BMW K 1200 LT: Herbstausfahrt (Archivversion) »Wie ein Schweizer Taschen- »messer auf zwei Rädern“

Es gibt Motorräder, denen verzeiht man alles. Sie sind so schön, dass
einem das Herz vor Freude zu hüpfen beginnt, sobald man das Garagentor öffnet. Wen stört es da, dass der Motor ein Drehmomentloch hat, die Sitzposition nach
wenigen Kilometern unbequem wird, es
zu zwicken beginnt oder das Getriebe hakt? Mit der Suzuki V-Strom 650 verhält es sich genauso. Nur umgekehrt.
Sie ist hässlich. Irgendwie stimmen die Proportionen nicht. Vorne mit einer futuristisch wirkenden Verkleidung nebst Riesen-Spritfass aufwartend, erscheint das Heck zu niedrig, eingeknickt. Fast könnte man meinen, Langfinger hätten über Nacht das Federbein geklaut. Das Koffersystem aus dem Suzuki-Regal verunstaltet die Linie komplett. Zudem bauen die Behälter so breit, dass ein Durchwuseln im Stadtverkehr zur nervenaufreibenden Zielübung wird. Die Kunststoffnase zur Arretierung des Koffers, die bereits am dritten Testtag das Zeitliche segnet, macht die Sache nicht erfreulicher.
Hat man auf der V-Strom Platz genommen, verblasst dies alles. Überraschend handlich lässt sie sich bewegen, unkompliziert erledigt sie alle Aufgaben, die ihr zugemutet werden. Egal, ob es darum geht, auf langen Autobahnetappen flott Meter zu machen oder auf Passstraßen ambitioniert Kurven aller Radien zu durchräubern.
Dabei meistert ihr recht straffes Fahrwerk selbst Straßen dritter Ordnung, ohne dass die Plomben aus den Zähnen gerüttelt würden. Es hält sogar Reserven bereit,
die gelegentliche Ausflüge auf Schotter
erlauben. Auch bei unserer Hotelsuche, im nächtlichen Stadtverkehr und bei Dauer-
regen, kann man sich blind auf die V-Strom verlassen. Wäre die Sitzposition noch
stärker vorderradorientiert – ich könnte auf
einem Bierdeckel wenden.
Die mit nassem Laub gepflasterten Wege, die ein gehöriges Maß an Fingerspitzengefühl erfordern, bewältigt die
V-Strom mit Bravour. Unterstützt wird sie durch ihre mit viel Negativprofil gesegneten Bridgestone TW 101/152. Sie bieten
ordentlich Grip, ohne sich durch ein
lästiges Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage hervorzutun. Die Bremsanlage wiederum überzeugt mit viel Transparenz. Der Druckpunkt der vorderen Doppelscheiben-Anlage könnte für Fans der
letzten Rille zwar klarer definiert sein, aber sie legt schön gleichmäßig an Bremsleistung zu und kapituliert auch auf langen Passabfahrten nicht. Die Hinterradbremse unterstützt das Ganze wirkungsvoll.
Als Sahnestückchen entpuppt sich
der Zweizylinder. Er bietet viel Druck schon aus niedrigen Drehzahlen, ohne dass
ihm obenraus der Dampf ausgehen würde. Die Wahl des passenden Räderpaares im exakt zu schaltenden Sechsganggetriebe wird damit oftmals zur Frage des persönlichen Geschmacks. Einzig die etwas ungehobelten Lastwechsel stören in engen Kehren. Doch mit gekonntem Einsatz der leichtgängigen Kupplung lässt sich die saubere Linie retten, die sonst vom ruckartigen Leistungseinsatz vereitelt wird.
Gewiss gewöhnungsbedürftig, doch Laufkultur und Leistungsbereitschaft des
Suzuki-Aggregats entschädigen dafür auf eindrucksvolle Art und Weise.
So mausert sich die V-Strom durch ihre Unkompliziertheit beim Fahren zum Multitool für fast alle Wege, zum Schweizer
Taschenmesser auf zwei Rädern. Sie ge-
fällt durch ihre gut schützende, verstell-
bare Verkleidung, Vertrauen erweckendes Handling, ihren spritzigen und schadstoffarmen Motor sowie günstigen Preis. Und die Optik? Die trickst man aus – fährt man mit der V-Strom, kann man sie nicht sehen. Freudiges Herzklopfen beim Garageöffnen hin oder her.

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