Das etwas andere Motorrad-Museum (Archivversion) Ron hat sie noch alle

Mitten in Arizona liegt das Kaff Rye: 80 Einwohner, 10000 Motorräder. Denn in Rye unterhält der sammelwütige Ron eine skurrile Mischung aus Teilehandel, Schrottplatz, Motorrad-Museum, das »All Bikes«. Der Name ist Programm: Ron hat sie alle.

Jeden Morgen kratze ich mich am Kopf und denke: Na, womit spiele ich denn
heute?” Ron Adler wirft die Bemerkung ein, als wir so über das Leben und andere Zerstreuungen sprechen. Ein paar Stunden zuvor hat er einen spannenden Deal gemacht. Ein Typ war zu ihm gekommen und meinte, er gäbe ihm einen 1957er-Porsche Roadster im Tausch gegen eine der beiden rostigen DKW auf Rons Hof. Gut, die DKW war eine Hummel von 1963, und wer was davon versteht, weiß, dass es sich um eine Rarität handelt. Und der Porsche machte, zugegeben, einen eher traurigen Eindruck. Aber immerhin nennt Ron weiterhin die bessere der beiden Hummel sein Eigen, und dazu hat er nun den Porsche, der ihm bis dato noch fehlte.
Anfangs kam das gar nicht so rüber, mit der Zeit indes bekommt man das Gefühl, dass es Ron schwer fällt, sich von Gesammeltem zu trennen. Weil alle Stücke ihm am Herzen liegen, auch wenn die meisten dastehen wie im ewigen Winterschlaf. Doch man muss ihn nur fragen, und er weiß auf Anhieb, wo alles zu finden ist, weiß genau, dass der Rahmen der 1969er-BMW R 50 in der fünften Reihe noch über ein perfektes Lenkungsdämpfer-Einstellrad aus geschmiedetem Alu samt originaler Kontermutter verfügt. Gefragt nach einer Auspuffanlage für eine Norton Commando, zeigt er irgendwo hinter die Reihe mit lauter Yamahas. Ganz genau dort findet sich der Auspuff:
original, vollständig, makelloser Chrom.
Hinter dem Zaun seines Geländes hat Ron ein Schild aufgestellt: »Alle Motorräder – Antiquitätenmuseum«. Wenn jemand zu ihm kommt und fragt, wo denn nun das
Museum sei, sagt er: »Mann, du stehst doch mittendrin.« Letztlich hat Ron mit den Motorrädern, so sehr ihn das schmerzen mag, seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Er verschifft in alle Welt, meistens Hondas oder die anderen japanischen Fabrikate. Handelt mit Teilen, repariert, was an einem Motorrad nur repariert werden könnte, hält Augen und Ohren offen für interessante Geschäfte.
Ein paar Beispiele: Er hat das Inventar von 22 Motorradläden aufgekauft und in den 70er Jahren mal ein Trike gebaut für die Fernsehserie »The Munsters«. Mit dem fuhr dann der Opa der Munsters in zwei Episoden durch die Gegend. Heute steht es rostig und von der Sonne ausgebleicht zwischen all den übrigen Vehikeln im Zentrum einer schier unüberschaubaren Masse aus Motorrädern. Eine 125er, die in der Honda-Reihe vor sich hindöst, am Lenker ein Schild »nicht zum Verkauf«, gehörte dem Schauspieler Dick van Dyke, und von Rons Hof stammen die Mühlen, die die Jungs im Film »Forrest Gump« fuhren. Vor ein paar Jahren bestand seine Bezahlung für eine 550er-Honda und eine olle Gold Wing in zweieinhalb Morgen Bergland in Arizona.
Seit Ron sich mit seinen Schätzen in dem Kaff Rye knapp 20 Kilometer südlich von Payson/Arizona direkt am Highway 87 niedergelassen hat, macht die Landschafts- und Planungsbehörde Zicken. Vorher gab es dort nichts als Gebüsch, dann tat man so, als hätte sich das Gebiet über Nacht in einen Schandfleck verwandelt. Vier Mal seit 1988 wollten sie Ron ans Schlawittchen, zuletzt 2001. Da bekam
er einen Brief, man brumme ihm 20000 Dollar Strafe und zwei Jahre Knast auf, wenn nicht zumindest die Autos in einer Frist von 30 Tagen verschwunden wären. »Aber alles ist noch da, und ich bin noch da. Wenn sie so was das nächste Mal versuchen, verklage ich sie wegen Schikane und Belästigung, und das wissen
sie. Ich schätze, sie haben es aufgegeben, weil sie noch keinen Erfolg hatten.«
Ron zählt darauf, mittlerweile ein Alteingesessener zu sein, dies ist sein Königreich. »Ich kam von Tacoma/Washington hierher, vor 16 Jahren, mit neun Auf-
liegern voller Motorräder im Schlepptau.«
Hier ist er, und hier bleibt er, da gibt es für Ron kein Vertun. Nicht ganz sicher ist er sich hingegen, was die Zahl seiner Motorräder anbelangt. Er weiß nur ganz genau, wie viele es vor sechs Jahren waren. 2000 nämlich standen die Cops wegen einer nicht angekündigten Durchsuchung auf dem Plan. »Sie waren hinter gestohlenen Motorrädern her und trugen kugelsichere Westen, als sie das erste Mal auftauchten. Zu dritt haben sie 30 Tage gebraucht, um das komplette Gelände zu durchforsten«, kichert Ron. Sie untersuchten jeden einzelnen Rahmen, notierten Nummern, verglichen sie mit ihren Unterlagen. Die einzigen als gestohlen gemeldeten Mühlen allerdings kamen von der Polizei selbst, die sie nach einer Weile auf Rons Hof entsorgt hatte. »Insgesamt zählten sie 8500 Motorräder«, erinnert sich Ron und fügt hinzu: »Aber natürlich habe ich seitdem fleißig weiter gesammelt.«
Auf den ersten Blick wirkt das Ganze wie das totale Chaos. An der Südseite stapeln sich Autos, die Nord-West-Ecke ist ein Wirrwarr von Motorrädern. Im Nordosten liegen hauptsächlich Räder und Reifen rum, während am Ostende, hinter
einem Holzgebäude, alte Busse, Autos, Motorräder, Wohnmobile und Motoren
ein buntes Durcheinander bilden. Zeugs, das nur Beachtung findet, wenn jemand
speziell danach sucht. Und Zeugs, zwischen dem sich ein alter Kühlschrank ebenso versteckt wie ein münzbetriebener Helikopter für Kinder, so ein Ding, wie es
vor Supermärkten steht, ein angejahrtes Hochrad, ein riesiger Eimer voller rostiger Zündkerzen. Zwischen dieses Ensemble und die Autos am Südende quetscht
sich eine kleine Werkstatt, von der ein schmaler Pfad zu einem Unterstand führt, wo Ron die besten Überbleibsel seiner ersten Liebe hortet, zu Hunderten an den Dachsparren aufgehängt: Fahrräder. Auch solche von Kawasaki, Yamaha, BSA,
Indian und Triumph. Mit 16 dann hatte er sich sein erstes Motorrad zusammengespart, eine Harley. Unzählige folgten, darunter eine Adler von 1954, die er restaurierte, sein momentaner Favorit.
Sein liebster Platz, der Platz, von dem aus er sein Reich überblickt, zurück-
gelehnt an langen, heißen Tagen, ist nicht mehr als ein schmuckloser Stuhl auf
der Veranda des Hauses, wo Ron mit seiner Freundin Cori lebt. Das Haus ist
beispiellos vollgestopft, doch nicht ungemütlich, nicht unschön. Im Gegenteil, es
ähnelt ein bisschen dem ganzen Gelände: Egal, wo der Blick hinfällt, es gibt immer was zu gucken. Teilweise liegt der Kram so abenteuerlich gestapelt, dass man meint, seinen Atem kontrollieren zu müssen, um nicht eine Lawine auszulösen. Der Lokus zum Beispiel nimmt sich aus wie eine Galerie historischer Harley-Davidson-Fotografien. Und Rons Lieblingssessel im Haus ist, obwohl er gleich hinterm
Kaffeetisch steht, auf direktem Weg nicht zu erreichen. Zu viel Motorradgerümpel liegt davor ausgebreitet. Er habe schon Jahre nicht mehr darin gesessen, bemerkt er, als er sich seinen Weg durch den Berg von Krempel bahnt, um sich fürs Foto auf den Sessel zu fläzen. »Seine Spielsachen«, seufzt Cori, »werden uns irgendwann noch hier heraustreiben.“

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