BMW-Erlkönig (Archivversion) Wer reitet so spät ...

Schon über ein Vierteljahrhundert, seit der R 100 RT von 1978, bahnen sich BMWs Touren-Boxer ihren Weg. Diese Tradition setzt bald die R 1200 RT fort. Nicht als Sagengestalt, sondern ganz real.

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist die RT, sie reitet geschwind... So ähnlich dachten etliche Beobachter, an denen jüngst auf regennassen Autobahnen ein monströses schwarzes Tourenmotorrad vorbeizog. Erlkönige fürwahr, BMW R 1200 RT, entfleuchten in einem Schweif aus Gischt. Die getarnten Testfahrzeuge stellen sich den Widrigkeiten der hiesigen Verkehrsrealität, nachdem bereits im Winter Prototypen über die sonnigen Straßen Teneriffas gerollt waren.
Die ersten Erlkönig-Fotos präsentierte MOTORRAD in Ausgabe 6/2004. Momentan scheinen die Tests in eine sehr intensive Phase zu gehen. Es ist Eile geboten, denn noch in der ersten Jahreshälfte 2005 soll die Maschine zu kaufen sein. Dann geht die R 1150 RT nach vier erfolgreichen Jahren den Gang alles Irdischen. Obgleich sie in Deutschland derzeit mit Platz zwölf der Neuverkäufe nach wie vor erfolgreichster Tourer aller Klassen ist.
Kein leichtes Erbe für die Nachfolgerin. Einstweilen verbirgt sie noch bang ihr Gesicht, doch es lohnt sich, einen Blick auf ihren Tarnanzug zu erhaschen. Etwa auf die mächtige Front mit den erneut integrierten Rückspiegeln und einem neuen Doppelscheinwerfer. Wichtiges Entwicklungsziel war noch besserer Wind- und Wetterschutz durch die zumindest im oberen Bereich breit bauende Verkleidung. Zusätzlich wuchs die Scheibe, sie ist elektrisch in der Höhe und damit gekoppelt in der Neigung verstellbar. Eventuell wird die untere Hälfte getönt sein und sich so besser ins Erscheinungsbild einfügen.
In bester BMW-Tradition wurde die
RT im Akustik-Windkanal auf gute Windschlüpfigkeit und geringe Geräuschentwicklung optimiert. Damit man es auch hört, wenn in dürren Blättern säuselt der Wind. Die Suche nach guter Aerodynamik belegen die geschwungenen, symmetrischen Koffer am durchaus eleganten Heck: Sie sind nun lackiert und stärker ins Fahrzeug integriert, vermutlich schlucken beide Koffer problemlos je einen Integralhelm. Wem das nicht reicht, der kann die luftig gestylte Gepäckbrücke nutzen.
Ergonomie war traditionell eine Stär-
ke der RT, MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer hat mit der 1150er vergleichsweise relaxed 3000 Kilometer in 48 Stunden abgerissen (Ausgabe 17/2003). Insofern trifft Goethes Gedicht (Erreicht den Hof mit Mühe und Not...) auf diesen Erlkönig nicht zu. Zweipersonenbetrieb
genießt bei den Erprobungsfahrten hohe Priorität, nicht nur für Vater und Sohn. Mindestens im vorderen Bereich wird die zweigeteilte Sitzbank höhenverstellbar sein. Größere Ausbuchtungen an Tankattrappe und Frontverkleidung räumen
langen Beinen mehr Platz ein als zuvor.
Der Touren-Bulle wird künftig vom 1170 cm3 messenden Boxermotor der GS auf Trab gebracht. Dessen Ausgleichswelle dürfte mit den derben Vibrationen auch gleich den Hauptkritikpunkt an der bis-
herigen RT eliminieren: Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt. Zusätzlich zur Laufkultur legt der neue Boxer mit mehr Hub und geringeren bewegten Massen deutlich an Punch und Drehfreude zu.
Die »alte« RT hatte bereits 95 PS, zehn mehr als die 1150er-GS. Da die 1200er-Reiseenduro 98 oder 100 Pferde einspannt, müsste die neue RT für 110 PS gut sein, optional wird es eine 98-PS-Version geben. Mehr Power steht weniger Gewicht gegenüber. Dazu tragen neben dem abgespeckten Motor das leichtere Getriebe mit angepassten Übersetzungsstufen, die erleichterte Kardankonstruktion und die filigranere Rahmenkonstruktion bei.
Geht man wie bei der GS von bis zu 25 Kilogramm Minderung aus, dann blieben von bislang 281 Kilogramm noch gute fünf Zentner übrig. Das wäre in dieser Klasse ein prima Wert. Eine Yamaha FJR 1300 A wiegt 283 Kilogramm, eine Honda Pan European gar deren 326. Da mag sich mancher Motorradreisende schon freuen, auf das, Was Erlenkönig mir leise verspricht.

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