Blickpunkt Restwertbörsen (Archivversion) Die Geld-Maschine

Verunfallte Motorräder verlieren an Wert. Trotzdem lässt sich mit ihnen eine Menge Geld machen. Denn in Restwertbörsen werden schrottreifen Maschinen oft horrende Werte zugeschrieben. Wie kann eine Rechnung aufgehen, bei der alle nur gewinnen und keiner draufzahlen soll?

Das Telefon klingelt sehr spät an diesem Abend. Er erkennt die Stimme, und er erkennt den Akzent. Ein kurzes Gespräch, wie gewöhnlich, nicht mehr als der Austausch von Daten: „M 1800: fünfzwei“, sagt er. Der Anrufer fragt nicht nach dem Zustand der Maschine. Der ist egal. Der Anrufer fragt auch nicht, ob das Angebot komplett ist. Er geht davon aus. Und stimmt zu. Am nächsten Morgen fährt ein Transporter mit polnischem Kennzeichen auf den Hof des Fahrzeughändlers in W. In dem Transporter verschwindet eine silberne Suzuki M 1800.

Rund zwei Wochen zuvor war, von der Stadt W. einige hundert Kilometer entfernt, Georg Z. im Feierabendverkehr zunächst mit dem Handling seines Cruisers überfordert und sodann neben einem schwer verformten Eisenhaufen zum Liegen gekommen. Dieser Eisenhaufen, so bestimmte der Sachverständige Volkmar E. im Auftrag der Kaskoversicherung, ließe sich für 10600 Euro in ein Motorrad zurückreparieren. Unter Berücksichtigung „der örtlichen Marktlage“ sei ein Wiederbeschaffungswert von 7800 Euro „ermittelt“ worden. „Wirtschaftlich liegt ein Totalschaden vor“, liest sich das im Gutachten. Ebenfalls steht dort, dass dieser Totalschaden dem Fahrzeughändler in W. 5200 Euro wert ist. Diese Summe wird die Kasko von Georg Z. ihrer Schadensregulierung nach folgender Berechnung zugrunde legen: 7800 Euro Wiederbeschaffungswert minus Restwert minus Selbstbeteiligung gleich Auszahlung. Klar ist: Je höher der Restwert, desto weniger muss die Versicherung zahlen. Und im Kasko-Schadensfall geht der Versicherte auf das Angebot ein, sein Schrottmotorrad an den Händler aus W. zu verkaufen, oder finanziell baden. Denn im Kasko-Fall agiert die Versicherung als Chef im Ring. Der Restwert von 5200 Euro ist unumstößlich.

Wie der Restwert zustande gekommen ist, vermerkt das Gutachten nicht direkt. Allerdings steckt hinter dem angegebenen Kürzel „I.H.S.“ – International Handling Service – die APE Ptacek Engineering GmbH in München. In den „Allgemeinen Bestimmungen“ dieser Firma heißt es: „Jeglichen AGB der Vertragspartner der APE wird hiermit ausdrücklich widersprochen.“ Mit anderen Worten: Die APE will eigene Regeln bestimmen. Mit dieser Gesellschaft zusammen hängt unter anderem die Restwertbörse „car.tv“. Car.tv ist neben autoonline die größte Restwertbörse in Deutschland. Mitte der 1990er Jahre sind solche Internet-Plattformen entstanden. Im Prinzip so ähnlich wie ebay, nur mit einem eingeschränkten Nutzerkreis. Händler und Verwertungsbetriebe können sich registrieren lassen, um über spezielle Software oder Zugangsdaten Gebote auf Unfallfahrzeuge abzugeben. Autoonline rühmt sich auf der eigenen Internetseite (restwertboerse.de), „Partner aller großen Kfz-Versicherungen“ zu sein. Das ARD-Magazin plusminus formuliert das anders: „Diese Restwertbörse wurde mit massiver Unterstützung einzelner Versicherungen gegründet.“ Mit 38 Prozent Hauptanteilseigner: die Dekra, die bundesweit zirka 6000 Sachverständige beschäftigt. Laut Nachrichtenmagazin Focus halten Versicherungen Sachverständige an, grundsätzlich die Börsen zu nutzen, um Restwerte zu ermitteln. Und die Zeitschrift Auto Bild befindet, dass sich die Versicherungen „ein Netzwerk an teuer zahlenden Unfallwagen-Dealern aufgebaut haben“.

Keine zwei Tage nach Einstellung bei „car.tv“ war der Restwert des Totalschadens von Georg Z. von 500 auf 5200 Euro geklettert, und das, obwohl im Gutachten davon die Rede ist, dass der Rahmen zu vermessen sei. „Das dürfen Sie mich nicht fragen, wieso der Händler so viel bietet“, sagt der Sachverständige Volkmar E. „Ich stelle das Motorrad für zwei, drei Tage ein, dann nehme ich das höchste Gebot.“ Dieses trägt er ins Gutachten ein. Der Sachverstand des Sachverständigen muss (oder soll) in solchen Fällen zur Restwertbestimmung offenbar gar nicht mehr bemüht werden. „Was meine Meinung ist“, räumt Volkmar E. ein, „hat da nix zu sagen. Ich mache mir da meine Gedanken, aber die nicht für die Öffentlichkeit.“ Ein Kollege will ebenfalls vorsichtig sein mit Äußerungen, doch Hans-Joachim Schwer, Vorsitzender des Bundesverbands der Zweiradsach-verständigen (BdZS), sagt, „man kann sich denken, was da passiert“. Und das erklärt, zumindest indirekt, ein Mitarbeiter des Fahrzeughändlers in W. Auf das hohe Gebot angesprochen, druckst er zunächst rum, dass der Chef sich manchmal auf der Tastatur vertippe. Oder, „wenn er die Angebote nur mit einem Auge anschaut, vielleicht einen Rahmenschaden nicht sieht oder so“. Das sind zwei Varianten. Eine weitere beschreibt er später im Gespräch, als er ganz beiläufig sagt: „Die Dinger fassen wir gar nicht erst an, das rechnet sich nicht, und das Risiko ist uns zu hoch. Wir nutzen unsere Grenznähe zu Polen. Was die dann mit so einer Maschine machen, ist uns egal.“

Was könnten sie tun? Nicht viel, wie ein Rechenbeispiel zeigt: 5200 Euro hat der Fahrzeughändler in W. für die M 1800 bezahlt. Angenommen, er kalkuliert 800 Euro für Transport, Handling und Gewinn. Macht 6000 Euro, für die der polnische Abnehmer eine einigermaßen schrottreife Maschine erhält, für die der Sachverständige in Deutschland, zur Erinnerung, 10600 Euro Reparaturkosten veranschlagt hat. Hergerichtet käme ein Motorrad heraus, für das sich 7000 Euro herausschlagen ließen, vielleicht. Denn der im Gutachten angegebene Wiederbeschaffungswert gilt für ein unfallfreies Exemplar. Ergo bleiben dem Käufer der Suzuki 1000 Euro Luft, um erstens eine Reparatur zu erledigen, die eigentlich mehr als das Zehnfache verschlingen sollte, und zweitens für sich einen Profit zu erzielen. Wie soll das gehen?

Es geht, wenn in die Rechnung eine weitere Variable einfließt. Als der polnische Händler diese Variable, die die gesamte Rechnung auf den Kopf stellt, in einer Klarsichthülle entgegennimmt, lächelt er kurz, verabschiedet sich und fährt vom Hof. Der Inhalt ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Grund, weshalb sich der Fahrzeughändler in W. „vertippt“ hat, als er sein überraschend hohes Gebot abgab: der Fahrzeugbrief.

Auf der Internetseite des Aachener Ingenieurs und Sachverständigen Günther Diefenthal (Kfz-expert.de) steht unter dem Stichwort „Restwertveräußerung“ Folgendes: „Bei einer Vielzahl von Straf- und Zivilprozessen hat sich (...) herausgestellt, dass sehr oft gestohlene, unfallfreie Kraftfahrzeuge durch Umfrisieren der Fahrgestellnummer mit der Identität (Fahrgestellnummer/Kfz-Brief) stark verunfallter Fahrzeuge versehen worden sind. Die eigentlichen Unfallfahrzeuge wurden anschließend ausgeschlachtet und die fahrgestellnummerlose Karosserie eingestampft.“ Dass auf Bestellung geklaut wird, ist auch den Landeskriminalämtern seit Langem bekannt, konkret informiert wird darüber jedoch nur hinter vorgehaltener Hand.

Und ein Rechtsanwalt räumt ein, dass die Bieter in Restwertbörsen anfangs von Versicherungen Rückvergütungen erhalten haben, um die Börsen und damit die hohen Restwerte am Markt zu etablieren.

Georg Z. entsteht dadurch kein finanzieller Schaden. Er hat seinen M-1800-Schrott für 5200 Euro nach W. verkauft und damit – wenn auch unwissentlich – das Geschäft mit Fahrzeugpapieren unterstützt. Seine Versicherung hat ihm den Differenzbetrag zum Wiederbeschaffungswert erstattet. Sie hat den Schaden von Georg Z. reguliert und den eigenen begrenzt, ohne darin ein Problem zu sehen. Ein Allianz-Sprecher orakelt, man könne den „Handel mit Papieren und völlig zerstörten Fahrzeugen nicht gänzlich unterbinden“. Man sei ja nicht Eigentümer der Fahrzeuge und verkaufe sie schließlich nicht selbst.

Ein zweiter Fall, dieser jedoch im Rahmen der Kfz-Haftpflichtversicherung: Es ist ein sehr angenehmes Telefongespräch, das Markus J. in ausgeglichener Stimmung beendet. Die Anruferin war nicht nur ausnehmend charmant gewesen. Sie hatte ihm auch das zuvorkommende Angebot unterbreitet, dass er sich um nichts würde kümmern müssen. Man werde alles regeln, alles komme wieder in Ordnung, so in etwa die Auskunft der Telefonistin aus dem Callcenter der Versicherung. Diese Versicherung hatte am Tag zuvor erfahren, dass Markus J. von einer ihrer Kundinnen schlicht über den Haufen gefahren worden war. Dabei trug Markus J. keinen wesentlichen, seine Maschine indes einen totalen Schaden davon. Zumindest sah die Harley so aus, als ob nie wieder ein Motorrad aus ihr werden könnte. Genau das aber stellte Markus J. sich vor. Er will die Harley behalten, reparieren lassen und nicht verkaufen.

Die Telefonistin stellte sich nichts Konkretes vor, sie vermerkte nur eine Gesprächsnotiz in der Akte, die am nächsten Morgen der Versicherungs-Sachbearbeiter auf seinem Schreibtisch findet. Und der macht sich sofort seine Vorstellungen, wie der Arbeitgeber einiges an Geld sparen kann, nämlich indem er nach Schema F vorgehen würde: Ein von der Versicherung bestellter Gutachter würde den Schrott in die Restwertbörse stellen und in der Vertrauenswerkstatt der Versicherung die Reparaturkosten ermitteln. Das würde den Restwert nach oben treiben und die Versicherung für den Fall wappnen, dass Markus J. seine Unfall-Harley eventuell doch verkaufen will. Gleichzeitig würden die Reparaturkosten nach unten gedrückt, falls Markus J. reparieren lässt. Nach ihren Pauschalsätzen und damit für sie kostengünstig würde die Versicherung den über den Haufen Gefahrenen zudem für seine Stauchungen und die geprellte Hüfte entschädigen.


„Das würden die Versicherungen gerne machen“, sagt darauf der Rechtsanwalt, den Markus J. kontaktierte, nachdem ihm das Entgegenkommen der Versicherung doch ein bisschen komisch vorkam. „Aber das werden sie nicht machen. Wir werden machen.“ Viele Geschädigte hingegen fallen auf die vermeintlich netten Angebote der gegnerischen Versicherungen rein, überlassen ihnen die Initiative bei der Schadensregulierung. Und zahlen meist drauf. „Die Dreistigkeit, mit der Versicherungen rechtmäßige Ansprüche Geschädigter einfach wegkürzen, geht in die Nähe einer strafbaren Handlung“, zitiert Focus die Verkehrsrechtsanwältin Daniela Mielchen. Warum? Weil Markus J. Herr des Restitutionsgeschehens ist und sein Integritätsinteresse gewahrt bleiben soll. Meint: Er bestimmt als Geschädigter, nach welchen Regeln gespielt wird, nicht die gegnerische Versicherung. Und Markus J. darf seine Harley instand setzen lassen, selbst wenn die Reparatur maximal 30 Prozent teurer wird, als sich die gleiche Maschine wieder zu besorgen.

Ergo beauftragt Markus J. selbst einen Sachverständigen. Der ermittelt einen Restwert auf dem lokalen Markt, fragt also im Umkreis ein paar Motorradhändler, was ihnen der Schrott wert sei. Und er rechnet die Reparatur mit der Werkstatt durch, die Markus J. sich aussucht. Der sich außerdem überlegen kann, was er überhaupt mit seiner Maschine anfangen möchte. Er könnte die Harley erstens reparieren lassen, der Versicherung die Belege schicken und die Rechnung erstattet bekommen. Er könnte zweitens die von seinem Gutachter ermittelten Reparaturkosten geltend machen und einfordern, also fiktiv abrechnen, wobei er auf die Mehrwertsteuer verzichten muss. Er könnte seinen krummen Ofen drittens seiner Schwester verkaufen zu dem Preis, den der Sachverständige als Restwert ermittelt hat und sich den Differenzbetrag zum Wiederbeschaffungswert von der Versicherung auszahlen lassen.

Genau an diesem Punkt gewinnen die Angebote der Versicherungen mit ihren in den Börsen ermittelten Restwerten als eine Art Druckmittel an Bedeutung. Der Bayerische Rundfunk (BR) zitiert ein Schreiben, das dem Rechtsanwalt Rainer Kretsch vorliegt. Dort schreibt die Versicherung an den Unfallgegner, man werde „die Höhe des zu erzielenden Restwerts in jedem Fall einer konkreten Prüfung unterziehen. Wir bitten daher, von einer Veräußerung des verunfallten Fahrzeugs zunächst abzusehen“. Andernfalls wären Tatsachen geschaffen worden, an denen sich auch die Versicherung orientieren müsste. Entscheidend ist, wer zuerst Schaden und Restwert hat berechnen lassen. „Kommt die Versicherung als Erster dazu, ein konkretes Restwertangebot vorzulegen, muss der Geschädigte dies nach der gültigen Rechtsprechung akzeptieren“, heißt es im BR-Bericht.

Als Markus J. sich entschließt, seine Harley für die 1700 Euro zu verkaufen, die sein Sachverständiger als Restwert ermittelt hatte, begleicht die Versicherung – zähneknirschend – den Differenzbetrag zum Wiederbeschaffungswert, laut Gutachten 10750 Euro. Das Geld ist kaum auf dem Konto, da bekommt der von Markus J. bemühte Sachverständige Post. In dem Brief bringt die Versicherung zum Ausdruck, dass seine Restwert-Kalkulation nicht im Einklang mit ihrem Geschäftsinteresse stehe. Man verklage ihn auf Schadenersatz. Anwalt Kretsch äußerte gegenüber dem BR den Verdacht, dass „Haftpflichtversicherer derartige Regressprozesse nutzen, um Sachverständige unter Druck zu setzen. Sachverständige sollen dazu bewegt werden, in ihren Gutachten höhere Restwerte aufzunehmen, damit diese höheren Restwerte der Versicherungswirtschaft zugute kommen“. Das hat der Sachverständige Michael Gensert schriftlich. Im ARD-Magazin plusminus bestätigt er: „Man hat uns angeboten, die Restwertbörse künftig zu verwenden, um Regressverfahren aus dem Weg zu gehen. (...) Das ist sicherlich eine Sache, die man in den Grenzbereich der Legalität beziehungsweise an der Grenze zur Strafrechtsnorm einstufen könnte.“

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