BMW R 1150 GS (Archivversion) Fahrzeug-Kontrolle

Sie ist das meistgekaufte Zweirad in Deutschland: die BMW R 1150 GS. Und auch als Gebrauchte gehört die Bajuwarin zu den gefragtesten Modellen. MOTORRAD nahm die gebrauchte GS eines Privatverkäufers unter die Lupe – inkognito, versteht sich.

Wer im Frühjahr mit einem neuen Motorrad in die Saison starten möchte, für den ist jetzt die ideale Zeit, in aller Ruhe nach einer günstigen Gebrauchten zu suchen und aufgrund fehlender Nachfrage den Preis herunterzuhandeln. Vorausgesetzt, man muss seine alte Maschine nicht erst noch verkaufen. MOTORRAD mischte sich unter die Suchenden und schaute in Anzeigenblättern, Zeitschriften und im Internet nach Angeboten. Eine BMW R 1150 GS, eines der wertstabilsten Motorrad-Modelle, sollte es sein.Ergebnis der Recherche: Zwischen rund 8500 Euro und weit über 10000 Euro gibt’s Inserate. Mehrere davon stoßen auf unser Interesse, also ran als Telefon. Vergeblich versuchen wir die Anbieter zu erreichen – entweder bimmeln wir ins Leere oder werden von Anrufbeantwortern begrüßt.Dann endlich, kurz vor 19 Uhr, ruft ein Inserent zurück. Seine 2000er-BMW steht mit 9250 Euro Verhandlungsbasis, nur 5600 Kilometern und allerlei Zubehör zum Verkauf. Ohne Aufforderung erfahren wir, warum der Besitzer sich von seiner GS trennen will: Nachwuchs steht an. Auf die Frage, ob die BMW sturz- und unfallfrei sei, gerät er kurz ins Stocken: »Äh, ja klar, unfallfrei. Außer mir ist ja keiner gefahren.« Außerdem erfahren wir, dass die GS, wenn sie nicht bewegt wird, in der Garage steht und dabei ständig am Batterieladegerät hängt. Auf Geländetour war sie angeblich ebenso wenig wie auf Reisen in fremde Länder. Die 5600 Kilometer Laufleistung sammelte die GS hauptsächlich auf Fahrten in die 25 Kilometer entfernte Sporthalle.Da der Verkäufer auf unsere gezielte Nachfrage bereit ist, bis zu 200 Euro im Preis runterzugehen, vereinbaren wir gleich tags darauf einen Termin zur Besichtigung. Einer Probefahrt steht nichts im Weg: Die BMW ist zugelassen.Noch bevor der Verkäufer das Haus verlässt, öffnet sich bereits das elektrische Tor, der ans Haus angedockten Garage. Wir nutzen die Gelegenheit und nehmen uns der R 1150 GS an. Der Motor ist kalt. Ein gutes Zeichen – versucht der Verkäufer doch nicht, mögliche Startschwierigkeiten des Fahrzeugs durch vorheriges Warmlaufenlassen zu vertuschen. Weniger gut gefällt uns die dünne Schmutzschicht, die offenbar von der letzten Regenfahrt herrührt. Wer sein Motorrad verkaufen will, sollte es wenigstens vorher reinigen.Inzwischen kommt der Verkäufer aus dem Haus hinzu, stöpselt das Ladegerät ab und schiebt die BMW auf unsere Bitte auf die Straße hinaus, wo wir unser Kaufobjekt etwas genauer inspizieren.Wir finden keinerlei Anzeichen von Stürzen oder Umfallern: Zylinder, Lenkerenden, Schwinge, Gabeltauchrohre und Lackflächen sind ohne Macken oder Kratzer. Gabel und Federbein lecken offensichtlich nicht – Ölaustritt ist nicht zu sehen. Keinerlei Ölspuren weisen außerdem die bei der GS gelegentlich gefährdeten Stellen am Faltenbalg der Hinterachse sowie am Getriebe auf der rechten hinteren Motorseite auf. Sollte es hier zu auffälligem Ölaustritt kommen, sind marode Dichtungen der Grund. Und deren Austausch in der Werkstatt ist sehr zeitaufwendig und dadurch teuer.Genauso frei von Schmiermittel präsentiert sich leider das Ölschauglas – erst bei näherem Hinsehen zeigt sich der für den Motor lebensnotwendige Stoff ganz unten im Sichtfenster. Sicherlich besteht noch keine Gefahr für die Innereien, doch zeugt der extrem niedrige Ölstand nicht gerade von sorgfältiger Pflege der Maschine.Wir prüfen weiter. Bremsen: astrein. Beläge in Ordnung, Scheiben ohne Riefen. Die Reifen sind sogar neuwertig. Nachdem vor Weihnachten ein Nagel dem hinteren Pneu den Garaus machte, hat unser Verkäufer gleich ein komplett neues Paar aufziehen lassen.Zeit, den Motor zu starten. Mit Choke springt er trotz minus zehn Grad Außentemperatur sofort an. Während die BMW warmläuft, prüfen wir Rad-, Schwingen- und Lenkkopflager auf Spielfreiheit (alles in Ordnung) und klopfen die Speichen ab. Außerdem werfen wir einen Blick unter die Sitzbank und montieren probehalber den Koffersatz.Die Frage nach einer Probefahrt bejaht unser Verkäufer anstandslos – und vergisst völlig, nach einer gültigen Fahrerlaubnis zu fragen.Auf dem kleinen Rundkurs durchs Dorf funktionieren Motor und Kupplung tadellos. Auf Gasaufreißen im hohen Gang bei niedriger Drehzahl dreht der Motor nicht schlagartig hoch, was auf eine verschlissene Kupplung hindeuten würde. Auch der bei losgelassenem Lenker geprüfte Geradeauslauf ist einwandfrei. Nur die Federung wirkt völlig überdämpft – was angesichts der Kälte jedoch nicht verwundert.Nach der Probefahrt noch schnell die komplette Beleuchtungseinrichtung sowie Killschalter, Hupe und den Unterbrecherkontakt des Seitenständers prüfen, dann geht’s ans Eingemachte: die Preisverhandlungen. Hierzu begeben wir uns ins Haus, wo der Verkäufer die vorbildlich archivierten Fahrzeugunterlagen ausbreitet.Gründe für einen Preisnachlass gibt’s eigentlich kaum – die BMW ist bis auf den zu niedrigen Ölstand und die Schmutzschicht in einem Topzustand. Außerdem besitzt sie Sonderausstattung und Zubehör im Neuwert von rund 2000 Euro. Nach einigem Hin und Her einigen wir uns auf 8800 Euro und bekommen eine Fahrzeugpolitur als Zugabe.Erst jetzt, direkt vor der Vertragsunterzeichnung, geben wir uns als MOTORRAD-Mitarbeiter zu erkennen und bitten darum, einige Fotos schießen zu dürfen. Unser Verkäufer wirkt zunächst geschockt, erholt sich aber schnell und scheint dann eher erleichtert, dass er die BMW nicht zum eben vereinbarten – und für uns völlig akzeptablen – Preis verkaufen muss.Der Winter ist eben eine gute Zeit, nach günstigen Gebrauchten zu suchen. Schließlich notiert selbst die Schwacke-Liste unter Berücksichtigung der Minderfahrleistung aber ohne die reichhhaltige Ausstattung noch einen Zeitwert von rund 9500 Euro für die besichtigte GS – wir hätten sie halt doch kaufen sollen.

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