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Finale Konzeptstudie BMW Lo Rider

Nichts ist mehr wie es war. Die Welt berauscht sich am Hoffnung machenden künftigen US-Präsident Barack Obama. Und BMW baut einen Stier auf Rädern, einen Bullen von einem Motorrad - die Konzeptstudie Lo Rider. Was für eine faszinierende und dabei höchst wandlungsfähige Maschine: martialisch, bahnbrechend, anders. Sind die Bayern jetzt unter Drogen? Nein, sondern bei vollem Bewusstsein.

Foto: BMW

Bumm! Bereits der erste Blick lässt reihenweise Synapsen platzen. Flimmern auf der Netzhaut, Alarm unter der Schädeldecke. Ein Motorrad, gebaut bloß aus Muskeln, ganz ohne Fett. Eines, das sein Innerstes, sein Wesen nach außen stülpt: offenherzig zur Schau gestellte Technik, Funktion, die sich intuitiv erschließt, Reduktion aufs wirklich Wesentliche. Bewährte, bekannte Bauteile gehen eine gelungene Synthese ein mit neu akzentuierten. Wodurch Erstere wie verwandelt erscheinen, mit völlig anderer, bislang unbekannter Anmutung. Wahnsinn, was reduzierte Details im HP2-Megamoto-Chassis mit kurzer Upside-down-Gabel bewirken. Toll, wie die verchromten Speichen bei schwarz lackierten Naben und Stahlfelgen auch heutzutage ein reinrassiges Straßen-Motorrad schmücken. Die Lo Rider entzieht sich Schubladen-Denken, passt in keine herkömmliche Motorrad-Kategorie, ist weder Cruiser noch Café Racer, noch traditionelles Naked Bike, trägt aber von allen Gene in sich. Dieser Entwurf eines Roadsters ist gleichzeitig bullig und elegant, zeitlos klassisch und hochmodern.

Die Lo Rider bedeutet eine Abkehr von bisherigen BMW-WerteN: "Ein Motorrad hat nicht nur bestmöglich zu funktionieren, sondern muss gleichzeitig alle Sinne seines Fahrers ansprechen, seine Gefühle wecken und ihn in jedem Moment begeistern – im Stand, beim Fahren, als Ganzes, ebenso wie im Detail. Kurz, es muss anmachen." Eine wahre Revolution, was da im Pressetext zur Anfang November auf der Mailänder Messe erstmals gezeigten Studie steht. Sonntagnachmittagsrunde statt Touring, Emotion statt Topcase, Ausdruck statt Tempomat. So etwas bei BMW? Wo sich die Formen allzu oft der Funktion unterordnen mussten. Die Lo Rider weckt Begierde, entlarvt die übertriebene optische Wucht einer 1200er-GS Adventure oder K 1200 GT. Sie stellt ihnen eine nicht für möglich gehaltene Feingliedrigkeit und ein bei den Bayern neu erwachtes Gespür für harmonische Linien und stimmige Proportionen entgegen. Hier sitzt der traditionelle Boxermotor schönstens ein-gerahmt. Technisch würde er sich an dem der aktuellen GS orientieren. Mit 105 PS und 115 Nm handelte es sich also nicht um einen "Slow Rider". Sollte sich BMW – hoffentlich – zu einer Serienfertigung entschließen, wäre gar weniger Spitzenleistung zugunsten noch fülligeren Drehmomentverlaufs kein Fehler.

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Foto: BMW

Utopie und Realität

Denn bullige Kraftentfaltung, Druck von unten, das braucht dieser Stier auf (17-Zoll-)Rädern. Doch gehörige Dynamik strahlt die Lo Rider bereits im Stand aus. Moderne Stilelemente kontrastieren mit klassischen, historisch inspirierten in mehrfacher Form. Davon zeigen die oben abgebildeten Skizzen lediglich einen kleinen Teil. Das Besondere an diesem ganz speziellen Custom-Bike ist nämlich der modulare Aufbau, sind die individuell kombinierbaren Design-Elemente. Die verschiedenen stilbildenden Komponenten sollen den Charakter des Motorrads ganz nach persönlichem Wunsch prägen: wahlweise hochgezogene Auspuffanlage im Scrambler-Stil oder tief liegende, übereinander gestapelte Sidepipes nach Cruiser-Art, je nach Gusto Einzelsitzbank mit Zweipersonen-Option via Verlängerung oder Aluminium-Höckersitz à la Café Racer, entweder Scheinwerfereinheit in klassisch runder Form oder zwei übereinander angeordnete „Taschenlampen“ im Streetfighter-Stil Tank, wahlweise mit oder ohne Aluminium-Blende und Kniekissen, vier Farbvarianten für den Tank sowie drei für das Motorgehäuse Vorder- und Hinterradkotflügel schwarz lackiert oder verchromt. Laut Skizzen stehen auch böse Wave-Bremsscheiben oder traditionelle Teile ohne Wellenschliff zur Wahl. Macht bereits ohne Lackvarianten 64 verschiedene Konfigurationen. Immer identisch bliebe das Rückgrat: Motor, Rahmen, Federelemente (Öhlins-Federbein!), Tank und breiter, konifizierter Lenker.

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Foto: BMW

Eine bestechende Idee, der Baukasten bietet viel mehr Gestaltungsmöglichkeiten als Sonderausstattungen oder Sonderzubehör ab Werk, bereits heute eine große Stärke von BMW. Und die "lustvolle Zusammenstellung" (Pressetext) soll nach dem Kauf anhalten. Alternative module könnte man gleich mit ordern. Lieber doch die rustikale Halbkugel von Lampenglocke statt der Glubschaugen? Eher puristischer oder klassisch-sportlicher Look? Bitte sehr, die wandlungsfähige Lo Rider kann so oder so sein. Bis es mal so weit ist, sind allerdings noch technische Machbarkeit, Eignung für die Serie und TÜV-Vorschriften zu prüfen und beachten. Reicht das Volumen des breiten und flachen Auspuffsammlers unter dem Sitz aus? Oder das des anderen Auspuffs, links von der ideal zum Design passenden Einarmschwinge? Und klingen müsste das Ding viel besser als heutige Boxer. Kerniger, dumpfer, nicht so blechern-hohl. Das mitschwingende Schutzblech hinten ist eine Augenweide, genau wie vorn verführerisch an metallenen Bügeln aufgehängt. Aber mit deutschem Kuchenblech-Nummernschild nur schwer vorstellbar. Kennzeichenbeleuchtung fehlt auch noch. Kommt die soziustragende Verlängerung an den Einzelsitz müssten Rückleuchte und Blinker, beides in LED-Technik ausgeführt, versetzt werden. Sie sind jedoch in jenen Skizzen ebenso wenig vorgesehen wie am edlen Rennhöcker mit Alu-Bürzel.

Improvisiert wirken tief unten an den Rahmen geschweißte Fußrastenausleger. Viel Schräglagenfreiheit kann da kaum drin sein. Diese Anordnung ist ein Tribut an den niedrigen und flachen Sitz, um genügend Abstand zwischen Hintern und Füßen zu erzielen. Alles keine Nörgelei, sondern nur eine Erklärung dafür, weshalb es bis zur möglichen Serienreife noch ein weiter Weg ist. BMW nennt rund 30 Monate, also Frühjahr 2011. So lange noch warten? Werden das Leute aushalten, die sonst eine Vmax, MT-01 oder Hypermotard kaufen? Die weltweite Resonanz scheint jedenfalls grandios. Dabei ist die Lo Rider nicht taufrisch, wovon noch nicht radial montierte Sechskolbenstopper vorn künden. Die Urskizzen stammen vom Jung-Motorraddesigner Torsten Dauner, der 2007 überraschend und plötzlich an einer Herzkrankheit starb. Rund ein Dutzend weitere Leute des Design-Teams um David Robb wirkte an der Umsetzung mit, führten Dauners Enthusiasmus fort. Durch Zufall sah eines Tages der neue Chef von BMW Motorrad, Hendrik von Kuenheim, den nicht fahrbereiten, fast vergessenen Prototyp. Was folgte, war wohl Flimmern auf der Netzhaut, Alarm unter der Schädeldecke... Und der Beschluss, die Studie rasch zu zeigen. Bleibt zu hoffen, dass das Rauschmittel in Serie geht. Und der Blick aufs Preisschild nicht zur Erblindung führt. Wär‘ extrem schade, wenn der Lo Rider zum No Rider würde.

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