BMW-Umbauten (Archivversion) Böse Boxer

Drei exklusive BMW-Tuning-Boxer im Test: Motorrad fuhr Fallert-GS 1150, Wüdo-Drago
1170 und HPN R 900 RR.

BMW-Fahrer denken im Traum nicht an Tuning, träumen allerhöchstens vom neuen Klapphelm, natürlich nur aus dem BMW-Zubehörprogramm – von wegen, alles Klischees. Die Realität sieht nämlich ganz anders aus. Stellvertretend für eine höchst lebendige BMW-Tuner-Szene lernte MOTORRAD drei außergewöhnliche Boxer kennen, die es faustdick hinter den Ohren haben.Beispiel eins: die R 1150 GS von Fallert aus dem badischen Achern (Telefon 07841/62050). Seit Jahrzehnten eine Pilgerstätte für alle, die einen individuellen Boxer wünschen, ganz gleich, ob Zwei- oder Vierventiler. Für die Leistungssteigerung einer R 1150 GS von nicht gerade berauschenden 85 PS auf 98 PS stellt Fallert 1765 Euro in Rechnung. Und das mit Brief und Siegel: Bei einem neuen Motorrad gewährt er zwei Jahre Garantie auf den Umbau, bei einer Gebrauchten zwölf Monate. Wer es exklusiver möchte, kann neben dem Motor auch das Fahrwerk ummodeln lassen. Der Komplettumbau zum handwerklich solide gemachten Funbike hat seinen Preis: 18551 Euro inklusive 17-Zoll-Räder – sie stammen von der R 1100 S – und der bereits erwähnten Leistungssteigerung. Alle Umbaumaßnahmen sind TÜV-konform, also mittels Gutachten eintragungsfähig. Das ist lobenswert, weil so etwas in der Szene beileibe nicht gang und gäbe ist.Fallert setzt bei seiner Leistungskur auf ein klassisches Rezept. Gekürzte Zylinder verringern die Baubreite, spezielle Kolben erhöhen die Verdichtung auf 11,3 :1 (Serie 10,3 :1). Eigens konzipierte Nockenwellen sorgen für schärfere Steuerzeiten, ein Endschalldämpfer von Phönix Remus verbreitet einen angenehmdumpfen, aber keineswegs lauten Sound. Nicht nur mehr Spitzenleistung, sondern auch ein größeres Drehmoment über den gesamten Drehzahlbereich verspricht Fallert. Diesem Anspruch wird sein Boxer allerdings nicht ganz gerecht. Den unvergleichlichen Punch aus dem Drehzahlkeller, den eine Serien-GS auszeichnet, vermisst man. Womit sich aber ganz gut leben lässt. Schwerer wiegt ein im Diagramm deutlich erkennbarer und auf der Straße spürbarer Durchhänger von 4300 bis 5300/min. Bis zu zehn Newtonmeter Drehmoment fehlen dem Tuning-Boxer in diesem Bereich gegenüber dem Serien-motor. Zum Rumzuckeln ist die getunte GS jedoch auch nicht gebaut. Über 6000/min lässt der Boxer dann seine Muskel spielen. Beinahe lustvoll dreht die Fallert-GS bis in den Begrenzer. Echte 94 PS und 102 Newtonmeter maximales Drehmoment sind nur knapp unter der Angabe, sie beflügeln den wuchtigen Twin auf 210 km/h Spitzengeschwindigkeit. Eine GS mit völlig verändertem Charakter, der nach Drehzahlen giert. Und danach gelüstet es Ross und Reiter eigentlich permanent. So gesehen ist der zweite Teil des Umbaus, der 17-Zoll-Radsatz, eine sinnvolle Ergänzung des Motortunings. Erhältlich ab 1195 Euro, ebenfalls mit TÜV-Gutachten. Die Umrüstung verringert nicht nur die Sitzhöhe, die kleineren Räder harmonieren wirklich prima mit dem Serienfahrwerk. Alternativ bietet Fallert Federelemente von Wilbers oder Öhlins an, doch schon die Serienteile präsentieren sich auf hohem Niveau.Das zeigt sich gerade deshalb, weil die Testmaschine mit einem extremen Reifen bestückt wurde, der ans Fahrwerk hohe Ansprüche stellt: Michelin Pilot Race in der straßenzulassungsfähigen H2-Mischung – radikaler geht es derzeit kaum. Sicher problematisch für den Kaltstart, aber nach behutsamer Warmlaufphase krallen sich die Michelin-Gummis derart vehement in den Untergrund, dass sie schier endloses Vertrauen einflößen. Keine Spur von Fahrwerksunruhen, herrlich neutrales Einlenkverhalten, kein läs-tiges Aufstellmoment beim Bremsen in Schräglage, dazu ein wirklich formidables Handling. Selbst auf stark zerfurchtem Asphalt verhält sich die GS souverän, Befürchtungen, sie würde jeder Welle hinterhermarschieren, sind völlig unbegründet. Dass es mit der Geländetauglichkeit endgültig vorbei ist, dürfte Käufer einer Fallert-GS kaum stören. Fazit: Fallert-BMW R 1150 GS, ein exklusives Spaßmotorrad, das der sehnlichst erwarteten Neuauflage aus München einiges vorwegnimmt – vielleicht auch die 17-Zoll-Räder.

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