Das Mondial-Projekt

Ganz schön schräg

Ein Supersportler mit ausgefallener Technik für runde 57000 Mark: Die Marke Mondial startet in ihr zweites Leben. Mit der Piega – zu deutsch Schräglage, angetrieben vom V2 der Honda VTR 1000 SP-1.

Roberto Ziletti hat gut lachen: »Honda fühlt sich der Marke Mondial eben verbunden.« Und darum kam Mon-
dial als einziger Motorradhersteller in
den Genuss von Honda-Triebwerken. Die Historie erklärt das. 1956 hatte Soichiro Honda den damaligen Mondial-Besitzer Graf Boselli um eines seiner superschnellen 125er-GP-Motorräder gebeten. Mondial gehörte in den 50er Jahren zu den Top-Teams im GP-Zirkus und hatte bereits sechs von insgesamt zehn Weltmeistertiteln geholt. Die Japaner hingegen steckten noch in der Lehrlings-Phase. Großzügig schenkte Boselli Honda einen seiner Renner, der bis ins Kleinste
analysiert wurde. Die 125er steht heute im Honda-Museum in Motegi, versehen mit einer Danksagung an Mondial.
Im März liefert Honda nun der wieder erstandenen Firma Mondial die ersten SP-1-Motoren und gab sogar den Segen für Modifikationen an der Einspritzung. Das Mondial-eigene Alpha-System misst mittels Sensor die Schräglage des Motorrads und ändert entsprechend das Zündkennfeld des Motors. Die Leistungsabgabe in extremen Schräglagen soll so sanfter erfolgen. »Dadurch kann der Fahrer das Gas früher wieder aufmachen«, erklärt Mondial-Ingenieur Nicola Bragagnolo. »Und das bringt im Rennen wertvolle Zeit.« Schließlich wurde die Mondial in erster
Linie für die Rennstrecke entwickelt. Den Mondial-Boss zieht es selbst dorthin, bislang mit einer GP-Honda TSR 250. Der Startschuss für den Piega-Einsatz in der Superbike-WM fällt noch dieses Jahr.
Im späten Frühjahr soll bereits die Auslieferung der Serienversion der Piega beginnen. Die hat seit der Vorstellung auf
der Münchner Messe Intermot ihre Form ein wenig verschmälert und präsentiert sich nun im Karbon-Kleid, das in Silber mit blauen Streifen lackiert wird. Außer dem Motor entwickelte Mondial alles selbst, immer mit scharfem Blick auf die Eignung für die Rennstrecke. Etwa die Upside-down-Gabel mit 45er-Gleitrohren und Schnellverschlüssen für den fixen Radwechsel, ohne dass die mächtige, ebenfalls selbst entwickelte Bremse mit den 310er-Scheiben und Ergal-Zangen ausgebaut werden muss. Oder das Federbein mit separaten Einstellmöglichkeiten für Zug- und Druckstufendämpfung im High- und Low-Speed-Bereich. Sogar die Räder, die derzeit noch von Marchesini stammen, sollen ein eigenes Design bekommen.
Über ganz Norditalien verstreut arbeiten 15 Leute an der Piega, die in nur gut einem Jahr entwickelt wurde. Ex-Aprilia-Ingenieur Bragagnolo werkelt in Padua, der Stahl-Gitterrohrrahmen wurde in Parma konstruiert, montiert wird das Supersport-Motorrad demnächst in Monza. Und wo ist der Firmensitz? »Hier in Manerbio«, sagt Geschäftsführer Fabio Brioschi, 37. Weil in Manerbio die Firma Lastra von Mondial-Eigner Ziletti steht, die Platten
für den Offset-Druck herstellt. Vom Vater gegründet, macht Lastra pro Jahr rund 350 Millionen Mark Umsatz, hat 600 Angestellte und drei Werke in Italien sowie eines in Indien. Rund 18 Millionen investierte Ziletti bislang in das Motorrad-Projekt. Verkauf, Direktion und Marketing von Mondial sitzen in der Lastra-Verwaltung, in einer kleinen Werkstatt im Fabrikgebäude feilt Designer Sandro Mor an der Optik der Piega. In Kürze kann er in eine große Halle in der Nähe umziehen, in
der Entwicklung und Design zusammengefasst werden und der Superbike-Rennstall untergebracht wird.
15 Millionen Mark Umsatz im ersten Jahr streben die Geschäftsleute an. »Projekte für die Zukunft haben wir genug, im Herbst in Mailand stellen wir die Naked-Version der Piega vor«, erklärt Brioschi. 2002 soll dann ein weiteres Modell folgen, ob Tourer oder Enduro, wollen weder Brioschi noch Ziletti verraten. Dass ihr Vorhaben in der Motorrad-Branche derzeit als Spielerei abgetan wird, ficht die beiden nicht an. »Das ist ein Ansporn für mich«, sagt Ziletti. Und sein Geschäfts-
führer ergänzt: »Natürlich gibt es viel
Konkurrenz. Aber wo bekommt man schon ein Motorrad, das sich so, wie
es ist, für die Rennstrecke eignet? An der Piega zieht man schlicht andere Reifen auf, und ab geht’s.“
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Reportage und Interview

Mondial-Präsident Roberto Ziletti ist finanz-
kräftig und willens, die alte Marke zu beleben.
Wie wird man vom Unternehmer aus der Druckin-dustrie zum Motorradhersteller? Ich kannte den Ingenieur Nicola Bragagnolo, der viele gute Ideen für ein Motorradprojekt hatte. Motorradbegeistert war ich immer schon, und dann ergab sich über einen Kontakt zur Familie Boselli die Gelegenheit, den Markennamen Mondial zu kaufen. Welche Kunden wünschen Sie sich für die Piega? Motorradfahrer, denen das Gleiche gefällt wie mir: die Rennstrecke. Dafür haben wir die Piega entwickelt, bis ins kleinste Detail. Wie bringen Sie das Motorrad an den Kunden? In Italien läuft das über eine Bank, das schafft beim Kunden Vertrauen, uns kennt ja noch keiner. Im Ausland gehen wir übers Internet. Wir werden überallin Europa auf Sportler spezialisierte Händler haben. Wie viele Motorräder wollen Sie bauen? Von der Piega nicht mehr als 250 pro Jahr, auch wenn die Nachfrage größer sein sollte. Warum haben Sie Teile wie Bremsen, Gabel oder Federbein nicht bei einem guten Zulieferer gekauft, sondern selbst entwickelt? Der Conte Boselli würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüsste, dass wir keinen eigenen Motor haben. Da müssen wenigstens alle andere Komponenten von Mondial selbst stammen. Warum wollen Sie sofort in dieSuperbike-WM? Das gehört bei einem supersportlichen Motorrad einfach dazu. Wir fahren dieses Jahr die letzten dreiRennen mit. Zwei namhafte Testfahrer haben wir schon, und zwar den kroa-tischen Superbiker Radman und denitalienischen Ex-Crosser Walter Barto-lini. Außerdem stehen wir in Kontakt miteinem berühmten Piloten, aber es ist noch zu früh, darüber zu sprechen.

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