Blickpunkt: Harley-Davidson in Schieflage Ex und Hopp

Weil die Gewinne schrumpfen, wirft Harley-Davidson Ballast ab, macht Buell dicht und will MV Agusta verkaufen. In den USA droht 3000 Harley-Werkern die Entlassung.

Foto: Buell
Die Nachricht kam aus heiterem Himmel: Weder bei Buell in East Troy, Wisconsin, noch bei MV Agusta in Varese, Norditalien, ahnten die Mitarbeiter etwas von den Plänen der Konzernmutter Harley-Davidson. Auch nicht bei der deutschen Niederlassung im hessischen Mörfelden: Ninja Zeiler, die deutsche Buell-Brand-Managerin, war arglos in den Urlaub gefahren. Bis am Abend des 14. Oktober die offiziellen Verkaufszahlen des dritten Quartals 2009 aus Milwaukee eintrafen, garniert mit der trockenen Ankündigung der US-Bosse, dass man auf den zum Vorjahres-Quartal um 84,5 Prozent auf nur mehr 26,5 Millionen Dollar geschrumpften Nettogewinn mit einer "go forward strategy" reagieren müsse. Deren Kern: Buell wird geschlossen, MV Agusta verkauft. Sichtlich um Fassung ringend, verkündete Firmengründer Erik Buell im Internet die Entscheidung, die das Aus für sein Lebenswerk bedeutet. Allen Buell-Fahrern versicherte er, dass Harley-Davidson weiter für Ersatzteile sorgen werde, auch die Garantien würden gültig bleiben. Erik Buell hatte seit 1983 unter seinem Namen sportlich ausgerichtete Motorräder mit Harley-Motor gebaut. Schrittweise übernahm der Konzern die neue Marke in der Erwartung, damit auch außerhalb des Chopper- und Cruiser-Segments zu punkten. Die Hoffnungen erfüllten sich jedoch nicht. In seiner 26-jährigen Geschichte, die nun am 18. Dezember mit der Entlassung der insgesamt 180 Mitarbeiter endet, baute Buell im Schnitt 5200 Motorräder jährlich. Für Harley mit einer Jahresproduktion von rund 300000 Stück nicht der Rede wert. Speziell für Europa war MV Agusta gedacht. Im August 2008 kauften die Amerikaner den kleinen italienischen Hersteller mit dem Premium-Image. Nach nur 14 Monaten geht die Ehe nun in die Brüche. MV Agusta-Präsident Claudio Castiglioni, krisenerprobter Ex-Eigner, gibt sich dennoch gelassen. "Ich kann den Standpunkt von Harley verstehen. In der gegenwärtigen Lage auf dem US- und dem internationalen Markt ist es für ein Unternehmen vielleicht tatsächlich am besten, sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren." Castiglioni hatte MV Agusta wiederbelebt, zunächst 1997 mit der Vierzylinder-F4, später folgte die ebenso legendäre Brutale. Finanzielle Probleme führten 2001 zu Verhandlungen über eine Beteiligung von Piaggio, die jedoch scheiterten. Im De-zember 2004 stieg die malaysische Gruppe Proton für 70 Millionen Euro bei MV ein - nur um die Marke ein Jahr später aufgrund einer geänderten Strategie zum symboli-schen Preis von einem Euro an Castiglioni zurückzugeben. 2008 zahlte dann Harley-Davidson 57,5 Millionen Dollar für den italienischen Hersteller und beglich mit weiteren 47,5 Millionen gleich noch dessen Schulden. Nun ist es an den Amerikanern, einen Käufer für MV Agusta zu finden. Schuld an der Misere, so heißt es bei Harley-Davidson, ist natürlich die Finanz-krise. Doch sie trifft den Konzern nicht zufällig. Jahrelang finanzierte Harley im Mutterland USA jedem willigen Kunden seine teure Maschine auf Pump - über die hauseigenen Financial Services, die zudem die Händlerfinanzierung übernahmen. Auf diese Weise, so das Kalkül, könne man auch die Kreditzinsen selbst mit einstreichen. Doch dann ging dem aufgeblähten Kredit-system im Finanzcrash die Luft aus: Die Verkäufe brachen ein, Kredite wurden nicht abbezahlt, Motorräder zurückgegeben - die Financial Services machten in den ersten neun Monaten 2009 einen Rekordverlust von gut 110 Millionen Dollar. Nun soll gerettet werden, was zu retten ist. Bereits im Sommer hatte Harley-Davidson beschlossen, das geplante neue Buell-Werk nicht zu bauen, und stattdessen Kurzarbeit verordnet. Jeder neue Geschäfts-bericht kündigte zudem Entlassungen an. Von den gut 10000 Mitarbeitern, die Harley Ende 2008 beschäftigte, sollen bis Ende 2010 fast 3000 gehen. Die Kündigungswelle rollt schon. Angesichts solcher Zahlen wirkt die Entscheidung, sich zweier kleiner Marken zu entledigen, eher wie ein beiläufiger Akkord, denn wie ein Paukenschlag. Die Kritik der US-Biker im Internet fiel denn auch verhalten aus. Lauten Beifall spendeten hingegen die Banker. Hatten sie doch flugs errechnet, dass ohne die Mühlsteine Buell und MV Agusta statt einer Prämie von elf Cent pro Aktie (2008: 71 Cent) jetzt immerhin 21 Cent zu erwarten wären. Die Harley-Aktie stieg daraufhin.
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