Blickpunkt Produkt- und Markenpiraterie (Archivversion) Original und Ohrginal

Es ist zum Heulen. Nichts ist sicher. Alles wird gefälscht, kopiert, abgekupfert, nachgebaut. Plagiarismus hat sich zu einem riesigen Wirtschaftszweig entwickelt. Auch in der Motorradbranche?

Noch die Krawatte richten. Und das Jackett zuknöpfen. Dann atmet er kurz durch und bringt sich, so sagt er das, "auf 500 Prozent Aggressivität". Jürgen Gallenkämper ist kein böser, er ist ein sehr freundlicher Mensch. Aber es gibt Sachen, die ihn böse machen. Diese Sachen sehen aus wie die Produkte von Kellermann. Das ist das Problem. Denn es sind nicht die Produkte der Firma. Es sind Fälschungen, die immer wieder auf dem Markt auftauchen und die der Prokurist immer wieder auf Messen entdeckt. An den Ständen warten Menschen meist osteuropäischer oder asiatischer Herkunft. Diese Menschen lächeln nicht mehr, und sie wollen plötzlich auch kein Deutsch und Englisch mehr verstehen, wenn Herr Gallenkämper ihnen mit seinen 500 Prozent den Ernst der Lage erklärt.

Die Lage sieht so aus: Kellermann bringt einen Blinker auf den Markt. Ein paar Monate später hat irgendein Fälscher den Micro 1000 LED kopiert und verscheuert ihn als Mirco 1000 LED. Natürlich weit unter Preis, natürlich vergleichsweise lausige Qualität, natürlich ohne TÜV-Segen (vielleicht aber mit gefälschtem Prüfzeichen). "Wenn wir das durchgehen ließen, könnten wir einpacken." Gallenkämper kann den finanziellen Schaden nicht genau beziffern, spricht aber von einem hohen sechsstelligen Betrag. Pro Jahr. Und von ständig an die 20 Verfahren wegen Urheber- oder Markenrechtsverletzungen, Patentverstößen, Betrugs.

Gefälscht wird alles, was sich fälschen lässt. Also: alles. Tempo-Taschentücher, bestreifte Sportschuhe, Eau de Toilette, Paillettenkleider, Synchronmotoren, Medikamente, entenfüßige Eierbecher, Fertiggerichte, Duschköpfe, Jeans, Rauchmelder, Miniblinker. Die Europäische Union schätzt, dass an die zehn Prozent der weltweit gehandelten Waren Fälschungen sind. Jedes Jahr würden europaweit 200000 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren, und der Industrie entstünde aus der Produktpiraterie ein Schaden von 300 Milliarden Euro. Das sind 17 Milliärdchen mehr als sich die Bundesrepublik 2008 zur Funktion genehmigt hat. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen verdienen Fabrikanten und Händler auf der ganzen Welt mit Plagiaten jährlich 500 Milliarden Dollar. Verdienen. Wichtigster Vertriebskanal für Gutschi, Pumer und Rohlechs, aber auch für Blembo, Halley-Dayvidson oder Aklappowitsch: das Internet. "Pro Woche lasse ich allein bei ebay.de etwa 100 Auktionen stoppen, das meiste davon Sportswear", sagt Dietmar Lacher von Yoko Sportartikel, dem Vertrieb von Fox. "Etwa 90 Prozent der Urheberrechtsverletzungen", zitiert die Website plagiat.ch von Christine Ehlers von der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen, "finden heute im Internet statt oder starten dort."

Etwa unter www.ec21.com, der nach eigener Aussage größten Marktplattform im Netz. Dort sind nur drei Klicks nötig, um zum Beispiel auf ein Motorrad der Jut Vehicle Manufacture Group zu stoßen. Ein grünes Motorrad, laut Anzeige mehrfach zertifiziert, und es ist nicht allein die Farbe, die da Assoziationen wachruft. Zwei Klicks weiter präsentiert kaxamotos.com die KXP-35, eine 250er mit Zongshen-Einzylinder, verschlagwortet unter anderem als "KTM Dirt Bike", dargeboten in frischem Orange. Die Suche nach "KTM Dirt Bike" liefert 30 Treffer, 27 aus China, zwei aus Taiwan, einer aus Indonesien. Keiner aus Österreich. Ein pakistanischer Anbieter könne pro Monat 5000 Stück einer "Ducati-Lederjacke" ranschaffen, 50 Dollar, alle Farben, alle Größen, original YKK-Reißverschlüsse, und Export-Manager Waqas Mirza verspricht einen "CE-approved body". Dass die Joppe nicht wirklich von Ducati kommt, stört manche vielleicht wenig. Wenn sie denn nicht nur billig gemacht, sondern auch billig ist.

Einer Studie, durchgeführt unter 2500 Europäern, ist zu entnehmen, dass "der Kauf von gefälschten Markenprodukten weitgehend gesellschaftlich akzeptiert ist". Fast keiner der Befragten fürchtet, vor seinen Freunden als Depp dazustehen, wenn er Fakes kauft. Im Gegenteil. Vielmehr sehe es ganz danach aus, "dass immer mehr Menschen ganz gezielt Plagiate kaufen, obwohl sie sich der möglichen Gefahren durchaus bewusst sind", sagt Thomas Harms von der Prüfgesellschaft Ernst Young.

Eine der Gefahren könnten "Bremsbeläge sein, die nur so aussehen, aber nicht so bremsen wie Bremsbeläge, oder Achsen, die bei der geringsten Belastung brechen", erläutert Sebastian Helmreich vom Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie. "Ein Fälscher hat überhaupt keinen Anreiz, den Verbraucher zufriedenzustellen." Heißt: Denen ist vollkommen egal, ob da jemand ungebremst in einen Gurkenlaster rast. "Das fällt ja nicht auf den Fälscher zurück, weil er den Namen, das Renommee eines anderen benutzt."

Darin liegt eine weitere große Gefahr, eine für die Unternehmen nämlich, deren Produkte kopiert worden sind. Wie sieht das denn aus, wenn einem bei Vollgas die Fußraste abbricht, die Mühle aus der Spur gerät und man dann in einen Gurkenlaster rast? Erst mal schlecht. Selbst wenn sich herausstellt, dass die Raste keine Rizoma, sondern eine Lizoma war, lässt sich der Knacks im Image des Markenherstellers nicht mehr ganz kitten. Irgendwie ist da der Name, und irgendwie ist da die Verbindung mit Murks. Also versucht man sich zu schützen. Mit einem Spaziergang zum Beispiel.

Für die Mailänder Messe Eicma 2007 sind kaum die Teppiche verklebt, da macht sich Jens Utz von Rizoma auf den Weg. Er schlendert von Stand zu Stand und guckt. Ganz genau. Er sieht ein Produkt, er schaut zum Standpersonal, das Standpersonal schaut zu ihm. "Die wissen gleich Bescheid, was kommt." Es kommt: Eine höfliche Konversation, die an einer Stelle die deutliche Aufforderung enthält, gefälschte Rizoma-Produkte herzugeben, den Stand eventuell zu schließen. Lächeln, Händedruck, Dankeschön, Wiedersehen. Das ganz sicher, denn Jens Utz kommt wieder. Wenn Hebel, Rasten und sonst wie in Form gefrästes Leichtmetall nicht verschwunden sind, läuft das Gespräch anders. Rechtsanwalt und Zoll reden dann mit. Das ist meist deutlich genug, heißt aber nicht, dass Herr Utz auf der Intermot nicht mit denselben Leuten aus demselben Anlass dasselbe Gespräch führen müsste. "Wir rätseln manchmal selber, ob das Dummheit ist, oder ob sie das einfach riskieren." Auf der Eicma 2007 unterhielt sich der Mann von Rizoma drei, auf der letzten Intermot sechs Mal.

"China wird immer stärker", sagt er, "die kopieren schnell und gut." Und vertreiben ihren Kram in der Regel über ein Netz von immer wieder wechselnden Agenturen, so dass es schwer fällt, an die Hersteller und die eigentlich Kriminellen, die Auftraggeber, heranzukommen. Weil der Weg zu beiden bei der gefälschten Ware beginnt, und auch die muss man zunächst finden.

Messen und das Internet sind die eine, die europäischen Außengrenzen, See-, Binnen-, Flughäfen und Postämter die andere ganz gute Chance. Dort darf der Zoll Container und Pakete öffnen, wenn er meint, dass Plagiate drinstecken. Woher aber soll der Zoll das wissen? Klaus Hoffmeister, Leiter der Zentralstelle Gewerblicher Rechtsschutz in München, sagt: "Die Kenntnis stützt sich auf die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft." Bedeutet: Hersteller und Vertreiber informieren den Zoll zum Beispiel, wann sie welche Lieferungen mit welcher Spedition von wo erwarten und stecken ihm das mit der Produktpiraterie. Taucht dann eine Lieferung auf, die so nicht angekündigt ist, hält der Zoll die Hand drauf. Nennt sich Grenzbeschlagnahme.

Eine Eins hatten sie auf die Spitze gepappt, noch dazu mit Stars und obendrein mit Stripes, aber der eigentliche Grund der Sicherstellung an der tschechischen Grenze lag in diesem Namen, der bei 25000 Paar oberbilligen Turnschläppchen unter der Eins stand: Harley-Davidson. Es ist Freedom, es ist Spirit, es ist All American und es ist Way of Life. Es ist auf jeden Fall ein riesiger Cocktail von Werten, der diese Marke so wertvoll macht wie keine andere im Motorradbereich. Daraus allerdings folgt auch, dass sich alle Fälscher zwischen Balkan und Bosporus, Surinam und Shanghai darin üben, ein "Bar and Shield"-Logo auf alles zu nähen, kleben, fräsen, was sich nicht wehrt. "In-Produkte versprechen hohe Margen", sagt Arnd Dickel von Harley-Davidson Deutschland, "mit Fälschungen kann man da richtig Geld verdienen." Und Harley würde einiges verlieren. Weshalb keine andere Marke im Zweiradgeschäft so konzertiert gegen Markenpiraten vorgeht wie Harley-Davidson. Eigens dafür angestellte Mitarbeiter, Anwälte, ein Netz von privaten Ermittlern und Schulungen für Zollbeamte: Was ist Harley und was nicht?

BMW ist nicht Harley. Angesprochen auf das schwer propellerverdächtige Logo des Motorradproduzenten CF Moto sowie auf die Jialing JH 600, eine Maschine, die doch so manches mit frühen F-650-Modellen gemein hat, hieß es nur lapidar, man sei mit CF Moto in Kontakt. "Die stellen ihr Logo um", schrieb Rudolf-Andreas Probst von BMW. Auf der Website www.cfmoto.cn wird derweil das Logo munter weiter verwendet. "Bei der Jialing 600 sahen wir für den chinesischen Markt keinen Handlungsbedarf."

BMW befindet sich in guter Gesellschaft. Keiner der kontaktierten Importeure – bis auf Harley – konnte oder wollte innerhalb von 14 Tagen dezidiert zum Thema Produkt- und Markenpiraterie Stellung nehmen. Könnte also sein, dass man sich sehr gut aufgestellt wähnt, könnte ebenfalls sein, dass man sich gar nicht erst betroffen fühlt. Vielleicht kann sich ja niemand vorstellen, warum jemand diese Produkte überhaupt fälschen soll?

Tatsächlich liegt es wohl weniger am Warum, sondern eher am Wie. Es ist alles andere als leicht, komplette Motorräder zu kopieren. Deshalb ist die Plagiarismusrate im Motorradbereich noch vergleichsweise gering. Einzelne Komponenten, speziell solche, bei denen es nicht in erster Linie um hohe Funktionalität geht, werden abgekupfert. Nachgemachte Motorräder selbst erinnern eher an Potpourris aus mehreren Modellen und sind meistens nicht Gefahr, sondern amüsant. Als Ratespiel, woher die Einflüsse stammen: Ist das nicht eine Honda NTV? Oder Suzuki GS 500? Hm, beides irgendwie. War da nicht mal so ein Honda-Roller in der Art? Helix! Aber das da ist F 650. Suzuki Freewind. Ja, auch. Mit ein bisschen neuer Triumph Tiger. Und so weiter. Exakte Repliken wie im Fall der Sachs MadAss 50 sind bislang Ausnahme.

Bislang. Zum einen lassen viele Unternehmen viele Produkte mittlerweile in Fernost fertigen, weil dort längst Produktionstechnik und Fertigungs-Know-how das Entwicklungsländische hinter sich gelassen haben. Und es darf nicht erwartet werden, dass die Kopisten mit der Zeit ungeschickter werden oder weniger wissen, welche Marken und Produkte angesagt sind, egal ob Triumph-Büstenhalter oder Triumph-Motorrad. Zum anderen existieren in Fernost, zumal im chinesischen Kulturkreis, andere Moralvorstellungen übers Kopieren. A. W. Graf von Faber Castell befand in einer Rede zur Plagiarius-Preisverleihung, bei der alljährlich die dreistesten Fälschungen ausgezeichnet werden, dass sich die Welthandelsorganisation schwer tue, in China und dem übrigen asiatischen Raum "westliche Vorstellungen von geistigem Eigentum zu etablieren. In China gilt es als ehrenhaft, Meister zu kopieren". Und unter europäischen Verbrauchern gilt es nicht als ehrenrührig, Produkte vor allem nach dem Preis zu kaufen. Manchen bleibt ohnehin nichts anderes mehr übrig.

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