BMW R 80 GS Basic Bj. 1996, BMW R 1200 GS (VT: alt gegen neu) (Archivversion) Was ist Fortschritt? Fortschritt ist eine Reise wert

Mai 1982. Auf dem Campingplatz von Tamanrasset in Algerien überdreht Kai T. das Zündkerzengewinde seiner BMW R 80 G/S. Er flucht. Er überlegt. Legt den Kerzenstecker gegen Masse, verschließt das offene Loch provisorisch, kappt den Bowdenzug vom Vergaser und fährt den Boxer auf nur einem Zylinder heim bis Darmstadt. 2960 Kilometer. Benzinstory? Klar, aber tatsächlich passiert.
April 2004. Die R 1200 GS steht in den Schaufenstern. Und Kai T. davor. »Wenn dir das bei der Neuen passiert, bist du der Mops«, sinniert er. Stimmt’s? BMW sagt klar nein. »In dem sehr unwahrscheinlichen Fall, dass ein Zylinder, den ohnehin zwei Zündkerzen sowie zwei Zündspulen versorgen, mit Zündungsproblemen ausfällt, würde es genügen, das Einspritzventil elektrisch abzuklemmen. Auch hier würde sich die BMW mit nur einem arbeitenden Kolben zur nächsten Vertragswerkstatt schleppen.« Dumm natürlich, wenn diese 2000 Kilometer entfernt liegt.
In den Köpfen vieler hart gesottener Reisefreaks hat sich eine Regel manifestiert: Wo viel dran ist, kann auch viel ka-
putt gehen. Richtig. Vergleicht man jedoch beispielsweise die elektrische Verkabelung einer R 80 G/S Basic mit der einer R 1200 GS, stellt man fest, dass der Kabelbaum trotz immenser Elektronik gegenüber der 800er nahezu magersüchtig ausfällt. Die neue GS ist mit der CAN-Bus-Technologie (Controller Area Network) ausgestattet.
Auf deutsch: Sämtliche Verbraucher und Sensoren sind in einem gemeinsamen Leitungspfad integriert. Keine Schmelzsicherungen, drei Steuergeräte, nur eine elektrische Leitung. Notfallprogramme steuern bei Ausfall des Bremslichts beispielsweise den Faden der Rücklichtlampe als Er-
satz an. Bei Kurzschluss oder Fehlfunktion werden bestimmte Funktionen allerdings einfach abgeschaltet. Und was, wenn ein Steuergerät ausfällt?
800er-Fahrer lachen darüber. Hier haben Bremsen klar definierte Druckpunkte, Blinker ihr Relais, Verbraucher ihre Sicherungen. Und die gibt’s sogar am Wüstenwegesrand. Muss es auch. Denn laut BMW ist die Anfälligkeit älterer GS-Modelle
in puncto Elektrik/Elektronik im Vergleich zur neuen viel höher. Also doch ein Unentschieden? Vorausgesetzt, die elektronischen Helferlein arbeiten perfekt, gibt es beinahe nichts, was die Alte besser kann als die Neue. Fahrwerken, Schein werfen, starten, beschleunigen, bremsen, durchziehen, tripmastern oder Benzin sparen. Trotz nahezu doppelter Leistung und 30 Kilogramm mehr Gewicht verbraucht die 1200er mit 4,4 Litern auf 100 Land-
straßenkilometern fast einen Liter weniger. Um bei der Reichweite von 454 Kilometern gleichauf zu liegen, müsste bei der Basic anstatt des 19,5- ein 24,5-Liter-Tank montiert werden. Selbst der Wendekreis der
Dicken fällt mit 4950 Millimeter um 130 geringer aus. Die Bodenfreiheit im Gelände ist nahezu identisch: 180 Millimeter sind’s bei der 1200er, fünf mehr bei der 800er.
Doch bleiben wir beim Reisen. Und da hat die Alte zuladungstechnisch die Nase vorn. Mit 208 Kilogramm darf sie exakt
25 mehr transportieren als die moderne Schwester mit ihrer perfekt eingepassten Kofferaufnahme und weitaus komfortableren sowie um drei Zentimeter längeren Sitzbank. Für beide Modelle offeriert sowohl BMW als auch der Zubehörmarkt Koffersysteme. Durch ihren weit ausladenden Schalldämpfer baut die 1200er bei identischen Koffern aber breiter. Die 800er ist nach einem Sturz einfacher hochzu-
heben. Allerdings wesentlich schwerer auf den Hauptständer zu hieven.
Plattfuß hinten. Flicken ist angesagt. Beide Räder lassen sich problemlos ausbauen. Um den 150er der großen GS ins Felgenbett zu drücken und die extrem
steife Karkasse über das Felgenhorn zu hebeln, ist größere Kraftanstrengung er-
forderlich. Fortschritt? Leistungstechnisch in jedem Fall. Ergonomisch auch. Die Griffe sind schmaler, die Sitzposition integriert besser, Fahren im Stehen ist einfacher. Und pannentechnisch? Vieles, was kaputtgehen kann, ist an der R 80 simpler zu reparieren. Die Fehlersuche gestaltet sich überschaubarer und logischer. Sei es nur, wenn der Bremslichtschalter mal ausfällt.

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