Blickpunkt: Motorräder aus China China: Gefahr oder Chance?

Qualitativ hängen sie noch hinterher, quantitativ hat Chinas Motorradindustrie den Rest der Welt längst überholt. Der Westen sucht Kooperation und hofft. Wo geht die Reise hin?

Foto: 2Snap

Preisfrage: Welches Land ist der größte Motorradproduzent der Welt? Wer jetzt spontan mit "Japan" antwortet, liegt leider falsch. Die Spitzenposition hat Nippon schon vor über einem Jahrzehnt an China abgegeben. 2008 wurden im Reich der Mitte 27,5 Millionen motorisierte Zweiräder produziert, mehr als die Hälfte der jährlichen Weltmarktproduktion. Zurzeit gibt es rund 130 chinesische Hersteller, allein die fünf größten bauen jeweils mehr als eine Million Motorräder pro Jahr.

Die meisten Motorradproduzenten konzentrieren sich in der Megametropole Chongquing, in deren Einzugsbereich zehn Millionen Menschen leben. Die Gesamtproduktionszahl des deutschen Marktführers BMW von rund 100.000 Einheiten pro Jahr würde dort nicht weiter auffallen. Zugegeben, die überwältigende Mehrheit der chinesischen "Motorräder" sind Roller und Einzylinder-Kleinkrafträder mit zwischen 50 und 250 Kubik, doch der Anteil der größeren Hubräume wächst. Mittlerweile baut ein Hersteller namens Jialing sogar schon eine 600er.

Die meisten Motoren dort sind luftgekühlte Einzylinder mit Vergaser. ABS, Einspritzung oder hohe PS-Leistungen sucht man noch vergeblich. Aber wer heute in Europa ein chinesisches Motorrad belächelt, dem könnte in wenigen Jahren das Lachen vergehen. Die Chinesen lernen schnell, und die Regierung steckt sehr viel Geld in die Ausbildung an den Universitäten und Hochschulen – gerade im Ingenieursbereich. Auch gibt es bereits einige gute Designzentren, die westlichen Geschmack durchaus zu bedienen verstehen. Es ist wohl kein Zufall, dass die BMW-Tochtergesellschaft Designworks jüngst ein Studio in Schanghai eröffnet hat.

Anzeige
Foto: Wolf

Den Chinesen wird gern vorgeworfen, Produkte dreist zu kopieren, was oft auch stimmt. In China gilt dies jedoch nicht als verwerflich, sondern als Zeichen der Wertschätzung für ein nachahmenswertes Vorbild. Die Plagiate bestehen den direkten Vergleich in puncto Qualität, Zuverlässigkeit und Leistung mit den westlichen Originalen zwar noch nicht – das zeigen Tests, unter anderem auch von MOTORRAD (Top-Test Shineray 125 in Heft 12/2007). Aber die chinesischen Hersteller verbessern ihre Motorräder kontinuierlich. Dass die chinesischen Arbeitslöhne nur einen Bruchteil der europäischen ausmachen, ist hinreichend bekannt, entsprechend billig können die Bikes in China produziert werden.

Japan machte sich in den 1960er-Jahren auf, Weltmarktführer im Motorradsektor zu werden, und die damals großen westlichen Hersteller nahmen das nicht ernst. Doch durch Fleiß und Intelligenz erreichten die Japaner bekanntlich ihr Ziel, und viele europäische und amerikanische Marken gingen pleite. Heute jammern die etablierten Motorradfirmen über seit Jahren schrumpfende Absatzzahlen in Europa und Nordamerika. Hier sind die Menschen mittlerweile gewohnt, Motorräder mit großen Hubräumen zu fahren, doch die damit verbundenen hohen Kosten schrecken immer mehr Motorradfans von ihrem Hobby ab, Nachwuchs fehlt überall.   

Ganz anders in China und Südostasien. Die Menschen dort kommen zu immer mehr Wohlstand und wollen mehr Mobilität. Autos sind für viele Chinesen immer noch nicht erschwinglich, auch wenn die Zahl der Autobesitzer in den Städten rapide wächst. Aber Motorräder bieten vor allem für die Landbevölkerung – etliche Hundert Millionen Menschen – die gleiche Mobilität bei wesentlich geringeren Kosten. Abgesehen von einem kleinen Knick im Jahr 2009 verzeichnen die chinesischen Motorradhersteller stetig wachsende Verkaufszahlen. Jährlich werden in China etwa 15 Millionen Motorräder verkauft.

Anzeige
Foto: Biebricher

Motorräder aus China

Finanziell stehen die meisten großen China-Marken auf einer soliden Basis. Das würde Investitionen in die Entwicklung zukünftiger Modelle sowie teurere Materialien und Komponenten zulassen. Doch auch die Einstellung gegenüber dem Motorrad als bloßes Transportmittel ändert sich in China: Wang Wei, der Direktor der Organisation für industrielle Entwicklung der Vereinten Nationen (UNIDO), erklärte bereits 2009 anlässlich der größten chinesischen Motorradausstellung, der CIMA Motorshow, dass chinesische Fahrer inzwischen mehr von ihrem Bike erwarten.

Wang sagte der chinesischen Motorradindustrie eine große Zukunft voraus: "Als Sportgerät und zur Unterhaltung werden großvolumige Motorräder in China eine rasante Entwicklung haben." Großer Beliebtheit erfreuen sich – mangels asphaltierter Rundstrecken – vor allem Motocross-Veranstaltungen, bei denen oft mehr als 100 Teams antreten. Die Begeisterung der Chinesen für Motorräder darf von den etablierten ausländischen Herstellern durchaus als Bedrohung aufgefasst werden. Aber selbst wenn die Chinesen keine großen Motorräder bauen und exportieren würden, gilt das Land mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern als der Markt der Zukunft.

Genau deshalb versuchen Motorradhersteller aus aller Welt, unbedingt ein Standbein im Reich der Mitte zu bekommen, um nicht von der Entwicklung überrollt zu werden.  Haojue, mit drei Millionen Motorrädern und Rollern sowie zusätzlich drei Millionen Motoreneinheiten zurzeit der größte Motorradproduzent Chinas, hat seit Langem einen Deal mit Suzuki geschlossen und exportiert seine Produkte in 70 Länder. Auch Yamaha und Honda sind vor Jahren schon Partnerschaften mit chinesischen Marken eingegangen, um sich ihren Teil am Kuchen zu sichern. Die chinesischen Bikes profitieren von den modernen Motoren, und die Japaner können gewaltige Stückzahlen an Antriebseinheiten losschlagen.

Viele japanische, europäische und amerikanische Marken lassen Komponenten ihrer Modelle in China fertigen, versuchen aber aus Imagegründen, das möglichst nicht publik zu machen. BMW lässt seit 2007 den Motor der G 650 GS bei Loncin bauen. Frühen Unkenrufen zum Trotz erweist sich der Single als zuverlässig und tipptopp verarbeitet. Aus Europa sind u. a. Piaggio, Peugeot, Aprilia und Moto Guzzi Partnerschaften eingegangen, sogar die Exotenmarke Benelli ist vertreten – sie wurde von einem chinesischen Investor aufgekauft. Harley-Davidson ging 2005 ein Joint Venture mit Zongshen ein, das mittlerweile allerdings beendet ist. Der Name dürfte übrigens Fans der Langstrecken-WM geläufig sein, wurde doch das Team Zongshen mit einer 1000er-Suzuki 2002 Weltmeister. Nicht übel für eine Firma, die erst 1995 gegründet wurde.

Foto: dpa

Umgekehrt gestaltet es sich schwierig  für ausländische Marken, Motorräder nach China einzuführen. Der Zoll belegt importierte Bikes mit 140 Prozent Einfuhrsteuer. Auch der Zulassung von großen Motorrädern stellen die chinesischen Behörden fleißig Hürden in den Weg. Wer etwa eine Harley in Schanghai kauft – es gibt mittlerweile vier Niederlassungen in China –, muss ins 1000 km entfernte Peking, um eine Zulassung zu bekommen. Manche Innenstädte dürfen nicht mit großen Motorrädern befahren werden, der Transport von Passagieren ist untersagt und auf den meisten Highways gilt ein Tempolimit von 60 km/h. Doch eine ständig wachsende wohlhabende Schicht lechzt nach westlichen Statussymbolen.

So gibt es in Peking bereits eine "Harley Owners Group", deren Mitglieder mal eben umgerechnet 50 000 Euro für eine Serien-Harley ausgeben. China ist nämlich auch das Land mit der am schnellsten wachsenden Zahl an Dollar-Millionären und belegt hier mittlerweile weltweit den vierten Platz. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis die chinesischen Motorräder in Sachen Qualität, Hubraum und Design den japanisch-europäischen Standards zumindest nahe kommen. In einem sind uns die chinesischen Motorradentwickler übrigens schon voraus: Sie setzen verstärkt auf Elektromotoren.

Themenseiten

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel