BMW K 1200 R (VT) (Archivversion) Was wirklich zählt

Sagen wir’s mal so: Warme Hände, guter Wiederkaufswert und ordentlich Zuladung sind nett. Und Autofahrer freuen sich sogar noch über ganz
andere Dinge. Doch Spaß auf dem Motorrad geht anders.

Le Castellet, 17 Uhr, High Speed Club, das Café am Eingang zur Rennstrecke. Die Twins und Triples knistern noch, als
wir die Vierzylinder vor der Terrasse einparken. Die Truppe beachtet den Garçon mit den Grands Noirs auf dem Tablett kaum, echauffiert sich schon wieder, diskutiert so intensiv wie vor ein paar Tagen
in Gerts Büro. Okay, die 1000-Punkte-
Wertung steht. Aber welche macht abseits von Kosten und Alltagskriterien am meisten Spaß, bringt Motorrad fahren auf den Punkt? Denn wir alle wissen: Wer sich auf ein Naked Bike setzt, hat sich entschie-
den. Für Motorrad pur. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Es geht eben um die
Essenz des Motorradfahrens. Ums Bremsen, Abwinkeln und Beschleunigen. Um nichts anderes. Und das ist gut so.
Wenigstens sind wir uns jetzt alle einig. Die Speed Triple hat diese Konzentration auf das Wesentliche geschafft, hat diesen Nerv perfekt getroffen. Wobei die Engländerin dafür so gar nicht auf wilde Hilde macht. Wenn der geschmeidige Motor fast vibrationsfrei nach jeder Ecke mit seinem typischen Sound vehement voranschiebt, die Gänge nur so durchflutschen, sich mit minimalen Aufstellmoment entspannt in jede Kehre hineinbremsen lässt, traumhaft sicher jede Linie gelingt und das Thema Bremsen, Handling oder Federung erst gar keins ist, dann ist klar: Die Triple hat’s auf ihre ganz eigene Art geschafft. Hat gezeigt, dass selbst im Lager der wilden Reiter eine gute Kinderstube weiterhilft.
Wobei, Schmusekurs auf Passsträßchen? Die KTM ist da anderer Meinung, versteht die Verbindung zwischen Gefühlswelt und Rationalität anders. Wer sich
auf die Superduke schwingt, mutiert blitzartig zum Racer. Ellbogen hoch, Kopf nach vorn, im Visier nur noch die Kampflinie, bremst auf der engsten aller Innenspuren
im Drift an. Genau so hat man sich ein
Power-Naked-Bike vorgestellt – bevor es die Benelli TnT gab.
Denn die potenziert das Erlebnis
Motorrad. Der Dreizylinder ist schlicht und einfach eine Wucht. Keiner drückt brachialer, keiner klingt infernalischer. Nicht nur Fans sind zutiefst beeindruckt – auch wenn sich die TnT mit schwergängiger Kupplung, knochiger Schaltung und etwas zu straffer Federung von der KTM noch
distanzieren lässt. Und was für die Superduke schon zutraf, gilt für die Benelli erst recht: Das Auge fährt mit. Auffälliger naked zu biken geht kaum.
Macht Motorrad fahren mit den restlichen fünf wirklich weniger Spaß? Wie sagt man: Es kommt darauf an. Weil
das Führungstrio eben nur in der geschützten Reinkultur der Gebirgsstraßen als Vorreiter der gehobenen Spaßgesellschaft durchgeht. Wenn die Passsträßchen oder winkligen Landstraßen nicht direkt vor der Haustür liegen oder die Vernunft sich durch die Hintertür sozialer und finanzieller Aspekte heimlich hereinschleicht, definiert sich das Thema Fun plötzlich ganz neu. Insofern: Manchmal können auch warme Hände, guter Wiederverkaufswert und ordentlich Zuladung Spaß machen – selbst bei Naked Bikes.

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