Blickpunkt Zulassungsbezirke (Archivversion) Nord-Süd-Gefälle

Deutschland einig Zweiradland? Nicht ganz. Was die Liebe zum Motorrad anbelangt, ist die Nation gespalten. Im bayerischen Landkreis Schwandorf ist die Zweiraddichte je tausend Einwohner am höchsten, in der Hansestadt Rostock am niedrigsten. Eine Spurensuche.

Die Frau rümpft kurz die Nase und greift zu Block und Stift. "Das geht nun wirklich nicht, hört man sie sagen, als sie der Honda Rebel einen Zettel zwischen Gabelbrücke und Lenker klemmt. Die Frau nennt sich selber "Hilfspolitesse". Sie läuft im Auftrag der privaten Parkhaus Gesellschaft Rostock auf dem Parkplatz "Glatter Aal" in der Buchbinderstraße Streife und kontrolliert, ob die Fahrzeuge einen Parkschein haben. Den hat die Rebel natürlich nicht, doch das ist gar nicht so sehr das Problem. Vielmehr blockiert sie eine von 120 Pkw-Parkbuchten. Und das, so die Frau mit ernstem Blick, gehe wirklich nicht. Von einem Kradparkplatz, gesteht sie, wisse sie nur im Ortsteil Warnemünde, nicht jedoch in der Innenstadt. Und gesteht zu: "Zweiräder dürfen hier schon parken, aber die gehören dahinten hin, irgendwo an den Rand.

650 Kilometer südlich von Rostock beschert der Gedanke an die Fahrzeugweihe Hans Ammann noch immer gute Laune. Alle zwei Jahre erteilt der Pfarrer Autos, Traktoren, Motorrädern und ihren Besitzern den kirchlichen Segen "für eine allseits sichere Fahrt". Anfang Mai 2008 war es wieder soweit. In einer langen Schlange zogen die Fahrzeuge durch die Kirchgasse an der St. Jakob Kirche und dem Weihwasserwedel schwingenden Pfarrer vorbei. Alles, was fährt, ist im 33 Kommunen umfassenden Landkreis Schwandorf keine Randerscheinung. "Die Menschen hier sind gerne mobil", erklärt Franz Pfeffer, Sprecher des Landratsamts, "und da steigen eben viele aufs Motorrad." Jeder 13. Einwohner ist auf zwei Rädern unterwegs.

In Rostock scheint das Motorrad nicht besonders gelitten. Auf der Webseite der Stadt kann man von Bürger-Beschwerden gegen Motorradlärm und von verstärkten Kontrollen lesen. Im Stadtteil Warnemünde wurde daraufhin eine Straße für Motorräder gesperrt. Siegfried Ganske kennt das Problem. Er leitet die Zulassungsbehörde und nennt Gründe: "Es geht in Rostock gediegener zu mit älteren Leuten, die es gerne ruhig haben. Einige Motorradfahrer haben es wohl übertrieben." In der Zulassungsstatistik spiegle sich außerdem das gute Angebot des öffentlichen Nahverkehrs wider – allerdings auch die Arbeitslosigkeit und finanzielle Situation der Haushalte. Es fallen die Begriffe "Geld" und "Luxus".

Für Honda-Händler Torsten Behn reicht das als Erklärung nicht aus. "Ich habe noch nicht verstanden, warum das mit den Zweirädern hier so schwierig ist. Sicher, Rostock ist strukturschwach, aber das sind andere Regionen ebenfalls." 1993 hat Behn sein Geschäft eröffnet, und 2006 kam es für ihn ganz dicke. Nicht einmal 50 Motorräder – weniger als die Hälfte seiner sonst üblichen Verkaufszahlen – setzte er in jenem Jahr ab. Nur langsam geht es seitdem bergauf – ein Effekt, auf den Frank Pratschko noch immer wartet. In Neuendorf, 300 Meter in östlicher Richtung hinter der Stadtgrenze, verkauft er auf 600 Quadratmetern Yamaha und BMW. Besser: Er versucht es. "Wir kämpfen um jedes Motorrad", schildert er seine Situation.

Kämpfen muss Franz Schißlbauer junior auch – um alle Kundenwünsche befriedigen zu können. Rechts und links der Nürnberger Straße in Schwandorf bietet er auf insgesamt 2800 Quadratmetern mit 28 Mitarbeitern alles an, was zwei Räder hat. Drahtesel, klar, aber in der Hauptsache BMW- und Honda-Motorräder. Vor vier Jahren hat er extra ein neues Gebäude in der Nähe der Naab hochgezogen. Eins mit großzügiger Glasfassade und viel Platz. "Das alte Geschäft war irgendwann zu klein", sagt er. Und die Leute rennen ihm weiter die Bude ein, lassen ihn allein viermal so viele Kräder verkaufen wie beide Rostocker Kollegen zusammen. Dass die Menschen in der ländlichen Region gerne ihr eigenes Verkehrsmittel nutzen, trägt ihren Teil dazu bei, und die Beliebtheit des Motorrads ist, trotz hoher Polizeipräsenz mit Videoüberwachung, ungebrochen. Gepaart mit dem Faible für bayrische Gemütlichkeit ergibt sich noch ein weiteres Phänomen, das Franz Schißlbauer so erklärt: "In jeder Ecke gibts hier einen Verein oder Stammtisch für Motorradfahrer, wo die Leute fachsimpeln können." Motorradsportclub Schwandorf, Motorradfreunde Werkstodler Winklarn, Nabburg, Wemberg, Schuttler, Haager Heisl, Motorradstammtisch Mountain Monkeys, Einigkeit Teublitz, Motorradclub Oberviechtal, Altendorf... Ihr Revier: der Bayerische Wald. Über kurvige Straßen durch schöne Natur entlang idyllischer Seen.

Lange Geraden, Alleen, Küste und Meer. Die Hansestadt und ihr Umland haben ebenfalls Charme, keine Frage, doch ihren ganz eigenen. "Für Chopper super", sagt Olaf Hurrelbrink. Gemeinsam mit Rechtsanwalt Sven Rathjens betreibt der Major a. D. die Schallmauer, Rostocks Fliegerkneipe in der Doberaner Straße, die dem hiesigen Harley Chapter und anderen Motorradfahrern als Treffpunkt dient. "Die Szene", erklärt Rathjens, "ist klein, aber fein." Jedoch nicht frei von Sorgen. Mitte September erst wurden über Nacht vier Motorräder aus einer Tiefgarage in der Innenstadt geklaut. "Die Diebstahlquote ist sehr hoch", warnt Rathjens und berichtet von fünf weiteren hochwertigen Harleys, die innerhalb der letzten Jahre verschwunden seien.

Neben dem Harley Chapter und sechs MCs sind es vor allem die Streetpirates, die unverdrossen die Zweiradfahnen in der Hansestadt hochhalten. Die 13 Mitglieder treffen sich einmal im Monat in ihrem liebevoll dekorierten Vereinskeller im Haus von Stefan und Kerstin Murke. Alle sind mit viel Herzblut dabei, leben und lieben ihr Hobby, gehen gemeinsam auf kleinere Ausfahrten oder längere Harz-Touren und besuchen Motorradmessen, von denen es bis vor drei Jahren auch noch eine in Rostock gab. Schwindende Besucherzahlen ließen den Ausrichter, die Wölk Event-Service GmbH aus Hamburg, allerdings verzweifeln. Produktmanagerin Uta Kessler hat dazu ihre eigene Meinung: "Was das Motorrad anbelangt, ist in der Gegend nichts los." Harte Worte, die Fahrlehrer Gerd Fischbach so nicht stehen lassen will. 2008, sagt er, habe er zwar nur einen A1-, aber immerhin etwa 30 Schüler für den A-Führerschein ausgebildet – viel für die Gegend. "Die Hälfte", so der Fahrlehrer, "kommen direkt aus der Stadt." Doch dann hält er inne. Hinter vorgehaltener Hand gesteht er, dass seine Fahrschule damit in Rostock wohl die Ausnahme sei.

Motorradnachwuchs? Darüber zerbricht sich in Schwandorf niemand den Kopf. Fahrschulen, wie die von Manfred Hausdörfer in Teublitz, sind gut besucht. Nicht mehr so gut wie früher zwar, denn die Ausbildungsquote bei den Zweirädern sei um 20 Prozent zurückgegangen. Dennoch: Allein in diesem Jahr hat er bislang 35 A1- und 30 A-Schüler geschult. "Wir sind eine motorradfreundliche Region", lacht Hausdörfer. Bang ist ihm um die Zukunft nicht, zumal in einem Flächenlandkreis wie Schwandorf Mobilität bereits für Jugendliche einen hohen Stellenwert hat, sei es für den täglichen Weg zur Schule oder zur Arbeit. Das Motorrad spielt dabei eine große Rolle.

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