Das Radhaus (Archivversion)

Um Räder dreht sich bei Cannondale alles, bis vor einigen Jahren allerdings nur um Fahrräder. Was treibt einen weltweit erfolgreichen Fahrradhersteller dazu, Motorräder zu bauen? Ganz nüchterne wirtschaftliche Erwägungen. Das Ende des Mountainbike-Booms kündigte sich bereits Anfang der neunziger Jahre an. Als Aktiengesellschaft, die dem Wachstum verpflichtet ist, musste Cannondale sich zwangsläufig nach neuen Betätigungsfeldern umschauen. Zwei Stärken hatten die Verantwortlichen, allen voran Firmenboss Joe Montgomery, focussiert: die Verarbeitung hochwertiger Materialien, etwa Aluminium-Legierungen, und die Erfahrung im Umgang mit Federungs-/Dämpfungselementen, denn Cannondale war Pionier bei vollgefederten Mountainbikes. Diese Felder sollten die Grundlage des Motorradprojekts bilden, weitere Komponenten für einen konkurrenzfähigen Viertakt-Crosser wie der Motor zugekauft werden. Aber schon nach wenigen Testfahrten zerschlugen sich Ende 1997 die Hoffnungen, auf den schwedischen Folan-Einzylinder - eine eher konventionelle Weiterentwicklung des Husaberg-Motors mit dohc-Kopf - zurückgreifen zu können. Blieb als einzige Lösung ein eigener Motor. Hastig wurden europäische und amerikanische Spezialisten angeheuert und am Standort Bedford/Pennsylvania ein weiteres Werk gebaut, in dem heute die Produktion des Motorrads und des Quads läuft. Bisher hat Cannondale etwa 500 Motorräder ausgeliefert, rund 300 sollen noch in diesem Jahr dazu kommen. Für 2002 ist eine deutlich höhere Stückzahl geplant.Die Investitionen für das Ptrojekt waren enorm, schon Mitte 2000 waren mehr als 20 Millionen Dollar verschlungen. Cannondale musste praktisch bei Null anfangen. So beschäftigt sich die Entwicklungsabteilung zu einem großen Teil immer noch mit Grundlagenforschung. Die Techniker rüsteten zum Beispiel Rahmen, Anbauteile und Motorgehäuse mit Dehnmessstreifen aus, um den tatsächlichen Belastungen auf der Crossstrecke auf den Grund zu gehen. Mit diesen Werten werden Computer gefüttert, die mit modernsten CAD-Programmen Teile auf Festigkeit berechnen. Die Daten aus Praxisversuchen versorgen auch die Belastungs- und Dauerprüfstände, auf denen etwa Rahmen oder Radaufhängungen getestet werden. Bemerkenswert ist auch der Computer-gesteuerte Motorenprüfstand, denn auf ihm lässt sich zum Beispiel das Last-/Drehzahlkollektiv einer realen Runde auf der Crossstrecke nachfahren. Selbst Zulieferteile wie etwa Kolben eines italienischen Zulieferers werden auf einen speziellen Hydropuls-Prüfstand untersucht. Bis die Amis mit Motorrädern Geld verdienen, wird wohl noch viel Wasser den Mississippi hinunterfließen. Zur Zeit werden etwa 250 Maschinen der ersten Produktionsstaffel zum »Update«, etwa Austausch der Motorgehäuse, ins Werk zurückgerufen, eine teure, aber kundenfreundliche Maßnahme. Ein Glücksfall und sicherlich auch die Rettung für das ganze Projekt war der Erfolg des Quads, die Produktion hat zur Zeit oberste Priorität.

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