China-Motorrad aus dem Internet (Archivversion) Pfad Reloaded

Was bisher geschah: Über einen Strohmann kaufte MOTORRAD bei Ebay für schlappe 511 Euro eine funkel-
nagelneue 125er-Enduro, made in China, mit dem schönen Namen Shineray, frei übersetzt leuchtender Pfad (siehe MOTORRAD 6/2007). Jetzt steht sie in einer Kiste verpackt in der Werkstatt, deren Ausmaße nicht unbedingt auf ein Motorrad als In-
halt schließen lassen. Nach Entfernen des
Kartons erblickt das neugierige Auge zuerst eine stählerne Transportpalette, die definitiv nicht geeignet ist, Vertrauen in die Künste des chinesischen Metall verarbeitenden Gewerbes auch nur im Ansatz herzustellen. Doch das, was sich hinter Unmengen von Luftpolsterfolie abzeichnet, sieht auf den ersten Blick so übel nicht aus. Für den Preis einer Inspektion haben wir tatsächlich eine kleine 125er mit luftgekühltem Viertaktmotor mit Kick- und E-Starter bekommen, der stark an einen Honda-
Single erinnert. Von einem Vergaser mit Brennstoff versorgt, soll er bei 9000/min 11,2 PS an das Getriebe liefern. Mit fünf Gängen besitzt es sogar einen mehr als angekündigt, wie sich später noch zeigen wird. Beim ersten Probelauf sprang der Einzylinder sofort an, erfreute durch sehr ruhigen mechanischen Lauf und ein zumindest im Leerlauf ausgesprochen leises Auspuffgeräusch. Daneben gibt es Haupt- und Seitenständer sowie einen Drehzahlmesser.
Freunde erlesener Verarbeitung sollten der Shineray fernbleiben, denn bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass auch in China Qualität Geld kostet. Die Plastikteile sind samt und sonders unterste Kategorie, ihre gute Passform ist letztlich das Resultat nicht vorhandener Stabilität. Die Sitzbank ist steinhart und trotzdem schon durchgesessen, und beim Kabelstrang verhindert lediglich der massive Einsatz von Kabelbindern größeres Ungemach. Auch die Rücklichtlampe kann mangels Passform nur durch präventiven Einsatz von Klebeband zum Verbleib an dem ihr zugedachten Platz bewegt werden. Die Lager
der Federbeinanlenkung sind durchweg fett-, jedoch keineswegs spielfrei.
Durch Langlöcher in der Schwinge wird die Hinterachse geführt. Das muss so sein, Stichwort Kette spannen. Warum die Langlöcher allerdings für 20er-Achsen gemacht sind, wenn diese nur zwölf Millimeter Durchmesser hat, weiß nur Konfuzius. Als gröbster Fauxpas bislang erwies sich die Passhülse am Vorderrad, die den Tachoantrieb fixiert: Durch einen falsch bemessenen Bund wurde der Antrieb gequetscht. So ließ sich das Vorderrad bei angezogener Achse nicht mehr drehen. Nach einem kleinen Eingriff mit der Drehmaschine war das Problem gelöst. Erkenntnis Nummer zwei: Eine wohlbestückte Werkstatt hilft beim Umgang mit dem China-Krad.
Mit nichts als einem mit erhabenen Großbuchstaben als Certificate of Conformity ausgewiesenen, beidseitig mit wich-
tigen Zahlen, Werten und Daten bedrucktem Papier sowie einer Zollerklärung und der Versicherungsdoppelkarte in der Hand wird bangen Mutes der Gang zur Zulassungsstelle angetreten. Schließlich leben wir im Zeitalter von Euro 3, während unser leuchtender Pfad auch zu Ho Chi Minhs Zeiten im Straßenbild nicht weiter aufgefallen wäre. Aber die Dame hinterm Tresen des Schalters für Sonderfälle überfliegt
die Papiere nur kurz, will lediglich wissen, ob es sich um ein Motorrad oder ein
Quad handelt, und nach wenigen Minuten schmückt das zierliche Heck ein regulä-
res schwarzes Kennzeichen. Wie sich die Shineray im Alltag schlägt, lesen Sie im dritten Teil von »Billich? Willich!«, voraussichtlich im nächsten MOTORRAD. sg

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