BMW K 1200 LT: Herbstausfahrt (Archivversion) »Ein Sturm, der in einem »schreienden Orkan endet“

Ernst gemeinte Frage: Steigt man durch die extrem sportliche Sitzhaltung nach vier Tagen ab und läuft wie ein Schimpanse? Schließlich muss ich mich bis jetzt kaum bewegen, könnte leicht
einrosten. Mit 120 km/h geht es durch die Regendecke. Das entspricht bei der Kawa 3500/min im sechsten Gang. Und fühlt sich durch die wahnwitzigen 175 PS so an, als sei man auf der Standgasdüse unterwegs. Überholen? Auch im letzten Gang genügt ein ultrakurzer Dreh am Gasgriff.
Unser Ziel liegt rund 700 Kilometer
von Stuttgart entfernt. Eigentlich... wenn
man die Schilder ignoriert... nur bei den Autobahnkurven ein wenig Speed rausnimmt... Zahlstellen... zwei Schweizer Zollstationen... schätzungsweise in vier Stunden könnte ich da sein. Aber wir
fahren ja gemeinsam. Soundmäßig hat die ZX-10R allerhöchsten Unterhaltungswert. Bassig brummt es aus der Airbox, aus dem Schalldämpfer grollt das Lied der Macht. Immer wieder lasse ich mich zurückfallen und ziehe voll auf, genieße die enorme
Beschleunigung und den aggressiven Sound. Im mittleren Drehzahlbereich als Sturm, der in einem schreienden Orkan bei 13000/min endet. Übrigens: Es reicht aus, den Gashahn zur Hälfte zu öffnen, schon dreht das Hinterrad auf der überfeuchten Autobahn durch. Kann nur besser werden.
Wird es aber nicht. Beim Wolkenbruch in Lodi zählt nur eines: Vertrauen zum
Motorrad. Wendemanöver, anfahren, beschleunigen – ich bin heilfroh, auf der
ZX-10R zu sitzen. 198 Kilogramm vollgetankt, 820 Millimeter Sitzhöhe, Schenkel und Rahmen sind wie miteinander verschweißt, sehr gutes Feedback durch die Gabel, wunderbar dosierbare Kupplung und Gasannahme, ultrakompakte Abmaße wie eine zierliche 600er – die Zehner wird zu einem Teil von mir. Einzig der kleine Lenkeinschlag stört mitunter.
Am nächsten Morgen: ZX-10R-Wetter. Trocken, leicht bewölkt, 20 Grad. Die
Emilia Romagna empfängt uns mit erotischen Kurven. Der Gag bei der Hyper-Kawa: Theoretisch könnte ich die gesamte Tour im ersten Gang zurücklegen. Der
geht nämlich bis 150 km/h. Doch das
gut zu schaltende Sechsganggetriebe ist verführerisch.
Ebenso wie die Kurven der Landstraße 359. Ich versuche, den Supersportler auf der Ideallinie entlangzupfeffern. Klappt allerdings nicht. Immer wieder sind Kurskorrekturen erforderlich. Mit dem spitz konturierten Dunlop D 207 RR-Vorderreifen neigt die Kawa ab einer gewissen Schräglage dazu, plötzlich in die Kurve zu kippen. Das passiert selbst auf aalglatten Straßen. Hier im Achterbahngeläuf, mit all den
Bodenwellen und Senken, gesellt sich ein weiter Faktor hinzu, der das Treffen der Ideallinie zum Lottogewinn macht. Die
extrem straffe Grundabstimmung der
Federung reicht jede Senke, jede Kante, jede Bodenwelle in Form von Unruhe in den Bewegungsablauf weiter. Auf Landstraßen dritter Ordnung hat man auf der ZX-10R nichts zu lachen.
Gleiches gilt auf äußerst rutschigem Untergrund. Denn die Bremse lässt sich zwar sehr gut dosieren, ist jedoch giftig. Und die Leistung? Einfach drei Gänge
höher fahren als normal. Dann slidet oder bricht das Hinterrad nicht aus. Ob ich
tauschen würde? Objektiv gesehen ist der Supersportler alltagstauglich. Hat durchdachte Gepäckhaken, perfektes Startverhalten und optimale Gasannahme, ist extrem leicht und handlich. Trotzdem wäre ich am liebsten KTM gefahren. Deren
Fahrwerk wird mit jeder Situation spielend fertig, und die Sitzposition ist entspannter. So sah es zumindest aus. Übrigens: Nach rund 40 Stunden im Sattel der Kawa läuft man nicht wie ein Schimpanse.

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