Blickpunkt: Situation bei KTM Voll auf der Bremse

Kaum ein Motorradhersteller ist in den vergangenen zehn Jahren so gewachsen wie KTM. Nun müssen die rührigen Mattighofener mit einer heftigen Absatzkrise zurechtkommen.

Foto: Redeye Media Ltd UK

Die Nachricht klang besorgniserregend: KTM erhält eine Bürgschaft des Landes Oberösterreich in Höhe von 33,6 Millionen Euro. Sollte es wirklich so schlecht um die Mattighofener Motorradschmiede stehen? Tatsache ist, kaum ein Motorradhersteller wuchs in so kurzer Zeit so schnell. Innerhalb eines Jahrzehnts puschte der rührige KTM-Boss Stefan Pierer die Produktionszahlen von um die 30000 Maschinen pro Jahr auf über 80000. 2009 wollte KTM an der 100000er-Schallmauer kratzen, nun werden es höchstens 65000 sein. Dabei wollte Pierer noch im März 2008 ein Auto- und ATV-Werk in Graz und ein großes, für 150000 Motorräder ausgelegtes Werk in Munderfing bauen. Von diesen Expansionsplänen musste Pierer inzwischen Abstand nehmen, der schwache US-Dollar verhagelte die Bilanzen in den USA, nahezu kollabierte Märkte wie Spanien oder Ungarn ließen die Lager voll und die Kassen leer laufen. Aber Pierer wäre nicht Pierer, wenn er nicht hart und schnell gegengesteuert hätte. 300 Arbeitsplätze gingen dabei drauf, und einige Monate Kurzarbeit waren für die Produktion angesagt. Viele Neuentwicklungen wurden aufgeschoben und immerhin 32 Prozent der KTM-Anteile hält nun die indische Motorrad- und Rollerfirma Bajaj Auto ltd. Kein Zweifel: Pierer steht voll auf der Bremse.

Sogar die Produktion des Straßenflitzers X-Bow, ein Prestigeobjekt, mit dem KTM im Vierradbereich reüssieren wollte, lies er stoppen. Aber, und das ist die gute Nachricht, es sieht alles danach aus, dass die Maßnahmen greifen. Die riesigen Lagerbestände sollen weitgehend abgebaut sein, die Kurzarbeit in der Produktion konnte schneller als geplant beendet werden. Und natürlich bietet jede noch so große Krise auch Chancen für einen Neubeginn oder zumindest zum Überdenken der bisherigen Positionen. KTM kann sich nun wieder auf das konzentrieren, was die Marke groß gemacht hat. Nämlich Offroad-Maschinen, vom Kindercrosser bis zur Reiseenduro, von der zupackenden Zweitakt-Enduro bis zur ausgefeilten 450er-Crossmaschine auf WM-Niveau. Und die Straßenmotorradpalette, die von der einzylindrigen Duke über die Zweizylinder Superduke, Supermoto, Adventure bis zur 1190 RC8 schon ziemlich diversifiziert ist, darf sicher auch ein wenig gestrafft werden. Es nützt ja wenig, wenn die Stückzahlen pro Typ nur ein paar Hundert betragen. Da fressen die Kosten von der Ersatzteilversorgung bis zur Händlerschulung die Gewinne schnell wieder auf. Es gibt also momentan eine Menge Hausaufgaben zu erledigen für das KTM-Management. Dazu gehört sicher auch, das Motorsport-Engagement zu überdenken. Aus dem Rallyesport hat sich das Werk bereits verabschiedet. Auch die Grand-Prix-Rennerei bei den 125ern und 250ern steht zurzeit auf dem Prüfstand. In der WM vorn mitzuspielen, bedeutet doch eine ordentliche Anstrengung. In der IDM-Superbike wird man die RC8 R aber nächste Saison rennen lassen. Hier wurde KTM auf Anhieb Vizemeister mit Stefan Nebel als Fahrer, ein Erfolg. Für den KTM-Hausdesigner Gerald Kiska, der seit vielen Jahren die Welt mit seinen Kreationen in Atem hält und die Marke prägt wie kein anderer, sieht die Zukunft rosig aus: "KTM wird es immer geben, wir sind da einfach schon zu groß und zu wertvoll."

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