Dauertest-Zwischenbilanz Yamaha YZF-R 125 (Archivversion)

Gerne groß

Es ist naturgemäß eher die Aus-nahme, dass eine 125er zum Dauertest-Fuhrpark stößt. Und wenn, dann erst nach einigen Diskussionen. Sollen wir wirklich, ist die Maschine draußen auch angesagt? Und bekommt sie überhaupt genug Kilometer in angemessener Zeit?

Ganz anders bei Yamahas YZF-R 125. Kaum war in der Redaktionsrunde ihr Name gefallen, hagelte es Zustimmung. Und ja, natürlich, 25000 Kilometer müssen auf jeden Fall sein. Die bekommt sie bestimmt locker hin.
Keine Frage, nicht nur draußen auf der Straße hat die kleine Ypse das Standing eines erwachsenen Motorrads. Genau so legte sie sich auch ins Zeug, machte den Vorschusslorbeeren alle Ehre. Von Beginn an voll akzeptiert, wurde sie außer für den Kurzstreckenverkehr auch für längere Touren, ausgedehnte Heimfahrten und Aus-flüge genutzt. Selbst bei der Herbstausfahrt (MOTORRAD 23/2008) mit dem PS-starken Dauertest-Fuhrpark spielte sie keineswegs den Bremsklotz. Ihre komfortablen Feder-elemente, das wendige Fahrwerk, die ordentlichen Bremsen und nicht zuletzt der kräftige und quirlige Einzylinder-Motor bringen ihr jede Menge Sympathie-Punkte ein. So strotzt das Fahrtenbuch vor zufriedenen Einträgen. „So wenig Leistung, so viel Spaß“, „hatte selten so einen Spaß auf der Heimfahrt“ oder „super Fahrwerk, fehlen eigentlich nur noch 5–8 PS“ lauten die Kommentare.
Dabei ist der bei der Yamaha-Tochter Minarelli gebaute 125er-Single alles andere als schwach auf der Brust. 5000 bis 6000 Umdrehungen genügen, um problemlos im Stadtverkehr mitschwimmen zu kön-nen. Darüber geht er bei Vollgas munter ab und dreht locker bis zum roten Bereich, was Tacho 120 entspricht. Mit etwas Gefälle und angelegten Ohren auch weit darüber hinaus, bis bei 135 km/h der Begrenzer in Aktion tritt.
Andererseits lässt sich der Motor auch bei Schritttempo ohne unwürdiges Hacken und Würgen ans Gas nehmen, was vor allem Einsteigern den Umgang mit ihm erleichtert. Ebenso wie das bei Halbzeit immer noch weich und präzise agierende Getriebe oder die leichtgängige Kupplung.
Alles andere als leicht macht es dagegen die stattliche Sitzhöhe von 830 Milli-metern. Wer darob nur mit Zehenspitzen den Boden erreicht, für den bietet Alpha-Technik (www.alphatechnik.de, Telefon 08036/300720) einen Tieferlegungskit an, der den Boden um starke 40 Millimeter näher bringt. Allerdings um den Preis re-duzierter Handlichkeit und stark einge-kürzten Federwegs, der bei jeder größeren Unebenheit schnell aufgebraucht ist, so dass der Gummipuffer am Federbein als Endanschlag in Aktion tritt. Was nicht wirklich komfortabel und daher nur für arg Kurzbeinige eine Empfehlung ist.
Über die erste Hälfte der Testdistanz überzeugte „das Quietscherle“, wie die YZF-R 125 liebevoll genannt wird. Sprang bisher stets auf Knopfdruck an, leistet sich keine unbotmäßigen Vibrationen, konsumierte minimal 2,3, maximal 3,8 Liter auf 100 Kilometer, und war im Schnitt mit 2,8 Liter Sprit zufrieden. Astrein. So leistete sie sich bis auf einen abvibrierten Kerzen-stecker bei Kilometerstand 11672 nicht die kleinste Unpässlichkeit und spulte ihre Kilometer fast schneller ab als die Dauertest-KTM RC8.
Zweimal musste die 125er bislang zur Inspektion in die Werkstatt. Wobei die 6000er-Wartung mit 137 Euro sehr moderat ausfiel. Deutlich kräftiger schlug die zweite zu Buche. Nicht wegen des Kraftstofftanks, der dabei im Zuge einer Rückrufaktion auf Garantie getauscht wurde. Kurz vor dem Inspektionstermin hatte die Kette mit knackenden Geräuschen auf sich aufmerksam gemacht. Diagnose: ein gebrochenes Kettenglied. Der fällige Austausch der Kette nebst Ritzeln markiert mit insgesamt knapp 150 Euro neben neuen Bremsbelägen den größten Posten in der 12000er-Inspektionsrechnung von 478 Euro.
Echte Schwachstellen zeigte die YZF-R 125 also bisher nicht wirklich. Im Alltag fielen nur wenige Details negativ auf. Öl musste nur einmal nachgefüllt werden. Ärgerlich, dass der Einfüllstutzen äußerst ungünstig sitzt und selbst mit Trichter kaum ohne Kleckern erreichbar ist. Und der nicht am Tank fixierte Tankdeckel oder das übersichtliche, aber extrem kärglich ausgestattete Cockpit, das ohne Kühl-mittel-Temperaturanzeige und Zeituhr auskommen muss, verleiht der ansonsten schön gemachten 125er einen China-Touch, den sie nicht verdient.
Davon abgesehen zeigte sie sich – auch dank der selbst bei Nässe sehr griffigen Pirellis, die bei Kilometerstand 13700 gewechselt wurden – von unkom-pliziertem Wesen. Der coole Auftritt lässt sich mittels eines filigraneren Rücklicht-halters von Alpha-Technik oder – wem das dezente Blubbern, das dem race-like gestylten Auspuff entweicht, zu brav ist – durch verschiedene Zubehörauspuffanlagen steigern. Arrow und LeoVince bieten ABE-Anlagen, die zwar nicht mehr Leistung, dafür aber deutlich kernigeren und er-wachseneren Klang bieten. Und dazu noch gehörig Gewicht sparen.
Seit zwölf Monaten ist die 125er nun im Dienst. Und auch wenn die mechanischen Lebensäußerungen des Mini-Singles über den Winter zugenommen haben, stehen die Zeichen gut für einen entspannten zweiten Teil des Langstreckentests. Denn wie am ersten Tag springt sie brav an, rennt klaglos, trinkt wenig und vibriert kaum.
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Dauertest-Zwischenbilanz Yamaha YZF-R 125 (Archivversion) - Gerne Gross

Sieht aus wie eine Große, kommt an wie eine Große und spult ihre Testkilometer ab wie eine Große. Yamahas YZF-R 125 sorgte in der ersten Hälfte des Dauertests für einige angenehme Überraschungen.

Defekte beim Test (Archivversion)

Kurz vor der 12000er-Inspektion ließen wohl Vibrationen den Kerzenstecker von der Zündkerze rutschen, was mit einem Handgriff wieder erledigt war. Der einzig echte Defekt betraf die Kette, die unmittelbar vor der Inspektion durch schlagende Geräusche auf sich aufmerksam machte. Im Transporter ging’s in die Werkstatt, die eine gebrochene Lasche an der Antriebskette als Ursache ermittelte. Daneben tauschte sie im Zuge einer Rückrufaktion den Tank wegen möglichen Kraftstoffverlustes an der Benzinpumpe aus.

Auspuff Empfehlung (Archivversion)

Arrow
Die mit Kat 3,5 Kilogramm leichte Arrow-Anlage, bestehend aus aus Edelstahl-Krümmer (199 Euro) und Alu-Endtopf (299 Euro, Titanhülle ab 449 Euro, Alpha-Technik) spart gegenüber dem Original 2,3 Kilo Gewicht. Das Sekundärluftsystem bleibt erhalten. Verarbeitung und Passgenauigkeit sind gut, lediglich die Auspuffschelle mit dem fummelig einzulegenden Gummi zum Schutz der Auspuffhülle wirkt billig. Der Sound ist angenehm dumpf. Sie bringt zwar einen Hauch mehr Spitzenleistung, liegt ansonsten aber hinter der Serienanlage.

LeoVince
Die LeoVince-Anlage im lässigen GP-Style (MCA-Service, Telefon 05139/894906) ist mit 3,3 Kilogramm noch einen Tick leichter als das Arrow-Pendant. Zur Komplettanlage (475 Euro) kann separat eine Kat-Patrone (99 Euro) bestellt werden, um die Abgaswerte einzuhalten. Das Sekundärluftsystem muss zur Montage stillgelegt werden. Bis auf den Endtopf-halter, der etwas nachgebogen werden musste, ansehnliche Passform und Verarbeitung. Der Stummel-Endtopf produziert einen kernigen Klang. Zwischen 5000 und 6500/min liegt die Leistung minimal über der Serie, darüber flacht die Kurve ab.

Fahrermeinung (Archivversion)

Annette Johann, Ressort Unterwegs
"So cool können 15 PS sein!"

Okay, dachte ich, als mir der Fuhrpark-Chef das erste Mal die Yamaha für die Heimfahrt gab, da muss man durch. Und 54 Kilometer Heimweg möglichst empfindungslos hinter sich bringen. Und dann das – 15 PS und so viel Spaß. Es dauert, bis das hemmungslose Gasgeben richtig sitzt, doch dann ist’s nur noch witzig. Und schließlich der R1-Fahrer auf der A 81. Kurz vor Mundelsheim beidrehend, anerkennend den Daumen reckend und bei jedem 16-Jährigen vermutlich Selbstbewusstsein für Jahre hinterlassend.


Oliver Ebner, Sonderaufgaben
"Klein mit großem Spaßpotenzial."

Die ersten Meter sind ungewohnt. Zumindest für jemanden, der wegen der Optik der 125er meint, er säße auf der R1. Fehlt ja auch nicht viel – optisch. Und für eine 125er wirkt sie sehr erwachsen
und lässt sich auch so fahren. Der Motor geht ziemlich flott, Fahrwerk, Bremsen und Sitzposition sind klasse. Der Sound klingt langweilig, die Kennzeichenhalterung wirkt wie nachträglich angeschraubt. Aber das ist nicht wirklich wichtig. Die Kleinste aus der R-Reihe kann sich sehen lassen und bereitet viel Spaß.

Reifen im Test (Archivversion)

Bridgestone BT 45
Eine ganz andere Welt als die Pilot Sporty: Die BT 45 flößen dem Fahrer sofort Vertrauen ein, rollen geschmeidig ab und verhelfen der kleinen Ypse zu einer satten Straßenlage. In der Handlichkeit übertreffen sie die originalen Pirellis und ermög-lichen fast schon übermütige Einlenkmanöver. Was die Haftung betrifft, sind sie im Trockenen und Nassen genauso gut wie die Originalreifen – zumindest nach den subjektiven, nicht auf einer Teststrecke verifizierten Fahreindrücken.


Michelin Pilot Sporty
Die Michelins funktionieren nicht gut auf der 125er-Yamaha. Sie wirken hart in der Gummimischung und im Aufbau, geben sich extrem unkomfortabel und reagieren vehement auf Spurrillen. Bei Nässe können sich aus dieser Ungebärdigkeit regelrechte Rutscher ergeben. Auch verhalten sie sich beim Einlenken und in verschiedenen Schräglagen inhomogen, um die Mittellage wirken die Pneus träge, dann plötzlich kippelig.

Zubehör im Test (Archivversion)

Ergonomie

Windschutz
Was den Superbike-Piloten recht, ist dem 125er-Fahrer nur billig. Die höhere, leicht getönte Scheibe von Yamaha (99 Euro) sieht nicht nur gut aus, sie bietet auch tatsächlich besseren Windschutz und lässt sich spannungsfrei montieren. Nur dass der Kantenschutz nicht angegossen ist, sondern über eine Gummileiste aufgesetzt wird, wirkt billig.

Tieferlegungssatz
Über geänderte Umlenkhebel senkt der Alpha-Technik-Kit (98 Euro, www.alphatechnik.de) die Sitz-höhe um gut 40 Millimeter. Zur Montage muss die Feder ausgebaut werden, um zwei Alu-Halbmonde um die Kolbenstange zu montieren. Dies reduziert den nutz-baren Federweg deutlich.

Lenkererhöhung
Mittels zweier sieben Millimeter starker Distanzbuchsen, die es mit etwas Geschick beim Schlosser um die Ecke gibt, und längerer Inbus-Schrauben lassen sich die Lenkerhälften bis zur Oberkante der Standrohre nach oben schieben, was die Sitzposition etwas entspannter gestaltet und die Handgelenke ein wenig entlastet.


Leistung

Drossel
Der 80-km/h-Drosselsatz von Alpha-Technik (219 Euro) macht die Yamaha A1-Scheintauglich. Ein Zusatz-Steuergerät regelt ab, sobald sie die 80-km/h-Marke überschreitet. Prima, weil ansonsten volle Drehzahl und die ganze Leistung zur Verfügung stehen und der Einbau dank ausführlicher Anleitung leicht ist.


Sturzschutz

Sturzpads
Zur Montage der Sturzpads aus dem Yamaha-Programm (99 Euro, www.yamaha-motor.de) muss die Verkleidung etwas nachbearbeitet werden. Die Passform der von der Größe her stark an Hafenpoller erinnernden Teile ist gut. Ihre Wirksamkeit haben wir nicht getestet.


Optik

Kennzeichen
Wenn ein Teil an der YZF die ansonsten tolle Optik stört, dann der ellenlange Kennzeichenhalter. Abhilfe schafft das deutlich filigranere Edelstahl-Teil von Alpha-Technik (69 Euro). Die Passform ist gut, die Montage wegen der Kabel etwas fummelig.

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