BMW K 1200 LT: Herbstausfahrt (Archivversion) »Randvoll tanken und ab zur »nächsten Pharaonen-rallye“

Man darf sich nichts vormachen. Die Adventure ist ein Sportbike. Ultrastraffe Sitzbank, Sportfahrwerk, Sportmotor, sportliche Sitzhöhe. 880 Millimeter, um genau zu sein. Um es noch deutlicher zu sagen: Man geht in den Laden, blättert
13 Riesen auf den Tresen, ballert den 22-Liter-Tank randvoll und fährt zur nächsten Pharaonen-Rallye. Tuning nicht erforderlich. Obwohl, bei der mageren Reichweite von 360 Kilometern bei verhaltener Fahrweise... aber lassen wir das. Es gibt
Zusatztanks.
Regel Nummer eins beim KTM-950-Fahren: Ohren zu und durch. Irgendjemand in Mattighofen fand Steuerkettenspannung per Öldruck hipp und konstruierte die Dinger in den 75-Grad-V-Motor. Nach jedem Abstellen des Bikes, dann nämlich, wenn das heiße Öl sich irgendwo im Rumpf und Reservoire der Trockensumpfschmierung herumtreibt und nicht druckbereit im Spanner harrt, scheppert der 950er-Motor fünf bis fünfzehn Sekunden lang, als würde das Getriebe zwei Sack Zimmermannsnägel durchkneten. Auch über knackende, metallisch-harte Geräusche sollte man hinweghören. Was immer es ist, es scheint den zierlichsten V2 seiner Klasse nicht im Geringsten zu stören. Warten wir es ab. Noch 13000 Kilometer, dann hat unser Dauertestmotorrad die 50000 runter und wird komplett zerlegt.
Solche Banalitäten lassen sich ausgleichen. Mit Ohrenstöpsel beispielsweise. Andere nicht. Da war zum einen die schlechte Gasannahme auf den ersten 500 Regenkilometern. Oder der Ölverlust von 1,2 Litern. Laut Werkstatt ein gebrochener Kupferdichtring unter dem Öldruckschalter. Junge, muss da drin ein Druck herrschen. Übrigens... sie ölte danach schon wieder. Es war der Schalter, heißt es nun. Oder
die rupfende Kupplung. Ist vor kaum 5000 Kilometern erneuert worden, danach nur von introvertierten Praktikanten gefahren und hinterlässt dennoch den Eindruck, als habe Fabrizio Meoni sich mit ihrer Hilfe hundertmal aus dem Tiefsand buddeln müssen. Wie unbedeutend wirken da nicht funktionierende Blinker, Tankwandungen, die so obskur geformt sind, dass die Brühe an der Zapfsäule jedesmal im hohen
Bogen herausspritzt, schlechtes Kaltstartverhalten oder letztlich ein Wendekreis, den man von der K 1200 LT erwartet?
So viel Schatten gibt nur eine hell strahlende Sonne. Regel Nummer zwei beim KTM-Fahren: Vertrauen. Vertrauen deshalb, weil man sich in jedweder Situation bedingungslos auf den Alm-Öli ver-
lassen kann. 950 Adventure fahren ist
geil. Regen? Pirelli MT 90 mit ausreichend Negativ-Profil und sagenhaftem Feedback. Landstraßen sechster Ordnung? 230 Millimeter Federweg stehen vorn wie hinten zur Verfügung. Sensibel im Ansprechverhalten, durchschlagsicher, äußerst stabil. Wenden in tiefer See, Angasen über
glitschige Ebenen? Das Vorderrad scheint direkt mit den Händen verbunden zu sein. Nie hat man das Gefühl, die Kontrolle über dieses Motorrad zu verlieren. Das Fahrwerk der KTM vermittelt ultimative Sicherheit. Selbiges gilt für die unter jeglichen Umständen bestens dosierbaren Bremsen. Jeder, der Dynamik liebt, sich mit der
Sitzhöhe arrangieren kann, einen gierigen Motor sexy findet und sportlich unterwegs sein möchte, wird nach einer Probefahrt wochenlang das Lächeln im Gesicht haben. Es ist dann völlig gleichgültig, ob es Hunde und Katzen regnet. Mir jedenfalls. Die KTM mag etwas für Verrückte sein. Oder Exoten. Sie wird nie jemand überzeugen, der die Propeller-Brille trägt oder die Bedingung stellt, der Motor müsse 100000 Kilometer pannenfrei laufen. Aber sie wird garantiert all jene glücklich machen, die nie erwachsen werden wollen, die Motorradeln nicht nur als Fortbewegung, sondern als dynamischen Zeitvertreib sehen.

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