Blickpunkt Leserwahl Motorrad des Jahres 2008 Triumph für Europa

Bei der Wahl zum Motorrad des Jahres 2008 triumphierten die europäischen Marken. BMW sackte allein sieben Pokale ein, so viele wie alle japanischen Hersteller zu-sammen. Der eigentliche Gewinner des aktuellen Leservotums heißt allerdings: Triumph.

Foto: Künstle
Es zeichnete sich bei der Auszählung der über 35000 Stimmzettel ab: Der Ausgang der aktuellen Leserwahl würde eine Überraschung bringen. Die allerdings hätte niemanden überraschen müssen. Denn sie kam mit Ansage. Oft aber braucht es eine Art Symbol, das Besondere, an dem sich zeigt, was eigentlich schon lange offensichtlich ist.

Das Symbol, das es brauchte, heißt: Triumph, genauer, Triumph Sprint ST, Tourer des Jahres 2008. Das wäre an sich nichts Besonderes. Wenn nicht mit der Sprint eine europäische Maschine eben die Kategorie für sich entschieden hätte, die im vergangenen Jahr noch – als einzig verbliebene – von einem japanischen Motorrad, der Yamaha FJR 1300 A/AS, gewonnen worden war. Die ST hat sich von vier auf eins verbessert, die FJR rutschte von ganz oben dorthin, wo die Triumph gestanden hatte.

Mithin kommt nicht ein einziges Motorrad des Jahres mehr von einem japanischen Hersteller. Das hat es noch nicht gegeben, doch dieses nie Dagewesene ist weniger sensationelle Neuigkeit als vielmehr Fortführung eines Trends. En gros haben die japanischen Hersteller nicht wesentlich schlechter abgeschnitten als im Vorjahr. Sicher, es reicht den großen Vier zu keinem Sieg mehr, gleichwohl für sieben Podestplätze. Bei der vorigen Abstimmung mussten sich Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha zusammen mit noch einem Podestplatz weniger zufriedengeben.

Das Ergebnis der ersten Leserwahl 1999 zeigt zudem: Früher war auch nicht alles besser für die Marken aus Japan. Sie erreichten ebenfalls nicht öfter als siebenmal einen Platz unter den ersten drei, davon einmal, mit dem Roller Suzuki Burgman, Rang eins.

Das bislang beste Abschneiden war mit vier ersten sowie zehn Platzierungen unter den ersten drei im Jahr 2003 gelungen. Nun durften die Vertreter der japanischen Hersteller sich zwar sehr freuen. Aber nicht allzu lange. Als die Verkaufszahlen für 2003 bekannt wurden, fiel so manchem Repräsentanten bei den big four aus Fernost das Lächeln aus dem Gesicht. Warum? Weil der reichlichen Prämierung deutliche Absatzverluste gegenüber­standen. Yamaha und Kawasaki büßten gegenüber dem Vorjahr jeweils rund fünf, Suzuki zehn, Honda gar 15 Prozent ein.

Diese Bemerkung wirkt zunächst wie ein Tiefschlag. Mit Blick auf das aktuelle Ergebnis hingegen darf und soll sie durchaus als tröstlich verstanden werden. Weil Wählen das eine, Kaufen das andere ist, Wunschdenken und Wirklichkeit selten zusammenfallen. Gekauft nämlich wird vorrangig das Produkt, gewählt in erster Linie, was sich damit verbinden lässt. Beispiel Naomi Campbell. Die mag man hübsch finden, begehrenswert gar. Dann aber fällt einem ein, wie zornig und zickig die manchmal abgeht. Außerdem: Die führt man einmal zum Essen aus, und das kostet so viel, dass die nette Erna Schmitz von nebenan dafür einen ganzen Monat verköstigt werden könnte. Das Ehever-sprechen geht also an Erna Schmitz, die bei näherer Betrachtung auch nicht schlecht aussieht, Naomi darf indes weiter die Rolle des traumhaften Supermodels spielen. Wie schon im vergangenen Jahr steht bei den Sportlern übrigens die Naomi 1098 vor der Ducati Campbell RR an der Spitze.

Eine Variation dieses Themas kommt von BMW. In welcher Kategorie auch immer die Marke Modelle am Start hat, es finden sich genug Leser, die eines dieser Modelle aufs Podest wählen. Anders ausgedrückt: Die Ursache dafür, dass in diesem Jahr die ersten drei Ränge der Klassen Chopper/Cruiser, Roller und 125er BMW-frei blieben, ist allein, dass BMW dort nicht angetreten ist. Das muss wohl so etwas sein wie ein Running Gag, einer, über den BMW selbst am herzhaftesten lachen kann. Denn, zur Erinnerung, König Ludwig chopperte in Gestalt der R 1200 C dreimal nach ganz vorne (1999–2001) in der Wählergunst und zweimal auf den zweiten Rang (2002 und 2003). Sogar der C1 rollerte zwischen 2000 und 2002 dreimal auf Platz zwei.

Wer sich jetzt totlacht oder aufregt über solche Umstände, liefert damit zugleich die passende Erklärung dafür, eine Erklärung, die auch hinter dem Erfolg der übrigen europäischen Hersteller bei der Wahl 2008 steht: Sie verstehen es, so zu polarisieren, wie es die japanischen Anbieter vielleicht nicht mal können. Sie sind Nischenhersteller oder kommen aus der Nische, und als solche haben sie Feinde, und sie haben Fans. Die japanischen Marken haben eher Kunden. Sie bedienen die Massen, weshalb sie selbst beim Pointierten und Radikalen auf Allgemeinverträglichkeit meinen achten zu müssen und weit weniger auf Alleinstellungsmerkmale setzen können.

Einen speziellen Aspekt dieses Zusammenhangs verdeutlicht etwa KTM. Anfang der 1990er war man froh, jährlich 7000 derbe Klopper in der ganzen Welt an den ganzen Mann zu bringen. Mittlerweile rechnet man mit anderen Zahlen, ist nicht mehr allzu weit von sechsstelligen Ver­käufen entfernt. Dazu weitere Zahlen, erhoben im Rahmen der Wahlen zum Motorrad des Jahres: 2002 wagten lediglich 29 Prozent der KTM-Kunden vor dem Kauf auch den Blick in einen Prospekt ohne Orange. Seitdem hat man in Mattighofen die Modellpalette ordentlich breitgetreten und damit aber nicht nur die Verkaufszahlen gepusht. Mit dem Wachstum bröckelte die Markenbindung. Fast die Hälfte aller KTM-Fahrer, 46 Prozent, zieht mittlerweile auch anderes in Erwägung.

So lassen sich die Wertvorstellungen der Wähler also nicht auf die Zahl abgeräumter Pokale oder den Erfolg einzelner Modelle reduzieren. Und sie lassen sich daraus nicht hinreichend ableiten. Denn der unterstellte Begründungszusammenhang, er besteht ebenso in der anderen Richtung. Die Stärke einzelner Modelle bei der Leserwahl funktioniert als Kristallisationspunkt für etwas ganz anderes: die Stärke der Marke. So wie beispielsweise »Tempo« gleich Papiertaschentuch, so ist Vespa gleich Roller und Harley gleich Chopper.

Und Triumph der eigentliche Wahlsieger 2008. Nicht nur, dass die Engländer mit der Sprint ST einen Sieger stellen. Mit der Rocket III Classic und der Street Triple fahren sie zudem zwei zweite Plätze ein. Wie sonst nirgends, und das macht Triumph zum großen Gewinner hinter den Kulissen, wird das gute Abschneiden dieser Modelle unterfüttert von ausnahmslosen Gewinnen der Marke. In allen im Rahmen der Wahl von den Lesern abgefragten Imagekriterien legte Triumph zu, wesentlich, zum Teil sogar immens. Beispiel gefällig? Gute 25 Prozent mehr als 2007 sagen: »Ich mag die Marke.« Und ein »gutes Preis-Leistungs-Verhältnis« attestieren rund 155 Prozent mehr als im Vorjahr! Hier liegt das eigentlich Triumphale der Leserwahl zum Motorrad des Jahres 2008 und mithin das tatsächlich Überraschende.

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