Blickpunkt Wüdo in Schwierigkeiten (Archivversion) Angezählt

Dem BMW-Spezialisten Helmut Wüstenhöfer geht es nicht gut. Denn es geht seiner Firma nicht gut. Wüdo ist finanziell angeschlagen. Es ist unklar, ob das Unternehmen in die nächste Runde geht. Wie ein Lebenswerk in Zahlen zu fassen ist, ermittelt ein Insolvenzverwalter.

Am Tag danach ist Danny 1,50 Meter groß. Er hat sich wie so oft an dieses schmale Wandstück im Durchgang zwischen Verkaufsraum und Werkstatt gestellt. Wie er in den vergangenen Jahren gewachsen ist, zeigen Striche an der Tapete. Auf die Frage, was er später denn machen möchte, sagt der Neunjährige, er wolle Mechaniker werden und „das machen, was der Opa macht“.Doch der Opa macht nichts mehr. Er will noch, und er kann noch. Allein: Er darf nicht mehr so, wie er will. Am 4. Dezember 2008 stößt ein Mann die Tür zum Laden von Helmut Wüstenhöfer auf. Er kommt von der Kanzlei Mork. Es ist der Insolvenzverwalter, den das Amtsgericht Dortmund, einem Antrag des Finanzamts Dortmund/Unna folgend, bestellt hat. Das Familienunternehmen Wüdo trägt nun das Aktenzeichen 259 IN 159/08. „Als Erstes wurden uns die Konten gesperrt“, sagt Helmut Wüstenhöfer.

33000 Euro Steuerschulden reichten den Beamten letztlich, um tätig zu werden. Die Summe war Wüdo bei einer Investition in Neumotorräder steuerlich gutgeschrieben worden. Nachdem die Maschinen allerdings nicht verkauft wurden, sondern an BMW zurückgingen, forderte das Finanzamt den Betrag zurück. 33000, eine Lapalie gegen ein Lebenswerk, das der Enkel einmal weiterführen will. „Entweder geht es tatsächlich nur um diese Summe. Dann würde dem Mann übel mitgespielt“, sagt ein Rechtsexperte. „Ich halte es aber für wahrscheinlicher, dass zuvor schon eine Menge aufgelaufen ist.“ Natürlich geht es um Geld. Aber Geld ist nicht der wesentliche Inhalt dieser Geschichte. Was das Finanzamt zu einer Rechtsangelegenheit machen musste, ist nicht nur eine Sache, die einem Geschäftsmann die Bilanz versaut. Die Finanzschwierigkeiten der Firma Wüdo machen Menschen das Leben schwer. Der Familie ist das anzusehen.

In ein neues Geschäftsgebäude am Dortmunder Flughafen hatte Helmut Wüstenhöfer 1,2 Millionen Euro investiert. Zur Jahrtausendwende war die Firma von Dortmund-Eving zum neuen Standort umgezogen. Dort hängt ein Foto, das, um die Familie gruppiert, die gesamte Belegschaft zeigt. Es zeigt auch den Optimismus und den Zusammenhalt, der das Unternehmen stark gemacht hat. „Mit BMW bin ich immer gut gefahren, und ich habe gerne BMW verkauft“, sagt der 61-Jährige, drei Jahrzehnte BMW-Vertragshändler und der Marke und ihren Produkten noch viel länger verbunden. Anfang der 1970er fuhr der Kfz-Elektrikmeister Rennen auf Boxer, später leitete er eines der erfolgreichsten Teams im Langstreckensport. Diese Erfahrungen dienten über lange Zeit hin als Grundlage für das Know-how, mit dem Wüstenhöfer sein Zubehörprogramm für BMW-Maschinen entwickelte, erweiterte und verbesserte.

Wüdo? Das war der Händler überhaupt in Dortmund. Und nicht nur hier. Wenn es so jemanden nicht mehr gibt, geht der Szene etwas verloren“, sagt ein R-80-ST-Fahrer am Hengstey See, Dortmunds ältestem Motorradtreff. „Einige haben das so gesehen, dass BMW den ausgebootet hat.“ BMW habe auf ein paar Formulierungen in einem Zeitungsartikel aus 2006 komisch reagiert. Es sei rückblickend um Wüdos Standort-Entscheidung Holzwickede gegangen, und der Journalist habe BMW diesbezüglich so etwas wie ein pikiertes Gesicht angedichtet. Das zumindest spekuliert Helmut Wüstenhöfer über die Gründe, die hinter den Verstimmungen standen, die am 10. Januar 2007 zwei BMW-Außendienst-Mitarbeiter zu einem Besuch bei ihm veranlassten. Was an diesem Mittwoch passierte, sagt der Mann, habe seine Tochter „fürchterlich getroffen“, ihn nur zwei Stunden geärgert. Die Außendienstler seien immer stärker mit Vorhaltungen rausgerückt: „Du verkaufst zu wenig Navis. Dein Bekleidungsumsatz ist zu gering und so weiter. Das Ende vom Lied war: Sie sagten mir, man werde den Händlervertrag kündigen.“ Die Lokalpresse ließ er wissen, die Entwicklung sei unerwartet gekommen, aber „eine Entscheidungshilfe für eine Frage gewesen, die wir schon Jahre vor uns hergeschoben haben“.

Am 11. Januar 2007 erreichte ihn das Einschreiben aus München, und da war Helmut Wüstenhöfer nicht mehr, was er 30 Jahre gewesen war: BMW-Händler. Stets ein loyaler, ein für die Marke und ihre Maschinen lebender. Aber auch nie ein stiller Erfüllungsgehilfe Münchner Direktiven. Er war einer, der den Mund aufgemacht hat. Lange war er nicht nur ein Sprecher, er war auch Wortführer des Händlerverbands. Mit seiner Meinung will das Urgestein bis heute nicht hinterm Berg halten: „Was verfolgt BMW für eine Modellstrategie? Man bringt Maschinen, die BMW nicht braucht“, sagt ­er. Und meint damit auch, dass der Händler sie schlecht loswerde. „Ihr müsst Modelle bauen, die 5000 Euro kosten und bei denen die Leute keine Leiter brauchen. Ihr habt die alte, angestammte Kundschaft vergessen“, spricht er, in einem der beiden kleinen Verkaufsbüros sitzend, ein Gegenüber an, das nicht mehr sein Gegenüber ist. Längst darf er für BMW keine Garantien mehr ­abwickeln, keine Inspektionen durchführen uns so weiter. Nebenan macht der Insolvenzverwalter Inventur. Es geht ihm um den Wert des Betriebs, den Sachwert. Während Helmut Wüstenhöfer erzählt, kommt seine Frau Sylvia herein. Sie hat ein Werkzeug in der Hand und fragt: „Was kostet das?“ Ihr Mann antwortet beiläufig: „Fünf Euro.“ Das bedeutet Insolvenzverfahren: dass da jemand Fremdes alles, wofür man gearbeitet hat, in Zahlen fasst. „Was nicht aus der Tages­kasse bedient werden kann, muss abgezeichnet werden“, erklärt Sylvia Wüstenhöfer. Und der Insolvenzverwalter sagt: „Ein solches Ver­fahren leitet man nicht ein, wenn die Schulden den Unternehmenswert nicht übersteigen.“ Wenn das aber so ist oder ein Unternehmen zahlungsunfähig, bleibt den Finanzbeamten nichts anderes übrig, als ein Insolvenzverfahren zu beantragen.Bis 2003 habe es keine wirtschaftlichen Probleme gegeben, erinnert sich Helmut Wüstenhöfer. „Unternehmerisch war bis dahin alles in Ordnung“, behauptet er in einer Art, die keinen Anlass gibt, an dem, was er sagt, zu zweifeln. Danach war nichts mehr in Ordnung. Seit März desselben Jahres verkauft BMW in der Dortmunder Niederlassung neben Autos auch Motorräder. „Es ist schwer, gegen einen Konkurrenten zu be­stehen, der kein Geld zu verdienen braucht“, sagt der Wüdo-Chef, ohne damit irgendjemandem eine Schuld zuweisen oder sich aus der Verantwortung stehlen zu wollen. Eine Koexistenz? Möglich. Kooperation? Denkbar. Doch dann erkrankte, kurz vor Weihnachten 2003 war das, ein Familienmitglied so schwer, dass Motorräder und die Geschäfte, die man damit tätigt, in keinem Leben mehr die erste Geige spielen würden. Als die Krankheit ausgestanden war, holte man sich im Jahr darauf einen, wie sie es nennen, „Sanierer“ ins Haus. „Und seit Anfang letzten Jahres standen mein Mann und meine Tochter in engem Kontakt mit dem Finanzamt“, erzählt Sylvia Wüstenhöfer. Dort wollten sie verhandeln und sehen, wie man sich einigen könnte. Zunächst habe man die verständnisvolle Miene aufgesetzt. „Später war kein Einsehen für 24 Monate Ratenzahlung, die haben sich auf nix eingelassen“, ergänzt ihr Mann und verrät, die Banken nicht mehr anzapfen zu können. „Da sind wir ausgereizt.“ Ende Februar wird der Insolvenzverwalter den Sachwert des Unternehmens deklariert, wird Schulden erfasst und aus Zahlen Prognosen geformt haben. Die Wüstenhöfers werden ein Konzept ausgearbeitet haben: mit einer Servicepartnerschaft, die man mit BMW anstrebt, Gebrauchtmotorrädern, die eine größere Rolle spielen, der Vermietung des Ladenlokals, dem Zubehör­geschäft. Nicht, ob es das Unternehmen wert ist, sondern ob sich das Geschäftskonzept auszahlen kann, wird letztlich dafür entscheidend sein, ob die Wüdo GmbH liquidiert wird oder von den Banken noch eine Chance bekommt.

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