Bremsprobleme bei der Kawasaki ZX-10R (Archivversion) Brems-Mysterium

Sie kamen extra aus Japan: vier hochrangige Mitarbeiter von Kawasaki,
in den Bereichen Entwicklung, Test und Qualitätssicherung beschäftigt. Dazu eine Delegation von Kawasaki Motors Europe und der deutschen Niederlassung, die zusammen mit MOTORRAD das Phänomen des stark wandernden Druckpunkts der ZX-10R-Bremse ergründen wollten.
Erstmals aufgetaucht war die Sache im Frühjahr bei einigen Runden in Hockenheim. In deren Verlauf musste MOTORRAD-Chefredakteur Michael Pfeiffer den Bremshebel der Dauertest-ZX-10R immer weiter und schließlich bis zum Lenker durchziehen, um verzögern zu können. Etliche Zuschriften von betroffenen ZX-10R-Besitzern, nachlassende Bremswirkung bei einem Rennstreckenvergleich am Sachsenring mit einer anderen ZX-10R und ein matschiger Druckpunkt während des Bremstests mit der Dauertestmaschine im Top-Test-Parcours, der zu einem Bremsweg von fast 60 Metern aus 100 km/h führte, verliehen dem Problem erst recht Brisanz.
Es ließ sich von Kawasaki in Japan mit zwei Motorrädern – eines mit der Bremsanlage der Sachsenring-Testmaschine – jedoch nicht in dieser Drastik reproduzieren. Bei Prüfstandtestläufen und auf der Rennstrecke verlängerte sich der Hebelweg nach dem Aufheizen der Bremsanlage stets um etwa fünf Millimeter. Per Data-
recording ermittelt an einem Punkt, der 50 Millimeter vom Hebelende einwärts liegt.
In den Stellungen eins und zwei des einstellbaren Bremshebels blieb danach noch
genügend Hebelweg für sichere Verzögerung, zumal der Druckpunkt nach Erreichen der Betriebstemperatur konstant war.
Überraschenderweise ergab sich in Hockenheim bei der unverändert gebliebenen Dauertest-ZX-10R mit fast verschlissenen Belägen der gleiche Befund. Mal vier, meist fünf, einmal 5,5 Millimeter gab der Druckpunkt bei ihr und einer Referenzmaschine mit frischen Belägen nach. Kreuzweises Tauschen der Scheiben und Beläge änderte nichts. In keiner Situation war der Druckpunkt völlig verschwunden. Dabei wurde trotz feuchter Strecke bis zu 15-mal hintereinander aus 150 km/h heftig bis zum Stillstand verzögert. Die Temperatur der Bremsflüssigkeit stieg bis 122 Grad Celsius, normal sind selbst bei stark belastenden Passabfahrten um die 90 Grad. Die Bremsscheiben erreichten über 350, die Zangen über 120 Grad.
Fazit: Selbst bei optimal gewarteten ZX-10R-Bremsen verlängert sich der Hebelweg unter hoher Belastung. Fahrer mit relativ kurzen Fingern bekommen damit Probleme, weil sie den Bremshebel, der dann in Rastung eins oder zwei sein muss und weit absteht, kaum erreichen können. Akute Gefahr besteht nicht. Trotzdem sollten ZX-10R-Eigner bei ihrem Händler eine penible Entlüftung der Bremsanlage verlangen sowie Bremsbeläge, -scheiben und -zangen regelmäßig kontrollieren. Kawasaki bittet, bei Schwierigkeiten sofort einen Händler aufzusuchen, ohne an der Maschine etwas zu verändern und verspricht sorgfältige Prüfung jedes einzelnen Falles. Denn die Ursache des mitunter drastisch wandernden Druckpunkts ist weiterhin
unklar. Möglicherweise kommt es dazu,
so ein Kawasaki-Ingenieur, wenn der Fahrbetrieb bestimmte Aufheiz- und Abkühlungszyklen verursacht. ras

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