BMW K 1200 LT: Herbstausfahrt (Archivversion) »Der erste Wal mit elekTRO-<br /><br /> »nischer Wegfahrsperre&#147;

Daheim steht eine zu kickstartende Early-Shovel, Baujahr 1966, eine 99er-Speed Triple, eine W 650 sowie eine 900er-Martin-Honda. Kruder Mix, oder? Was ich damit sagen will: Beim Biken
geht es für mich um den Aha-Effekt. Ich nehme Platz und warte, was das Motor-
rad mir erzählt. Denn jede Maschine weiß eine Geschichte.
Wenn auch mitunter eine merkwürdige. Als die Motorräder verteilt werden, hab’ ich, so mein erster Gedanke, das Glück des Jahrhunderts. Regen, Sturm, Schneefallgrenze 700 Meter. Alle Daten sprechen für die K 1200 LT. Sitzheizung, beheizte Griffe, elektrisch verstellbare Scheibe, was-
serdichte Koffer plus Topcase und eine
riesige Verkleidung, hinter der selbst die Stiefel trocken bleiben sollten.
Bleiben sie auch. Zum einen, weil
sie hundertprozent wasserdicht sind, zum anderen, weil die Verkleidung tatsächlich
einen exorbitant guten Wind- und Wetterschutz bietet. Mit meinen 1,80 Metern kann ich über die voll ausgefahrene Scheibe gerade so hinwegschauen. Deren Verwirbelungen sorgen dafür, dass das Helmvisier stets tropfenfrei bleibt. Manko: Selbst in der untersten Position der Scheibe ist die Sicht auf das, was direkt vorm Vorderrad passiert, eingeschränkt.
Die Schattenseiten der ganzen elektrischen Zaubereien offenbaren sich in der ersten Pause. Wenn sich die Fernbedienung der Zentralverriegelung im Tankfach wegschließt oder man sie schlicht in der Hosentasche unter der Regenkombi vergisst. Darüber kann man noch lachen.
Über andere Dinge nicht. Die Metzeler ME 880 Marathon bevorzugen trockene Straßen. Nässe treibt dem Fahrer Angstschweiß aus allen Poren. Bei Spurwechseln, Bitumenstreifen oder wechselndem Fahrbahnbelag zappelt der Wal wie eine
Forelle. Ins Schwitzen kommt man außerdem beim Einparken und Wenden. 392 Kilogramm wiegt der bayerische Edeltourer. Und besitzt, bedingt durch Topcase, Verkleidungsschnickschnack, Koffer und Tank, einen recht hohen Schwerpunkt. Kombiniert mit einem schlechten Gefühl fürs Vorderrad, haben die hundert Wendemanöver unter dem Wolkenbruch in Lodi meine Klamotten mehr von innen als außen durchnässt.
Es gibt auch positive Überraschungen. Trotz magerer Federwege von 102 Millimetern vorn und 130 hinten schwebt das
Ungetüm komfortabel über welligsten
Asphalt. Sogar die Härtestrecke zwischen Pellegrino und Bardi, mit ihren Senken und Aufbrüchen, steckt das Fahrwerk locker weg. Die Maschine bleibt zielgenau, stellt sich beim Bremsen kaum auf, die Schräglagenfreiheit allerdings könnte etwas größer sein. Genauso wie der Druck aus dem Keller. Erst ab 5000/min zieht die Wuchtbrumme richtig an. Unpassend für einen gemütlichen Tourer.
Den Alptraum schlechthin erlebe ich am dritten Fahrtag jenseits der Alpen. Regen. Zermatschte Kastanien. Laub. Schmierseife bietet mehr Grip. Auf einmal mutiere ich zum Fremdkörper auf diesem Boliden. Fahre Schritttempo. Schicke Stoßgebete, nicht bremsen zu müssen. Aufgrund des Bremskraftverstärkers haut die 1200 LT
urplötzlich den Anker dermaßen in den
Boden, dass selbst das ABS keine Rücken-deckung gewährt. Wenn eine halbe Tonne auf zwei Streichholzschachtel großen
Gummiflächen über Schmierseife balanciert wird, reicht der Hauch einer falschen Bewegung, und schwuppdiwupp...
Was also hat mir die BMW K 1200 LT erzählt? Bei Nässe und Kälte tröstet sie
mit CD-Wechsler, Heizgriffen, Sitzheizung und Wetterschutz. Bei Sonnenschein sowieso. Dann überrascht der 0,4-Tonner trotz Masse mit erstaunlich dynamischem Motorradfeeling.

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