Bressensdorf, Gerhard von: Interview (Archivversion)

Was halten Sie von Tempo 80 für jugendliche Leichtkraftradler? Wir haben jetzt einige Jahre Erfahrung mit Tempo 80 und sind damit absolut nicht glücklich. Die Jugendlichen kommen mit den ungedrosselten Motorrädern, mit denen wir sie aus-bilden und prüfen, bestens zurecht. Die Splittung in der Klasse hat weder für den Nutzer noch für die Verkehrssicherheit irgendeinen positiven Effekt gezeigt. Deswegen sind wir dafür, Tempo 80 aufzuheben. Wie erklären Sie sich die deutsche Sonderregelung, und wer steckt Ihrer Meinung nach dahinter? Die Fahrlehrerschaft steckt hinter dieser unglücklichen Lösung mit Sicherheit nicht. Die Diskussion stand unter der maßgeblichen Beeinflussung von Dr. Hubert Koch (damals Geschäftsführer des Industrie-Verbands Motorrad). Dr. Koch und der HUK-Verband haben Studien vorgelegt, in denen nachgewiesen worden ist, dass die Geschwindigkeit einer der entscheidenden Faktoren für Unfallfolge und Unfallschwere ist. Dies hat den Bundesgesetzgeber veranlasst zu sagen, dann limitieren wir das. Wir hatten das Sicherheitsargument mit getragen, aber man sollte einen Versuch beenden, wenn man sieht, dass er nicht das gewünschte Ergebnis bringt. Heißt das, es könnte von Seite des deutschen Fahrschullehrer-Verbands eine Initiative geben, um den Gesetzgeber zu einer entsprechenden Vorlage zu bewegen? Wir würden gesetzgeberische Anfragen sehr unterstützen. Und wir haben uns im Bundesverkehrsministerium und in den Fachausschüssen, in denen wir vertreten sind, außerordentlich positiv zu einer Neuregelung gestellt. Und ich habe nicht den Eindruck, dass dort ein irrsinniger Widerstand zu erwarten ist. Nicht anders in meinem Bundesvorstand. Da gibt es überhaupt keine Stimmen dagegen, weil uns die praktische Erfahrung gezeigt hat, dass die Drosselung nicht zeitgemäß ist. Viele Jugendliche sehen sich gerade durch die Drosselung erst stark gefährdet. Das ist eines der stechendsten Argumente. Denn es spricht natürlich keiner von denen, die verunglücken, weil sie übersehen werden oder als langsameres Fahrzeug nicht rechtzeitig erkannt werden. Statistisch trennen wir nicht sauber genug. Es kommt hinzu, dass ja die Eltern für die Jugendlichen letztlich haften. Wie aber sollen die so genau kontrollieren, ob ihr Kind die Drossel entfernt hat oder nicht? Wir müssen solche Konflikte nicht provozieren, und wir müssen unsere Jugendlichen nicht kriminalisieren. Hält man mit dem komplizierten Zugangsprozedere die Jugend nicht bewusst vom Zweirad fern? Wir müssen Boni einräumen, damit das Leichtkraftrad nicht durch eine übermäßige bürokratische Belastung unattraktiv wird. Wir wissen, dass alle, die Leichtkraftrad gefahren sind, später Riesenvorteile haben. Diesen Bonus könnte man weiter nutzen. Wenn jemand mal die theo-retische Prüfung bestanden hat, könnte zum Beispiel eine komplette theoretische Wiederholungsprüfung entfallen. Für den Aufstieg reichten eine gezielte praktische Ausbildung und klassenspezifische Fragen bei der Prüfung. Wir sollten außerdem einmal darüber nachdenken, ob die Autobahnausbildung sein muss. Damit würde der Führerscheinerwerb billiger, und es muss dort nicht unbedingt geschult werden, weil Leichtkraftradfahrer später in der Regel die Autobahnen von selbst meiden.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote