Colaninno übernimmt Alitalia Was wird aus Piaggio?

Die Meldung riss Italien aus dem alljährlichen Sommerschlaf: Eine Gruppe von 16 italienischen Unternehmern unter Führung von Piaggio-Boss Roberto Colaninno will die marode nationale Fluglinie Alitalia übernehmen. Stellt sich die Frage: Wer kümmert sich dann um Piaggio? Denn Colaninno ist als Präsident der neuen Fluggesellschaft "Nuova Campagnia Italiana" vorgesehen; ein Teilzeitjob als Präsident von Piaggio ist da nur schwer vorstellbar. Doch noch ist es zu früh für Entscheidungen über die künftige Führung von Europas größtem Zweirad-Konzern, denn der Deal mit Alitalia ist noch nicht unter Dach und Fach. Die Diskussion in Italien über den Neustart der Luftlinie wird täglich heftiger, denn die 16 Unternehmer wollen sich nur die Filetstücke herauspicken, also jene Teile von Alitalia, die Gewinne versprechen, und sie in die neu gegründete "Nuova Campagnia Italiana" einbringen. Die bisherigen Schulden (über eine Milliarde Euro) sowie die 5000 bis 7000 Angestellten, die entlassen werden sollen, verbleiben hingegen in einer so genannten "Bad Company" unter Staatshoheit. Was natürlich bedeutet, dass die italienischen Steuerzahler das Geld dafür aufbringen müssen – und das sorgt derzeit für eine aufgebrachte Stimmung im Land. "Die Schulden verstaatlichen und die Gewinne privatisieren – das kann doch jeder" spottete zum Beispiel Pier Ferdinando Casini von der Zentrumspartei UCD und sprach damit vielen Italienern aus dem Herzen. Die italienischen Gewerkschaften müssen dem Vorhaben noch zustimmen, ebenso muss die Europäische Union den geplanten Relaunch noch absegnen, und da die italienische Regierung unter Ministerpräsident Silvio Berlusconi dafür die Marktwirtschaft außer Kraft setzte, das Kartellgesetz speziell abänderte und die Übernahme durch ausländische Luftgesellschaften wie Air France schlicht verhinderte, ist auch in dieser Hinsicht das letzte Wort noch nicht gesprochen.
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Foto: Piaggio
Sollte jedoch alles glatt gehen, wird sich Colaninno auf jeden Fall für Alitalia und gegen Piaggio entscheiden, denn der 65-jährige Milliardär aus Mantua spekuliert schon seit langem auf den richtig großen Deal. Auf Piaggio verfiel er im Jahr 2002 nur, weil sein Übernahmeversuch der damals schwer angeschlagenen Fiat-Gruppe gescheitert war, und ganz offensichtlich befand er den Zweirad-Konzern immer für etwas unter seiner Würde: In seinen Anfangszeiten bei Piaggio weigerte er sich sogar, sich mit den Produkten des Hauses, also Rollern, fotografieren zu lassen. Im Lauf seiner Amtszeit baute er vor allem das Auslandsgeschäft aus, errichtete Fabriken in Indien, China und Vietnam und verlegte einen Teil der Produktion dorthin. Derzeit läuft das Geschäft aber leicht gebremst: Im ersten Halbjahr 2008 setzte Piaggio rund 900 Millionen Euro um (sieben Prozent weniger als im Vorjahr), der Reingewinn belief sich auf 47,3 Millionen (-8,2 Prozent gegenüber Vorjahr), die Rendite sank von 11 auf 9,1 Prozent und die Produktion ging von 395 800 auf 372 700 Fahrzeuge zurück. Die letzte wichtige Entscheidung Colaninnos für den Konzern betraf Moto Guzzi: Die Marke befindet sich zwar bereits seit Ende 2004 im Besitz von Piaggio, verfügte aber bislang über ein eigenes Budget, eine eigene Verwaltung, einen eigenen Präsidenten und einen eigenen Geschäftsführer. Nun geht Moto Guzzi komplett im Piaggio-Konzern auf und firmiert nur noch als Untermarke, genau wie Aprilia, Derbi, Gilera und Vespa.

Funktioniert im Hinblick auf Alitalia alles so, wie von der italienischen Regierung und den Unternehmern geplant, so wird die Motorradbranche dort außer auf Colaninno auf einen weiteren alten Bekannten treffen: Als Vorstandschef der neuen Fluglinie ist nämlich Rocco Sabelli vorgesehen, der die gleiche Rolle auch schon im Piaggio-Konzern bekleidet hatte, ehe er aus persönlichen Gründen ausschied. Möglicher Nachfolger als Piaggio-Boss hingegen könnte Colaninnos Sohn Matteo, 38, werden, der bereits als Vizepräsidenten fungiert. Allerdings widmet sich Colaninno junior in jüngster Zeit eher der Politik: Er sitzt als Abgeordneter der Oppositions-Partei PD im italienischen Parlament und ist im Schattenkabinett von Walter Veltroni für Wirtschaftsfragen zuständig.
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