Blick in die Zukunft bei BMW BMWs moderner Klassiker

Am Ende der Pressekonferenz auf der Eicma im vergangenen November ließ BMW Motorrad-Chef Stephan Schaller die Silhouette eines neuen Motorrads auf die Großleinwand projizieren. Es soll zum 90. Jubiläum des Beginns der BMW-Motorradproduktion erscheinen.

Foto: BMW (Retusche)

Retro ist hier fehl am Platz. Leider hat der Autor diesen Begriff in einem früheren Artikel über das kommende, puristische BMW-Motorrad irrtümlich selbst verwendet, muss ihn hier also erst einmal nennen, um ihn sogleich verbannen zu können. Dabei geht es nicht um formallogisches Wortklauben, sondern um Wichtiges: das Wesen dieses Motorrads. Die Designer wollen nämlich keine der ruhmreichen BMWs aus vergangenen Zeiten nachbauen oder auch nur nachempfinden, keine Drosselklappenkörper entwerfen, die so tun, als wären sie Bing-Gleichdruckvergaser mit ihrem charakteristischen Membrangehäuse, und schon gar nicht aus purer Nostalgie zur geschobenen Vorderradschwinge der 1960er-Jahre zurückkehren.

Sie wollen nichts, was rückwärtsgewandt wäre, sondern mit den gestalterischen Mitteln und der Technik von heute ein Motorrad schaffen, welches das Prädikat „klassisch“ verdient. Und unter klassisch ist dann auch nicht ein genau festgelegter Kanon von Formen und technischen Lösungen zu verstehen. Ob ein Motorrad mit zwei Federbeinen oder Monofederbein und Hebelsystem ausgerüstet wird, ist nicht so wichtig wie ein Erscheinungsbild, das über der jeweils aktuellen Mode steht.

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Foto: Schümann

Es gibt einiges, was für diesen Ansatz spricht. Vor allem die Tatsache, dass Motorräder, die so tun, als wären sie alt, zwar von vielen gemocht, aber dann doch nicht von ganz so vielen gekauft werden. Es braucht die vereinten Verführungskräfte der Triumph Bonnevilles, Thruxtons, Scramblers, Speedmasters plus Kawasaki W 800 und Moto Guzzi V7 Classic, um annähernd so viele Maschinen in Deutschland zu verkaufen wie BMW von der unauffälligen R 1200 R. Dabei mag auch eine Rolle spielen, dass es bei besagter R 1200 R zwar nicht unbedingt auf das letzte PS ankommt, die potenziellen Kunden aber offenbar trotzdem um die 100 PS zur Verfügung haben wollen. Mit 110 PS hat die BMW sicherlich bessere Chancen, sich gut zu verkaufen, als die knapp 50 PS starken Kawasakis und Guzzis oder die zwischen 58 und 69 PS leistenden Klassik-Triumph.

Eines der gestalterischen Mittel, die zum Erfolg der neuen BMW beitragen sollen, ist die Identität von Funktion und Erscheinung der einzelnen Komponenten. Ein Tank sei ein Tank - und eben nicht halb Benzinvorratsbehälter, halb Luftfilterkasten, überzogen von einem Kunststoffteil, das zugleich der Ergonomie, der Attraktivität und der Ansaugluftführung dient. Die Multifunktionalität von Teilen mag eine wichtige Voraussetzung für den Bau von Hightech-Motorrädern sein, doch wenn sie zu komplex gerät, beeinträchtigt sie die gestalterische Klarheit. Was in seiner Funktion nicht auf den ersten Blick durchschaut werden kann, wirkt leicht als bloße Maskerade.

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Foto: BMW

Hand in Hand mit der Forderung nach funktionaler Eindeutigkeit geht eine Reduzierung der Technik- und Komfortausstattung auf das, was fürs Fahren unbedingt notwendig ist. Voluminöse Verkleidungen oder vielfältig begabte Fahrassistenzsysteme gehören sicher nicht dazu. ABS wird in absehbarer Zeit ohnehin gesetzlich vorgeschrieben, ist aber bei geringer Größe und einem Systemgewicht von etwa einem Kilogramm auch kein Thema mehr. Es steht einer klassischen Erscheinung nicht mehr im Weg.

Im Interview spricht BMW-Designchef Edgar Heinrich von „echten“ Materialien wie Blech, Aluminium oder Leder, welche für die individualistischen Umbauten von Designern wie Jens vom Brauck oder der Firma Urban Motors in Berlin enorm wichtig sind. Man muss diesen Kult nicht mit orthodoxer Strenge betreiben, doch ein ehrlicher Umgang mit den Materialien ist sicherlich ein weiteres wichtiges Merkmal eines klassischen Motorrads. Es muss nicht unbedingt alles aus Metall sein, aber alles, was nach Metall aussieht. So haben sich beispielsweise die Designer der Suzuki Gladius gleichsam eines doppelten Betrugs schuldig gemacht, indem sie einen ehrlichen stählernen Gitterrohrrahmen zur Stahl-Aluminium-Konstruktion umdekorierten - und das auch noch mittels aufgesetzter Plastikblenden. Hoffentlich vermeiden die BMW-Produktplaner beim Jubiläumsboxer ähnliche Täuschungsmanöver, etwa in Form verchromter Kunststoffteile.

Foto: Höhne

Last but not least sollte ein Motorrad für designbewusste Fahrer gut zu individualisieren sein. So war die Custom Concept-Studie von BMW, die nach einem warnenden Hinweis von Harley-Davidson offiziell nicht mehr Lo Rider Concept genannt werden darf, auch ein Vorstoß zum Thema Customizing ab Werk. Deshalb fragte MOTORRAD bei Edgar Heinrich nach, ob ein ähnliches Konzept für den Jubiläumsboxer vorgesehen sei, und diese Frage wollte er als einzige nicht beantworten. Das könnte ein Indiz dafür sein, dass die Vermutung zutrifft. Zumindest zeigen die Zeichnung von BMW und die Erlkönigfotos schon einmal verschiedene Sitzbänke mit und ohne Höcker.

Alle Motorrad-Neuheiten 2013 in der Übersicht

Foto: BMW

Interview mit BMW-Designchef

Edgar Heinrich (53) ist seit dem 1. Juli 2012 Chef der Designabteilung von BMW Motorrad, wo er zuvor bereits bis Juli 2009 gearbeitet hatte. Zwischendurch war er bei Bajaj in Indien tätig. Im MOTORRAD-Interview beantwortet er Fragen zum jüngst präsentierten Boxer-Projekt.

? Die BMW-Pressekonferenz auf der Eicma wurde beendet mit dem Bild eines klassischen Motorrads mit Boxermotor auf der Leinwand. MOTORRAD hat im Lauf des Jahres auch wiederholt Erlkönigfotos von dieser Maschine veröffentlicht. Wie geht es weiter mit dem Projekt im Jubiläumsjahr des Boxers und der BMW-Motorradproduktion?

! Das Thema eines klassisch anmutenden Motorrades beschäftigt uns schon einige Zeit. Die überaus positiven Reaktionen auf das BMW Custom Concept vor einigen Jahren haben wir sehr ernst genommen. Allerdings handelte es sich damals um ein Design Concept, das in der Form nicht in Serie gehen konnte. Von Herrn Schaller haben Sie gehört, dass wir mit Hochdruck an einem Motorrad arbeiten, das ganz im Zeichen unserer 90-jährigen Historie steht. Aber neben den Boxer-Sondermodellen „90 Jahre BMW Motorrad“ haben wir nächstes Jahr noch andere Neuigkeiten zu bieten. 

? In der Zeitschrift „Yacht Classic“ war dieses Jahr ein Artikel über einen Ihrer Kollegen zu lesen. Er ist einer der Spezialisten in Sachen Konstruktion mit Karbonfasern, privat pflegt und segelt er aber ein Holzboot. Wenn unsere Informationen stimmen, sieht es bei Ihnen so ähnlich aus: Beruflich beschäftigen Sie sich mit den Motorrädern von morgen, privat besitzen, fahren und pflegen Sie ältere Maschinen. Würden Sie uns die Schätze Ihrer Sammlung nennen?

! Es ist richtig, dass ich einige ältere Motorräder in meiner kleinen Sammlung habe. Das älteste Bike ist eine 47er-Matchless. Ihr Starrrahmen und die Girder Fork sind einfach cool. Auch eine R 51/3, für mich eine der schönsten historischen BMWs, eine CB 500 F, das Traummotorrad meiner Jugend, und eine alte Vespa finden sich da. Allerdings, mit Ausnahme der CB, sind alle irgendwie umgebaut. Ich bin also kein Purist, sondern bin da eher kreativ unterwegs. Die Umbauten sind allerdings im Stilkontext der Zeit. Ich bin jedoch kein Oldtimerfreak. Die Motorräder sind Teil meiner Sammlung. Ich besitze und fahre mehr moderne Motorräder, nicht nur BMWs - viele davon sind umgebaut.

? Was fasziniert Sie an diesen Maschinen?

! Wie gesagt, die CB 500 F war das Traummotorrad meiner frühen Jugend. Sie war damals unerreichbar für mich. Dieses Motorrad hatte tolle klassische Proportionen, besser als ihre große Schwester CB 750 F. Die R 51/3 ist auch ein schöner Klassiker; Technik ist bei ihr sehr ästhetisch präsentiert: sichtbare Mechanik, Vibration, Klang, Geruch … Philosophisch könnte man sagen, diese Motorräder waren Werkzeuge, keine Maschinen. Eine Maschine kann jeder bedienen, man muss nur auf den Knopf drücken. Ein Werkzeug dagegen muss man zu bedienen wissen, man muss es lernen, braucht Wissen und Übung, dann erst verbessert es die eigenen Fähigkeiten.

? Welche Motorräder fahren Sie im Alltag? 

! Im Job habe ich das große Glück, viele verschiedene Motorräder fahren zu können. Natürlich unsere eigenen Produkte, und das zum Teil auch unter extremen Bedingungen. Ich halte es auch für sehr wichtig, Fremdfabrikate zu fahren. Dabei geht es mir nicht nur ums Design der Motorräder, sondern auch um Aspekte wie Ergonomie, Fahrdynamik und Fahrspaß. Privat fahre ich derzeit am liebsten meine HP2 Enduro.

? Die Hochschätzung klassischer Formen und schlichter Technik ist bei Motorradfahrern sehr weit verbreitet, nicht nur bei den älteren, sondern gerade auch bei jungen Großstädtern. Wie muss ein „klassisches“ Motorrad aussehen, das beiden Gruppen gefallen will, welche Schlüsselreize muss das Design setzen? 

! Motorräder werden heute gerne als Lifestyle-Produkt verstanden. Die Performance ist dabei nicht das entscheidende Kriterium. Viel wichtiger sind hier emotionale Faktoren. New Classic und Vintage-Kult sind hip. Sichtbare Technik, Sound, Vibrationen, Öl-Geruch spielen eine große Rolle. Ebenso „echte“ Materialien wie Blech, poliertes Aluminium oder Leder. Die Aufgabe der Hersteller ist es, diese Bedürfnisse mit den heutigen Sicherheits- und Umweltanforderungen in eine Balance zu bringen. 

? Über Einspritzung und ABS brauchen wir nicht zu reden. Welche anderen Errungenschaften moderner Technik würde ein Motorrad im klassischen Stil noch vertragen?  

! ABS ist unverzichtbar. Zum Glück sind unsere heutigen Systeme sehr kompakt und leicht. Abgasanlagen inklusive Kat sind nicht einfach umzusetzen. Dafür lassen sich moderne Elemente wie Paralever, Upside-down-Gabel oder moderne Bremssysteme sehr gut mit klassischen Elementen verbinden. Und die notwendige Elektronik muss man dezent unterbringen. Auf aufwendige Assistenzsysteme kann man verzichten, denn hier sind die Leistungswerte nicht so hoch.

? Eine R 80 G/S nimmt sich gegenüber einer aktuellen R 1200 GS sehr klein und zierlich aus, selbst eine F 800 R ist riesig im Vergleich zu einer R 80. Warum werden Motorräder immer größer?

! Alle modernen Motorräder sind im Laufe ihrer Entwicklung gewachsen - wie Autos und viele andere technische Geräte auch. Die Anforderungen steigen. Sicherheits-, Komfort- und Umweltanforderungen nehmen ständig zu und ebenso die Bedürfnisse der Kunden. 

? Welche Möglichkeiten sehen Sie, diesen Trend zugunsten einer klassischen Erscheinung umzukehren?

! Die Faszination eines klassischen Motorrades definiert sich nicht über die neueste Technologie, die schärfste Bremse oder den höchsten Komfort. Man kann hier auf Dinge verzichten, die in anderen Segmenten wichtig sind. Die Frage ist aber nicht, wie bekommt man ein Fahrzeug generell kleiner, sondern für welchen Kunden ist welches Kriterium wichtig?

? Die Studie Custom Concept faszinierte nicht nur wegen ihrer Linien, sondern auch wegen der Idee, ein Basismotorrad mit wenigen austauschbaren „Designteilen“ im Aussehen vielfältig verändern zu können. Ist diese Möglichkeit auch für den Jubiläumsboxer vorgesehen?

! Ich möchte über unser neues Modell heute noch keine Details weitergeben, aber ich bin mir sicher, es wird Ihnen und vielen unserer Kunden sehr gefallen. Lassen Sie sich überraschen.

? Welches Motorrad eines anderen Herstellers gefällt Ihnen derzeit am besten?

Mir gefallen viele Motorräder. Es wäre schwierig und unfair, sich auf ein spezielles festzulegen. Besonders gern mag ich alles was Stollenreifen hat, von Old-School-Scramblern bis HP2 und Motocross. Auch Naked Bikes mit viel sichtbarer Technik begeistern mich. Über diese Frage könnte ich jetzt wirklich lange reden …

Kreativ-Abteilung

Auch außerhalb der BMW-Designabteilung beschäftigt das Thema „BMW-Boxer im klassischen Look“ die kreativen Geister. MOTORRAD hat eine kleine Auswahl attraktiver Entwürfe und Umbauten zusammengestellt.

Foto: Kraft

Entstand im Auftrag von MOTORRAD aus einem Erlkönig-Foto: BMW-Roadster von Stefan Kraft BMW R 1200 R Mystic.

Foto: Van Vliet

BMW Van Vliet-Lo Rider Der Freund einer BMW-Mitarbeiterin aus den Niederlanden ließ sich bei Bakker diesen von der Lo Rider-Studie inspirierten Roadster bauen.

Foto: Urban Motor

BMW Earl Grey Urban Motor in Berlin, nach eigenem Bekunden eine „Kradschmiede“, baut diesen Café Racer. Er verleiht einer neuen, großstädtischen Motorradkultur einen sehr starken Ausdruck.

Foto: Wunderlich

Im Auftrag von Erich Wunderlich, Avantgardist unter den Produzenten von BMW-Zubehör, schuf Nicolas Petit diesen Entwurf einer neuen Mystic. Die Nähe zur BMW-Skizze ist unverkennbar, kleine Unterschiede ebenfalls.

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