Blickpunkt: Motorrad-Design (Archivversion)

Weiter denken

Die Jugend von morgen ist nicht von gestern. Sie wird andere Vorstellungen haben, die sich in anderen Formen ausdrücken. Sechs Studenten der Hochschule Pforzheim haben ein "Motorrad für die Jugend von morgen" entworfen.

Er wusste von Anfang an, was passieren würde. Noch bevor die Studierenden der Fachrichtung Transportation Design erste Entwürfe vorgelegt hatten, prophezeite der Professor: "Wir werden schocken müssen." Und Lutz Fügener hatte auch gewusst: Schocken würde er mit der klar und scheinbar harmlos formulierten Semesteraufgabe, ein "Motorrad für die Jugend von morgen" zu entwerfen, zunächst die angehenden Designer selbst. Denn einer nur – Matthias Graf – war schon mal Motorrad gefahren, der Rest hatte keine Ahnung. Weshalb die Voraussetzungen nahezu ideal waren. Nicht um das Motorrad als das zu sehen, was es ist. Sondern ideal, um es als den Gegenstand zu denken, der es sein kann.

Genau das steckt in diesen Entwürfen: das Motorrad, weiter gedacht. Die sechs Konzepte schreiben eben nicht das fort, was die Jugend von gestern kennen- und schätzen gelernt hat. Sie sehen anders aus, völlig anders, und damit deuten sie an: Mit dem Motorrad, das es heute gibt, wird irgendwann Schluss sein. Damit es aber das Motorrad weiter gibt, muss es einer auch gedanklich anderen Herangehensweise entspringen. Das Motorrad wird sich nicht nur formal, es wird sich wesentlich verändern, verändern müssen.

Damit jedoch werden auch die Vorstellungen bedroht, die sich mit dem Motorrad – immer noch – verbinden. Denn mehr noch als ein technisches Ding steht ja das Motorrad als Symbol, das, wenn man so will, Werte wie Dynamik, Freiheit, Unabhängigkeit, Potenz und was nicht sonst noch alles verkörpert. Vor diesem Zusammenhang erscheint der spontane Impuls, das Neue zunächst zurückzuweisen, nur allzu verständlich. Und die Vorahnung des Professors Lutz Fügener, selbst großer Freund und versierter Fahrer aktueller Maschinen wie Aprilia Mille und KTM EXC, kaum noch prophetisch. Denn Grundlage der Ablehnung ist wohl nicht so sehr das oberflächliche Nichtgefallen als eher das ästhetische Unverständnis. Das Neue gilt nicht als hässlich, weil es nicht gut aussieht, sondern weil es für das Bekannte bedrohlich sein kann.

Deshalb darf Schönheit, sprichwörtlich, gerne weiter im Auge des Betrachters liegen. Design allerdings nicht allein und nicht vorrangig danach beurteilt werden, ob es gefällt. Noch dazu: ob es auf Anhieb gefällt. Denn Design heißt primär, Gedanken in Form zu bringen, nicht Material. Das Material ist nur Träger des geformten Gedankens. So unterscheidet sich Design vom bloßen Styling, es erschöpft sich nicht in der Gestaltung einer Oberfläche.

Der radikale, der unter Umständen auch schockierende Bruch dieser Maschinen mit R 1200 GS, CBF, 1098, Versys, R1, V-Strom und V-Rod liegt außerdem in einer ziemlich simplen Frage begründet, die die Studierenden sich stellen sollten: "Wie müssten die Maschinen aussehen, damit ihr sie fahrt? Versucht euch selbst als Nutzer zu sehen", kam Fügeners Aufforderung. Die er mit einer Anregung fortführte: "Fragt euch, wäre mir das peinlich, wenn meine Freunde mich auf so etwas sehen oder nicht?"

Die Entwürfe dürfen also auch als sehr persönliche Antwort verstanden werden. Das ist deshalb nicht unerheblich, weil jeder der angehenden Designer das von ihm entworfene Motorrad ganz offen als Lifestyleprodukt definiert, als Produkt, das in die jeweilige Lebenswelt passt und diese ein Stück weit zum Ausdruck bringt. Bezeichnend. Heißt nämlich im Umkehrschluss: Was da aktuell so rumfährt, tut das nicht oder bestenfalls ein kleines bisschen. Es gehört, so wie es sich derzeit darstellt, zur Lebenswelt der Jugend von gestern und wird, wie wir merken, schon von der Jugend von heute immer weniger favorisiert, sprich: gekauft.

Das aber liegt nicht an einer prinzipiellen Ablehnung des Motorrads, nicht daran, dass es Jugendlichen nicht gefiele. Nur daran, dass sie sich andere Vorstellungen davon machen. Nicht so ölige. Insofern schocken die Konzepte eigentlich weniger, als sie Hoffnung machen und anregen, das Motorrad weiter zu denken.
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Die Designer zu ihren Werken (Archivversion)

Alexander Makusch, 22
"Das Motorrad für Jugendliche soll meines Erachtens die Gesamtproportionen eines klassischen Motorrads beibehalten, jedoch muss sich die Komplexität des Designs reduzieren. Daher versuchte ich, alle Bauteile so zu vereinfachen und zu gestalten, dass sich die Funktion nicht ändert, wohl aber das Erscheinungsbild. Das fasziniert die Jugend: komplexe Technik klug und einfach verpackt. Beispiel Apple iPod.

Die Radführung über Blattfedern und Nabenlenkung ist wesentlicher Bestandteil der Linienführung, ebenso wie die Oberschale, die sich wie eine Spange über den darunter liegenden Tank wölbt. Aussparungen mit Gittereinsätzen lassen den Korpus leichter aussehen. Drittes maßgebliches Designelement sind die großen, filigranen Räder mit außen liegenden Bremsscheiben.”


Stefan Jubbt Rasmussen, 22
"Mein Motorrad ist ein Konzept, das zwei unterschiedliche Fahrpositionen anbietet. Die erste ähnelt der, die man von den Superbikes kennt. Die zweite erinnert an einen Roadster, man sitzt tief in einer Schale. Wenn die Roadster-Position nicht genutzt wird, kann die Schale als Gepäckraum für Shoppingbags, Wakeboard, Skateboard oder Ähnliches herhalten. Dadurch wird das Motorrad viel flexibler, und ich bin sicher: attraktiv für die Jugend.”


Matthias Graf, 26
"Das Konzept soll Jugendlichen etwas geben, mit dem sie sich von der Masse abheben können, und etwas, das technisch auf dem neuesten Stand ist. Mein Fahrzeug soll eher Lifestyle-Objekt sein als reines Fortbewegungsmittel.

Ich habe versucht, das Erlebnis Motorrad fahren auf die Spitze zu treiben und den Fahrer noch mehr in das Fahrzeug zu integrieren. Er sitzt im Rad und ist Teil des Fahrzeugs. Aufgrund der V-Position der Reifen hat der Fahrer anders als beim konventionellen Einrad ein freies Sichtfeld. Der vordere ‚Schnabel’ dient dazu, das Fahrzeug beim Parken abzustellen. Außerdem hilft er, einen Überschlag zu verhindern, sollte die Elektronik ausfallen. Beim Design war mir wichtig, dass die Karosse sich möglichst harmonisch in den Reifen in seiner perfekten Kreisform integriert. So scheint der Fahrersitz zu schweben, obwohl er fest mit dem Rahmen verbunden ist. Kippbewegungen, welche beim Bremsen und Beschleunigen entstehen, werden bei diesem Konzept genau wie bei einem Segway über Gyroskope, welche ständig die Position des Fahrzeugs errechnen, gesteuert.”


Roman Kadler, 23
"Dieses Motorrad verbindet die Freiheit und Bewegungsmöglichkeit eines Fahrzeugs mit dem Image und den Anpassungsmöglichkeiten, die uns Kleidung bietet. Das Styling ist dank auswechselbarer Oberfächenmaterialien schnell an Gelegenheit oder Laune anzupassen. Die Maschine ist weniger reines Fortbewegungsmittel. Sie ist Teil unseres Lifestyles, der beinhaltet, schnell und sicher von A nach B zu kommen. Aber auch: mit Spaß.”


Chris Lai
"Der RUNNER wird 2060 von Nike released. Zu diesem Zeitpunkt ist die Fashionszene in London an einem Punkt angelangt, an dem es schwer wird, sich als individuelle Jugendsubkultur zu behaupten. Mit dem Runner wird ein Motorrad für die Jugend herausgebracht, das sowohl Fortbewegungsmittel als auch Fashionprodukt verkörpert.”


Igor Vishnevskiy, 25
"Wegen des zunehmenden Verkehrs ist das Fahren unsicherer geworden. Vor allem Motorradfahrern stellt sich die Frage, wie sich das Fahrzeug sicherheitstechnisch verbessern lässt. Deshalb stellt mein Konzept das Thema Sicherheit in den Mittelpunkt. Für mich bedeutet Sicherheit, sich umschlossen zu fühlen. Also habe ich einige Aspekte aus dem Automobilbereich übernommen und in eine Form gebracht, die den Fahrspaß auf dem Motorrad mit sicherem Fahren verbindet.

Eine lang gezogene, spirale, von oben betrachtet asymmetrische Bewegung fließt über den gesamten Korpus. Die linke Seite spielt auf die in den 1930ern schon verwendete Halbtropfenform an, die eine gute Aerodynamik bietet.

Sitzposition und Bedienungselemente entsprechen denen im Auto. Das spricht die Jugendlichen an, die mit Motorrädern wenig Erfahrung und vielleicht Berührungsängste haben. In seinen Fahreigenschaften ist das Fahrzeug, angetrieben von einem Zweizylinder-Boxer im Hinterrad, aber dem Motorrad verpflichtet. Das Motorrad-Konzept trägt den Namen CAVERE. Das Wort kommt aus dem Lateinischen, und bedeutet so viel wie ‚achtgeben’ und ‚sich hüten’.”

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