Dauertest-Zwischenbilanz Yamaha XT 660 X (Archivversion) Rucki Zucki

In nur sieben Monaten spulte die MOTORRAD-Redaktion 24000 Kilometer auf den Supermoto-Einzylinder. Die neu konzipierte XT 660 X musste sich in ganz Europa bewähren.

Es war letztlich eine Frage des An-
gesagtseins. Da Supermoto derzeit hip ist, entschied sich MOTORRAD für
die X-Variante des neuen Yamaha-Ein-
zylinders. Die Verkaufszahlen belegen den Trend. Zirka 60 Prozent der von April bis November in Deutschland zugelassenen 1405 Exemplare des neuen Yamaha-Ein-
zylinders entfallen auf den Straßen-Drifter.
Pünktlich zum Auslieferungsbeginn am 1. Mai steht die XT 660 X in der Tiefgarage. Und kassiert erste Rügen für harsches
Ruckeln im unteren Teillastbereich sowie verzögerte Gasannahme. Testredakteur Stefan Kaschel notiert bei Kilometerstand 2286: »Sch... Gasannahme, arges Konstantfahrruckeln, Motor müsste dringend eingestellt werden.« Wurde er aber garantiert bei der 1000er-Inspektion. Nun, vielleicht hilft eine Kur.
Tester Christian Vetter schnappt sich die Yamaha und spult 1800 Kilometer auf Elba ab. Der bekennende KTM-Fan klagt über mangelnde Drehfreude und sinniert: »Die 660 X könnte ruhig 30 Kilogramm leichter sein.« Ausgehend von 189 Kilogramm, läge sie gewichtsmäßig dann ungefähr auf dem Stand von 1988, der XT 600, Typ 2KF. Motorentechnisch wäre das jedoch ein herber Rückschlag. Denn das aktuelle, wassergekühlte 660er-Triebwerk ist von seiner Leistungsentfaltung ganz eindeutig druckvoller und benimmt sich viel agiler als der objektiv betrachtet phleg-
matisch hochdrehende, luftgekühlte 600er-Vierventiler von damals.
Das untermauert Action-Team-Tour-
guide Daniel Lengwenus, der die XT über 1600 Kilometer durch die Alpen scheucht. »Toller kleiner Kraftprotz«, notiert er. Verflucht indes im gleichen Atemzug die Abstimmung der 660er: »Habe noch nie ein solches Konstantfahr-Bocken erlebt.« Vor allem in Spitzkehren verdirbt ihm die verzögerte Gasannahme mitsamt Lastwechselreaktionen den Spaß.
Es geht auch anders. Service-Redakteur Thorsten Dentges fährt die Strecke Stuttgart–Hamburg–Stuttgart nonstop und ist als 1,87-Meter-Mann sowohl von Sitzposition als auch Motorleistung angetan. »Mehr kann man am Wochenende auf der Autobahn kaum umsetzen.« Zudem erweist sich der Single als sparsam. Bei Tempi
um die 140 km/h zerstäubt die Einspritz-
düse 4,8 Liter auf hundert Kilometer. Land-
straßenbummelei schlägt mit durchschnittlich 3,5 Liter zu Buche. Kritik fängt sich
dagegen das relativ schlechte Licht aus dem stylischen Scheinwerfer ein. Beson-
ders der Fernlichtkegel streut zu breit und leuchtet die Fahrbahn uneffektiv aus. Dazu kommt, dass die Front bei heftigem Bremsen stark eintaucht und der Scheinwerfer das Licht direkt vors Vorderrad wirft.
Die meisten Kilometer sammelt die Supermoto im Alltagsbetrieb. Auf Wegen zwischen Wohnung und Büro, auf Wochenendtrips und Einkaufstouren. Negativ dabei fallen vor allem die Spiegel auf. Perspektivisch gut, vermiesen Vibrationen ab 4000/min die Sicht. Auch über das Zündschloss sind ab Kilometerstand 6905 vereinzelte Flüche nachzulesen. Es hakelt. Teilweise lässt sich der Schlüssel nicht
einführen, nicht drehen, die Rastung ist
indifferent, oder er geht schlicht und einfach nicht mehr heraus. Ein deftiger Spritzer 10er-Motoröl wirkte hier Wunder.
Dagegen bewirkt das vordere Schutzblech gar nichts. De facto eine Attrappe. Zu kurz, zu schmal. Bei Regen schleudert der Reifen Wasser nach vorn, der Fahrtwind drückt es zurück auf die Schenkel des Piloten. Spritzer anderer Art kommen aus dem Kühlkreis. Silke Röber, eine Kollegin aus dem Verlag und begeisterte Suzuki-
TL 1000-Pilotin, bemerkt Flecken auf ihrer
Lederkombi. Ursache ist eine gebroche-
ne Schlauchschelle. Zum Motorrad meint
sie: tolles Zweitmotorrad. Super handlich,
geniale Sitzposition, ausreichend Qualm. Weniger erfreulich: Die Sitzbank wirft Falten. Was in Verbindung mit einer Lederkombi schmerzt. O-Ton Silke zum Thema Konstantfahrruckeln: »Ich habe gar nicht geglaubt, dass es heutzutage noch möglich ist, so einen Fehler zu konstruieren.«
Abgesehen davon plagen die XT vorerst nur Kleinigkeiten. Bei Tachostand 9154 löst sich das aufgeklebte Tankdekor, rund 6500 Kilometer später kritisiert Test-Ur-
gestein Mini Koch Bremsscheibenrubbeln. Und bei Tachostand 13068 vermeldet
Unterwegs-Ressortleiterin Annette Johann: »Pendelt auf der Autobahn kriminell.« Nachdem die vorderen Bremsbeläge bei Kilometer 20159 gewechselt werden, ist das Rubbeln passé. Das sporadisch auftretende Pendeln bei höheren Geschwindigkeiten allerdings bleibt. Und tritt reifen-
unabhängig auf. Diverse Einflüsse spielen eine Rolle. Fahrergewicht, Sitzposition, Bekleidung, Fahrbahnbeschaffenheit, Gegenwind, Anbauteile, Zuladung, Luftdruck... Fakt ist, dass die auf Handlichkeit getrimmte XT 660 X sensibel auf Veränderungen reagiert und das Pendeln teils tatsächlich beängstigend werden kann. MOTORRAD wird sich auf den kommenden 26000 Kilometern intensiv mit dieser Tatsache beschäftigen und fortlaufend berichten.
Resümierend hat die 660er auf den 24000 Kilometern den meisten Fahrern sehr viel Spaß bereitet. Sie blieb nie liegen, startete sowohl im kalten wie auch heißen Zustand stets spontan auf Knopfdruck und überraschte einen Gasttester mit einem Benzinverbrauch von unter drei Litern auf hundert Alpenkilometern. Außerdem ist
die Maschine relativ günstig im Unterhalt. Inspektionen sind alle 10000 Kilometer vorgeschrieben. Die Erste kostete 173,51 Euro, für die Zweite waren 299,04 Euro fällig, inklusive eines Bremsbelagsatzes vorn für 26,30 Euro. Weniger günstig dagegen ist ein Kettensatzwechsel. Bei der Dauertestmaschine stand er nach 17298 Kilometern an – im Vergleich zum Vierzylinder hackt ein Einzylinder eben doch stärker. Für den Wechsel muss die Schwinge ausgebaut werden. Die Aktion kostet rund 420 Euro inklusive Material.
Dem Konstantfahrruckeln hat sich Ya-
maha bereits angenommen (siehe Interview rechts). Ob es endgültig verschwindet oder sich durch die Änderung die Leistungscharakteristik verändert und der neue Motor die 50000 Kilometer letztlich unbeschadet übersteht, wird MOTORRAD überprüfen. So rucki, zucki wie möglich.

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