Comics: Motorrad-Comics in Frankreich (Archivversion)

Er lebt zusammen mit einem Pferd, zwei Hunden, einer Katze, einem Schwein und seiner BMW in der Bretagne, ist überzeugter Öko und politisch gern unkorrekt.

Selten kommt es vor, dass französische Comicer sich an teutonischen Vorbildern orientieren. Nicolaz macht’s, mag Manfred Deix, der Variationen menschlicher Hässlichkeit und Abart sarkastisch illustriert. Und Sebastian Krüger, der, Fotorealistisches übersteigernd, zu einem ironischen und wesentlichen Bild der Welt findet.
So lässt sich die Szene mit Schwester Vibrator und den nicht mehr ganz un-
versehrten Afrikanern oberflächlich als skurrile, geschmacklose Farce betrachten. Tatsächlich treten aber gerade durch
diese Skurrilität und Geschmacklosigkeit die Bigotterie, die Selbstzufriedenheit nicht nur der Kirche in den Blick.
Denn zur karitativen Tat eilt Soeur Vibro auf Velo Solex, Ikone französischer Lebensart und französischen Kulturguts. Dass es dabei letztlich nicht um die Verbreitung von Kultur, sondern von Waren aller Art geht, zeigt sich hintergründig, beim Waffen-
geschäft. Womit in einer Zeichnung die Rolle, die Frankreich in seinen ehemaligen Kolonien spielen möchte, und seine tatsächliche Stellung dortselbst abgewatscht wird – Schwester Vibro singt zwar das
Hohelied auf Solex, würde freilich lieber Yamaha fahren (siehe rechte Seite).
Derart betrachtet erweist sich das
motorisierte Zweirad in dieser wie in den meisten Arbeiten von Nikolaz nicht als
bloßer Zierrat. Es dient als Schlüssel
zur Interpretation der eigentlichen und oft nicht wirklich lustigen Bedeutung. Dazu passt, dass der studierte Kinderbuchillustrator Nikolaz, 45, kein Auto besitzt, nur Motorrad, BMW R 1150 GS, fährt. Wenn
er nicht gerade zu Pferde unterwegs ist. Zur nächsten Kneipe etwa.
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Denis Sire (Archivversion)

Er kleidet und gibt sich so, als könne oder wolle er in seinen Comics selbst eine Rolle spielen. Was dazu gar nicht passt: Sire fährt BMW K 100.
Männer, Mädchen und Maschinen: Sire hinterfragt nicht, Sire nimmt die Oberfläche ernst. Und er zeichnet sie so, dass auch der Betrachter nicht ins Grübeln kommen muss. Die Mädchen sind gut, vielleicht zu gut gebaut, stöckeln als
Pin-up-Puppen durch Sires Szenerien aus
den 50er und 60er Jahren. Als die Welt noch in Ordnung war, Frauen noch nicht an Emanzipation dachten, Motorräder noch wie echte Motorräder aussahen. Die Sire, im Unterschied zu den in seinem Sinne idealisierten Puppen, denn auch realistisch wiedergibt. Was er durch historische Beigaben – der Verweis auf die Konstrukteure und Fahrer der Triumph-Zigarre (unten) – zu unterfüttern sucht. Dadurch wiederum verpasst er seinem verzerrten Frauenbild einen pseudorealistischen Touch. Und erotisiert im Gegenzug die Technik. Sire, Jahrgang 1953, fabriziert Märchen für Männer.

Pti Luc (Archivversion)

Eigentlich heißt er Luc Lefèbvre, und
seine Tochter hält ihn für völlig verrückt.
Tochter Graziella hält den Alten deshalb für verrückt, weil sie stets zu ihm aufs
Motorrad steigen musste, gab es doch
keine Familienkutsche, nur Zweiräder von Triumph und BMW. Es sind zum großen Teil die eigenen Erlebnisse, die Luc in
seinen Motorrad-Bänden schildert. Nicht ganz frei von Ironie, Selbstironie. Das trifft auch auf seine Geschichten vom edlen
Ritter Gilles de Chin zu, einer tragischen Figur, in die er eigene Charakterzüge ein-arbeitet und deren Schild deshalb das BMW-Logo ziert. Weniger der klassische Strich des Zeichners bestimmt die Ästhetik seiner Strips, es ist vielmehr die Farbe,
die Luc dicht und düster aufbringt. In
seinen Motorrad-Comics geht er sogar so weit, die Textebene so strikt vom Bild zu
trennen, dass er auf Sprechblasen völlig
verzichtet, den einzelnen Comic-Frame zum Tableau adelt.

Sauvadet (Archivversion)

Er zeichnet, was eine Frau ihm vorgibt, die Story einer Motorrad fahrenden Frau.
Was denken die Frauen auf einem
Motorrad, was empfinden sie, was sagen sie? Darüber will Sebastian Sauvadet, Sunnyboy aus Marseille, gar nicht erst spekulieren. Er lässt es sich lieber von der Texterin Catherine Devillard in die Blasen schreiben. Und von Catherine schließt
es sich leicht auf Cathie, in Sauvadets »Moto-Raleuses«-Bänden (»Zornige Motorräder«) die von Sauvadet eindeutig mangaloid gezeichnete Hauptperson.
Der Manga, die japanische Comic-Kultur mit ihrem Hang zur Reduzierung, Stereotypisierung, Erotisierung, aber auch Verniedlichung, kurbelt zurzeit auf dem französischen Markt (wie auf dem deutschen) die Umsätze an. Was Cathie ankurbelt, ist der Wunsch, nicht länger bei irgendwelchen irren Typen hintendrauf zu hängen, sondern selbst zu
bestimmen, wo’s langgeht, selbst einen Supersportler zu fahren.

Margerin (Archivversion)

Er ist in Frankreich so bekannt wie in Deutschland Holger Aue und Brösel zusammen. Seit 1979 brummt Lucien durch Margerins Comics.
Lucien ist alles andere als ein Held. Knollennasig und nicht nur auf der Straße nicht der Flotteste, hat er gleichwohl schon alles bewegt. Mofa, Zweitakt-Emme, alte Engländer, Yamaha XT 500, Harley-Chopper, BMW, Honda, Italo-Sportler. Und kam mit nix von alledem
so wirklich zurecht. Die MZ nebelte die Mademoiselles ein, die er gern abgeschleppt hätte. Die Engländer hat er mehr geschoben als gefahren. Mit der XT ist er vollbepackt in Paris umgekippt et cetera. So landet Lucien, dessen Bikerbiographie das Zentrum darstellt, um das Margerins Werk kreist, als Greis schließlich im Rollstuhl. Mit dem er – endlich – Wheelies zu fabrizieren im Stande ist. Trotz all dieser Unpässlichkeiten gleitet Margerin nicht ins plump Parodistische ab, aus der Darstellung spricht stets die Sympathie des Zeichners für seinen Antihelden.
Margerin, geboren 1952, kultiviert
einen Stil der Comic-Tradition namens Ligne-Claire (klare Linie), bekannt vor
allem durch die vom belgischen Künstler Hergé ersonnenen Abenteuer von Tim und Struppi.

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