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BMW S 1000 XR und Ducati Multistrada 1200 S im Faktencheck Optik ähnlich, Preis ähnlich, alles ähnlich?

BMW S 1000 XR und Ducati Multistrada 1200 S: beide Alleskönner, die sich verblüffend ähnlich sehen, ähnlich viel wiegen, ähnlich viel leisten, ähnlich viel kosten – und dennoch unterschiedlich sind. Ein erster Vergleich.

Das Copyright liegt in Bologna, ganz klar. Schon für die Saison 2010 warf man dort alle gängigen Vorstellungen von einer Reiseenduro über Bord und packte den Superbike-Motor der 1198 – um 20 PS gedrosselt, aber mit 150 PS immer noch überaus gut bei Kräften – in ein hochbeiniges Straßenfahrwerk. Eine neue Gattung war geboren, die bei Ducati bis heute Multistrada heißt, aber markenübergreifend immer noch keinen Namen hat.

Darum muss BMW jetzt künsteln. ­Unter „Adventure Sports“ läuft die neue S 1000 XR an, die fünf Jahre später nichts anderes ist als eine Multistrada mit vier ­Zylindern. Hochbeinig, top ausgestattet, komfortabel und schnell – das gilt für beide. Was potenzielle Kunden vor die Frage stellt: Welche soll es denn sein?

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Ducati Multistrada 1200 in der S-Version

Normalerweise fällt der Blick bei dieser Frage automatisch auf die Preisliste. Und bei Ducati dort beinahe zwangsgesteuert auf die Ducati Multistrada 1200 in der S-Version, denn wer in diesen Preisregionen zu Hause ist, für den machen 2000 Euro Aufschlag den Kohl auch nicht mehr fett. 18.490 Euro also. Dafür gibt es zusätzliche Dinge, die sofort ins Auge fallen (auf Wunsch die Farbe Weiß), aber auch nicht so offensichtliche Goodies wie größere Bremsscheiben (330 statt 320 Millimeter) und Brembo Evo M50-Zangen, das semiaktive Sachs-Fahrwerk, Schmiederäder sowie LED-Scheinwerfer mit Kurvenlicht.

Bei BMW sieht die Sache etwas anders aus. Auf den ersten Blick kontofreundlicher, denn die S 1000 XR gibt es nur in einer Basisvariante für 15.200 Euro. Doch BMW wäre nicht BMW, wenn keine zusätzlichen Ausstattungsoptionen zur Verfügung stünden, die in der Regel als Paket an den Käufer gebracht werden. Ohne sie ist auch eine BMW S 1000 XR nicht komplett. So wird vermutlich niemand auf das Touring-Paket verzichten, weil er ohne das famose semiaktive Fahrwerk Dynamic ESA (705 Euro), Kofferhalter (130 Euro), Gepäckbrücke (110 Euro) und Heizgriffe (205 Euro) nicht sein will. Macht zusammen 1150 Euro, da ist der Weg zur Komplettlösung als Paket für 1240 Euro mit zusätzlichem Hauptständer und Navi-Vorbereitung nicht mehr weit. Unter dem Strich stehen dann 16.350 Euro. Aber: So tolle Dinge wie der Schaltassistent Pro, mit dem sich, ohne zu kuppeln, hoch- und auch runterschalten lässt, die hochwertige dynamische Traktionskontrolle statt des einfachen ASC, das segensreiche Kurven-ABS oder ein Tempomat sind noch nicht dabei. Also muss das Dynamik-Paket (mit LED-Blinkleuchten) her, für noch einmal 990 Euro. Macht summa summarum 17.340 Euro.

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Kein Kurvenlicht für die BMW S 1000 RX

Gut 1000 Euro weniger, als Ducati für die Multistrada S verlangt. Aber die hat auch ein Vierfarb-Display inklusive Multimediasystem, das zum Beispiel via Bluetooth eingehende Anrufe oder Mails anzeigt, das LED-Kurvenlicht (gibt es bei der BMW nicht) und eine stufenlos höhenverstellbare Sitzbank (825 bis 845 Millimeter). Für die BMW S 1000 RX stehen hingegen nur unterschiedliche Sitzbankvarianten (Standard 840 Millimeter sowie abgepolstert) zur Verfügung. Unentschieden also? Nicht ganz, denn einen Hauptständer, Heizgriffe und Koffer gibt es für die Multistrada nur im Travel-Paket (1063 Euro), einen Quickshifter gibt es überhaupt nicht. Koffer für die BMW kosten allerdings noch einmal extra (der exakte Preis steht noch nicht fest). Unterm Strich wird es das Beste sein, jeder rechnet für sich selbst. Fundamental fallen die Unterschiede nicht aus.

Kleiner jedenfalls als die der Motorenkonzepte. Zwei zu vier Zylinder, 1200 zu 1000 Kubikzentimeter – gefühlt liegen ganz sicher Welten zwischen den Antriebskonzepten, die jedoch leistungsmäßig in einer Liga spielen. Doch natürlich hat der 90-Grad-V2 der Ducati Multistrada 1200 S, jetzt mit variablen Steuerzeiten, in diesem Adventure-Bike quasi ein Heimspiel, während der Hochleistungs-Reihenvierer der BMW S 1000 XR sich dieses Terrain erst noch erobern muss. Aber Achtung: Wer sich die Mess- und dabei vor allem die Durchzugswerte der Naked Bike-Schwester S 1000 R mit identischem Motor genauer anschaut, ist verblüfft. Die Münchnerin nimmt der alten Multistrada – allerdings ohne variable Steuerzeiten mit zehn PS weniger Spitzenleistung – in jeder Disziplin über eine Sekunde ab und fährt auch sonst alles, was MOTORRAD bisher gemessen hat, in Grund und Boden. Wahr ist aber auch: Fahrdynamisch lassen beide nichts anbrennen, sodass die Entscheidung vermutlich auf einer anderen Ebene getroffen wird. Aber auf welcher?

Beide mit Kurven-ABS von Bosch

Semiaktive Fahrwerke mit Sachs-Komponenten und Bosch-Steuereinheit haben jetzt beide – die Ducati Multistrada 1200 S aber mit deutlich mehr Federweg (siehe Daten). Ebenso bieten beide Systeme vier unterschiedliche Fahrmodi an, nur die Namen sind verschieden. Was bei Ducati „Urban“, „Touring“, „Enduro“ und „Sport“ heißt, firmiert bei BMW etwas weniger griffig unter „Rain“, „Road“, „Dynamik“ und „Dynamik Pro“. Gemeint ist jedoch dasselbe: Das Ansprechverhalten des Motors und die Fahrwerksabstimmung sowie die Einstellung der Traktionskontrolle werden dem gerade favorisierten Einsatzzweck angepasst, die Motorleistung in den Modi „Rain“ (BMW) sowie „Urban“ und „Enduro“ (Ducati) reduziert. Ebenfalls bei beiden an Bord: das Kurven-ABS (jeweils von Bosch), die Traktionskontrolle und Wheelie-Kontrolle. Gewichtsmäßig liegen die beiden laut Werksangaben um gerade vier Kilogramm auseinander (BMW S 1000 XR 228 Kilogramm, Ducati Multistrada 1200 S 232 Kilogramm), der Tankinhalt ist mit 20 Litern identisch. Erstaunlich: Der Ducati-Twin erfüllt bereits Euro 4. Ebenso erstaunlich: Markteinführung der BMW S 1000 XR ist erst im Sommer. Wer mit dem neuen Bike ins Frühjahr starten will, kommt also um die Ducati Multistrada nicht herum.

Foto: Hersteller
Leistungsmessung an der Kurbelwelle.
Leistungsmessung an der Kurbelwelle.

Motoren und Leistung

Ist das zulässig? Eine von MOTORRAD gemessene S 1000 R-Leistungskurve (Motor mit dem der XR identisch) mit der von Ducati veröffentlichten Leistung des neuen DVT-Motors mit variablen Steuerzeiten zu vergleichen? Da es hier weder um exakte Messwerte noch um Punkte geht, sondern darum, die unterschiedlichen Cha­rakteristiken der so unterschiedlichen Motorenkonzepte zu zeigen, scheint das legitim. Vor allem, weil die Leistungskurven signifikante Unterschiede aufweisen.

Auf den ersten Blick stechen dabei die Leistungs- und vor allem die Drehmomentvorteile des 1200er-Ducati-Motors über seinen gesamten Drehzahlbereich ins Auge. Ein klarer Fall, so scheint es. Aber: Vergleicht man diese Werte nicht über die Drehzahl, sondern über die Geschwindigkeit, wendet sich das Blatt. Beginnend bei zirka 60 km/h bis knapp 250 km/h liegt dann die BMW vor der Ducati, liefert bei gleichem Tempo im letzten Gang immer mehr Leistung ans Hinterrad.

Daten im Vergleich

 BMW S 1000 XRDucati Multistrada 1200 S
BauartVierzylinder-Viertakt-
Reihenmotor
Zweizylinder-Viertakt-
90-Grad-V-Motor
Einspritzung4 x Ø 48 mm2 x Ø 56 mm
KupplungMehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping)Mehrscheiben-Ölbadkupplung (Anti-Hopping)
Bohrung x Hub80,0 x 49,7 mm106,0 x 67,9 mm
Hubraum999 cm³1198 cm³
Verdichtung12,0:112,5:1
Leistung118,0 kW (160 PS) bei 11000/min117,7 kW (160 PS) bei 9500/min
Drehmoment112 Nm bei 9250/min136 Nm bei 7500/min
RahmenBrückenrahmen
aus Aluminium
Gitterrohrrahmen aus Stahl mit verschraubten Alugussteilen
GabelUpside-down-Gabel, Ø 46 mmUpside-down-Gabel, Ø 48 mm
Lenkungsdämpferhydraulischhydraulisch
Bremsen vorne/hinten     Ø 320/265 mmØ 320/265 mm
AssistenzsystemeABS, TraktionskontrolleABS, Traktionskontrolle
Räder3.50 x 17; 6.00 x 173.50 x 17; 6.00 x 17
Reifen120/70 ZR 17; 190/55 ZR 17120/70 ZR 17; 190/55 ZR 17
Radstand1548 mm1529 mm
Lenkkopfwinkel64,5 Grad66 Grad
Nachlauf117 mm109 mm
Federwege vorne/hinten150/140 mm170/170 mm
Sitzhöhe840 mm825–845 mm
Gewicht fahrfertig228 kg232 kg
Tankinhalt20,0 Liter20,0 Liter
Service-Intervalle10.000 km15.000 km
Grundpreis15.200 Euro18.490 Euro
Nebenkosten390 Euro345 Euro

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