China-Motorrad aus dem Internet (Archivversion) Der leuchtende Pfad

So lässt sich der Begriff Shineray frei übersetzen. Und so heißt der jüngste Neuzugang im Redaktionsfuhrpark aus dem Hause Chongquing. Wie es zu der Auswahl dieses exotischen Modells kam, bedarf freilich einer Erklärung. Leider geht es uns Bikern wie den meisten Menschen hierzulande: Das Gehalt steigt nicht in gleichem Maß wie die Preise. Auch Motorräder – ob aus Europa, den USA oder Japan – sind in den letzten Jahren ziemlich teuer geworden. Da könnte man sich ja mal nach Alternativen umsehen. Etwa Gebrauchte – oder aber Billig-Motorräder, die im Internet zu Spottpreisen angeboten werden. Zugegeben, (noch) keine dicken Maschinen, doch immerhin 125er mit Homologationspapieren. Also vielleicht genau das Richtige für den Einstieg oder als Geburtstagsgeschenk für den 16-jährigen Nachwuchs. Ob so eine preisgünstige Maschine wirklich etwas taugt, wollte sich MOTORRAD einmal genauer ansehen. Und dabei fiel die Wahl auf die bei Ebay angebotene Shineray.
Ihr Motor ist angeblich ein lizensierter Nachbau eines Honda-Aggregats. 999 Euro Startpreis sind für eine ausgewachsene, straßenzulassungsfähige 125er-Enduro mit Viertaktmotor ein Wort, eine vergleichbare Maschine aus Japan kostet ungefähr das Dreifache. Zunächst hat man allerdings einige Fragen, denn die Angaben auf der Ebay-Seite sind recht dürftig. Daher nahm die Redaktion – natürlich inkognito mittels eines Strohmanns – per E-Mail Kontakt zum Anbieter auf. Dieser sitzt im Hamburg und beglückt die Bevölkerung nebst diversen motorisierten Einspurfahrzeugen mit Tiffany-Lampen und äußerst geschmackvollen Bronzefiguren. Alles selbstverständlich made in China. Leider traf die Antwort auf die Anfrage unseres Vermittlers erst nach – übrigens gebotslosem – Ablauf der Auktion ein, so dass die Geschichte schon beendet schien, noch bevor sie überhaupt angefangen hatte.
Doch wenige Tage später erschien dasselbe Modell wieder im Portfolio des Händlers, diesmal zum schnäppchenverdächtigem Startpreis von einem Euro. Das Auktionsende fiel auf einen Sonntagabend mitten in den Tatort »Highnoon«. Ausgerechnet! Als altem Ebay-Fuchs war dem Strohmann klar, dass bei Versteigerungen lediglich die letzten Minuten von Interesse sind, und so wählte er sich kurz vor Ende ins Netz ein, um sein Gebot abzugeben. Leider über ein nicht mehr ganz zeitgemäßes Modem, was für den erfolgreichen Kaufabschluss in letzter Sekunde erfahrungsgemäß keine gute Basis ist. DSL-User sind schneller und deshalb im Vorteil. Also rechtzeitig noch ein paar Scheine nachgelegt, abgeschickt und warten – tatsächlich, 23 Sekunden vor Auktionsende sind wir die Meistbietenden. Die spätere Analyse der Gebote ergab, dass es – wie üblich – Sekunden vor Ablauf noch einen Konterversuch eines anderen Interessenten gegeben hat.
Der Zuschlag erfolgte bei 511 Euro,
somit fast die Hälfte des bei der ersten
Auktion angesetzten Preises gespart. Zeitnahes Beantworten der Kundenkorrespondenz hätte dem Verkäufer folglich bares Geld gebracht. Das weitere Prozedere lief in geordneten Bahnen ab: Wenige Tage nach Auktionsende lieferte eine Spedition eine für den erwarteten Inhalt recht kleine Kiste bei unserem Strohmann ab. Was darin steckte? Das steht in der nächsten Folge von »Billich? Will ich!« sg

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote

Alle Artikel