen Zweitakt-Roller nutzen?

! Es kann sein, dass beim Kauf von Ersatzfahrzeugen, sprich eines neuen Rollers, zukünftig eine neue Zweitakttechnologie (z. B. Direkteinspritzung) oder nur noch ein Viertaktmotor unter der Sitzbank sein wird.

? Was ist die geforderte "systematische Markt-überwachung" und was soll sie bezwecken?

! Sowohl bei Importfahrzeugen als auch bei Zubehörteilen gibt es schwarze Schafe auf dem Markt, die Produkte vertreiben, die nicht den Typzulassungsanforderungen entsprechen, etwa zu laute Auspuffanlagen. Im Interesse eines fairen Wettbewerbs müssen die Maßstäbe für alle gelten und deshalb ihre Einhaltung überprüft und Verstöße entsprechend sanktioniert werden.

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