Blickpunkt Leserwahl Motorrad des Jahres 2009 (Archivversion) Euro-Vision

Bei der Wahl zum Motorrad des Jahres 2009 dominieren erneut die europäischen Hersteller. In sieben von acht Kategorien liegen sie vorne. Nur in der Achtelliterklasse machen die Japaner einen ersten Platz. Auch wenn erdrutschartige Verschiebungen insgesamt ausgeblieben sind, verstecken sich doch etliche Überraschungen – die Sportler mal ausgenommen – im Detail.

Es war also nur ein Ausrutscher. So deutlich, dass man es einen symbolträchtigen Sieg hätte nennen können, war es ja ohnehin nicht ausgefallen, das letztjährige Wahlergebnis in der Klasse der Enduros und Supermotos. Gleichwohl war es wie ein Paukenschlag gekommen. Zwar nur mit einem Mehr von 0,2 Prozentpünktchen an Stimmen, aber immerhin: Ducatis Hypermotard hatte die BMW R 1200 GS von ihrem Thron gestoßen. Den die Boxer-Enduro aber wieder hat besteigen dürfen: Platz eins 2009.

In München dürfte man den Wahl-entscheid eher mit süffisant zufriedenem Lächeln registrieren, statt sich erleichtert zu freuen. Denn in der Zulassungsstatistik war an der Spitzenposition der GS ohnehin nichts zu rütteln gewesen. Neben der GS an der Spitze gehört zum gewohnten Bild in dieser Klasse, dass sie so klar wie keine andere eine europäisch dominierte ist. Die am besten platzierte japanische Maschine, Suzukis V-Strom 650, paddelt auf Rang 14, gefolgt von Honda Varadero 1000 auf 15. Selbst eine Exotin wie die Moto Morini Scrambler erhielt von den Wählern mehr Zustimmung, und erst fünf Positionen hinter einer Benelli Trek erscheint die Yamaha XT 660 Z Ténéré. Das ist der eine Teil von dem, was sich Schlappe oder auch Misere nennen ließe. Der andere ist, dass von den 32 zur Wahl stehenden Modellen in dieser Kategorie nicht mehr als acht überhaupt von japanischen Herstellern stammen.

Auffällig? Ja, aber keine Ausnahme. Denn tendenziell sieht das Verhältnis in den übrigen Rubriken nicht anders aus. Weder was das Angebot anbetrifft, noch hinsichtlich des Wahlergebnisses: Ganz gleich, wie sich in der wirklichen Welt Marktanteile und Verkaufszahlen darstellen, bei den Wahlen zum Motorrad des Jahres stachen die europäischen Anbieter die übrigen Hersteller stets aus. Und so kommt es, dass die große Ausnahme des Wahlergebnisses 2009 eine kleine ist. Sie hat 125 Kubikzentimeter, heißt Yamaha YZF-R und ist aktuell die einzige japanische Sieger-Maschine. Nachdem bei der letztjährigen Leserwahl kein Top-Rang an Hersteller aus Japan ging, ist es jetzt zumindest dieser eine.

Ohnehin sieht es in der Achtelliterklasse für Fernost weniger trübe aus: Man hält immerhin die Hälfte der Top-Ten-Platzierungen. Aber wer ist man? Honda und Yamaha. Die erste Suzuki kradelt – auch hier – auf Rang 14, eine Kawasaki stand nicht einmal zur Disposition. Und wer weiß, ob die siegreiche Yamaha, wäre sie denn in Japan und nicht in Europa entwickelt worden, ebenfalls so ein Gewinner-typ wäre. Wen aber interessieren 125er? Ernste Frage! Klare Antwort: ihren Angaben zufolge zwei Prozent der Wähler. Eine Betrachtung, die das auf den ersten Blick gute Ergebnis relativiert.

Anders sieht das bei den Allroundern aus. Beinahe die Hälfte der Wähler sagt, dass diese Kategorie für sie von besonderer Relevanz ist – anzunehmen, dass sich diese Aussage auf eventuelle Kaufabsichten bezieht. Fünf der besten zehn Allrounder stammen aus Japan, unter den ersten fünf sind es drei. Allerdings stellten die japanischen Anbieter in dieser Klasse auch die relativ größte Gruppe an Motorrädern: 14 von 23. Und doch steht ganz vorne mit Abstand ein deutsches Motorrad: BMW K 1300 S. Sie beerbt die K 1200 R Sport, die die Wähler im letzten Jahr zum besten Allrounder kürten. Nun muss kaum befürchtet werden, dass der vollverkleideten 1300er dasselbe Schicksal blüht wie ihrer halb verschalten Vorgängerin. Die nämlich wurde weniger gern gekauft als gewählt.

Nur auf einen elften Rang bringt es die Kawasaki ZZR 1400, außerdem belegt man noch die Positionen 15, 16 und 18. Und: Besser steht der Hersteller durchschnittlich gesehen in keiner anderen Klasse da.

Immerhin ins vordere Mittelfeld reist der kleinste der japanischen Großen mit der 1400 GTR. Das ist ein Achtungserfolg, bewegt sich doch in der Kategorie der Tourer so gut wie nichts. Es mag um Bilder ferner Länder und langer Reisen gehen, die diese Motorräder hervorrufen sollen. Um Extratouren geht es der Wählerschaft in diesem Segment nicht. Denn die das Fernweh beschwörende Klientel ist meist gesetzt. Mithin dürfte allenfalls BMW selbst den Umstand als wesentliche Verschiebung werten, dass Boxer und runderneuerte Vierzylinderwohnung K 1300 GT auf dem Treppchen die Plätze getauscht haben. Untereinander versteht sich, und das dürfte den Propellerten – Achtung: reine Speku-lation jetzt! – ein wenig aufstoßen. Triumphiert hat nämlich abermals: Triumph. Wie ohnehin die Machtverteilung, betrachtet über alle Kategorien, nach der aktuellen Abstimmung nur allzu leicht mit der nach der Leserwahl 2008 verwechselt werden kann. Von den 73 japanischen unter den 200 ausgeschriebenen Modellen erreichen nicht mehr als 23 einen der insgesamt 80 Top-Ten-Ränge. BMW allein bringt es auf zwölf, wiewohl man sich ja mit 125ern noch immer nicht und mit Rollern und Cruisern nicht mehr abgibt.

Sehr wohl hingegen mit Nackten. Da entblößt auf Platz eins schon wieder die R 1200 R zwei Feinrippzylinder. Und dahinter? Kommt mit der Ducati Streetfighter ein Gerät, das aussieht, als hätte der Designer neben einer R 1200 R gesessen und sich gesagt: „So nicht.“ Und dahinter? Muskelt sich die Vmax auf ein Treppchen, das in seiner Zusammenstellung skurriler kaum sein könnte. Was, möchte man angesichts dieses Ergebnisses fragen, soll es denn sein? Eine Nackte, die so schlicht und zweckdienlich daherkommt wie die BMW? Oder eine, die sich wie die Ducati – bewusst wohl – nicht mal bemüht, zwischen nackt und ordinär einen Unterschied zu machen? Oder eine, die wie die Yamaha ohnehin in kein Kostüm passen würde, eine, die sich gerne das sonst abschätzig verwendete Attribut „fett“ ans voluminöse Chassis schleudern lässt? Wer soll aus einem solchen Ergebnis schlau werden? Noch dazu fällt das Votum in dieser Klasse so eng aus wie sonst nirgends. 0,1 Prozent Vorsprung rettet die BMW vor der Ducati. Das sind bei 26423 Wählern – Wählen ist offenbar nicht nur im Politischen gerade wenig angesagt – nicht mal 27 Stimmen. Überraschend selten gewählt wird Triumphs wenig überraschend sehr häufig gekaufte Street Triple, die aber nicht über Platz neun hinauskommt: eine Maschine, die Triumph wahrscheinlich selbst dann noch aus den Händen gerissen würde, wenn man die Räder zu einem aufpreispflichtigen Sonderzubehör erklärte.

Von einem anderen Motorrad lässt sich das nicht behaupten, denn es steht schlicht noch nicht zum Verkauf. Aber schon ganz oben. Exakt zehn Jahre, nachdem diesem Hersteller das Kunststück schon einmal gelungen war, liegt in der nicht unbedingt wichtigsten, sicher aber prestigeträchtigsten Klasse – Sportler – wieder eine Aprilia an der Spitze. 1999 gab die RSV mille der Yamaha R1 das Nachsehen, aktuell macht die RSV4 Factory die zweitplatzierte Honda Fireblade zur ersten Verliererin. Mehr als jeweils vier Zylinder haben die beiden Maschinen nicht gemein. Und doch liegen sie eng beieinander an der Spitze. Viel-leicht, weil sie ein Erfolgsrezept teilen, das leichter formuliert als umgesetzt ist: sich treu bleiben und sich immer wieder neu erfinden. Das hat weniger mit der Technik an sich zu tun, sondern viel mehr damit, wie sie lanciert und ergo vom Publikum wahrgenommen wird.

Die Leute von Harley nicken jetzt fleißig und dürfen sich so fühlen, wie es sich die Kunden nach einer Runde Milwaukee-V2 offensichtlich nach wie vor versprechen: easy. Drei Eisen am Chopper-Start – alle drei unter den ersten vier der Klasse, wow. Und weil es doch gerade so wenig Super-lative mit positiven Vorzeichen zu vermelden gibt, hier noch einer zum Schluss. Ebenfalls mit dem für die Sportler schon erwähn-ten Erfolgsrezept durch die Gegend schnuffelnd, entscheidet mit dem größten Stimmenanteil überhaupt und dem deutlichsten Abstand zum Zweitplatzierten kein Scooter die Roller-Konkurrenz, sondern das, was der Wähler für eine klassisch schöne Vespa halten darf.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel