Designer Pierre Terblanche wechselt zu Norton Interview mit einem Motorrad-Designer

Nachdem er den Seat Ibiza entworfen hatte, wechselte der südafrikanische Designer Pierre Terblanche 1989 zu 916-Schöpfer Massimo Tamburini ins Cagiva Research Center. Später schuf er die Ducati 999 und verließ die Firma nach dem Entwurf der Hypermotard. Jetzt arbeitet er für Norton. MOTORRAD sprach mit dem Terblanche über seinen Wechsel.

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Foto: Gori

? Pierre, wie kommen Sie zu Norton?
! Norton ist einer der großen Namen im Motorradbau, und viele der Motorräder, die ich am meisten bewundere, sind Nortons. Mein liebstes Motorrad ist die John Player Norton Monocoque. Als ich vom Comeback der Marke unter Stuart Garner erfahren habe, rief ich ihn an und fragte, ob er Interesse an einer Zusammenarbeit hätte. Zuvor hatte ich viele Jahre für italienische Hersteller gearbeitet und am meisten frustriert hat mich dabei stets die Tatsache, dass Entscheidungen so lange dauern. Ich wollte wieder so arbeiten wie bei Massimo Tamburini, als alles in einer direkten Weise geschah, wollte wieder Dinge tun, die mich begeistern, ohne dass nachher ein ganzes Komitee darüber entscheidet. Das ist, als ob man von einer Herde Gänse zu Tode gepickt wird. Bei Norton habe ich keine Gänse gesehen. Hier gibt es einen Mann, der die Gehaltsschecks ausstellt und die Entscheidungen trifft, das ist ein großer Vorteil.

 

? Sie sind ein großer Fan von Wankelmotoren. Inwiefern war das 700-cm³-Wankelprojekt ein Grund, zu Norton zu kommen?
! Stimmt, ich bin Wankel-Fan. Mein Zimmergenosse am College hatte einen Mazda RX-2, mit dem er auch Rennen gefahren ist. Ein tolles Auto. Ich habe auch die Wankel-Nortons erlebt und ihren Duft, ihre Einfachheit, ihr geringes Gewicht, die ganze Erscheinung immer geliebt.

 

? Was war Ihr erster Eindruck als Sie zum ersten Mal zu Norton kamen?
! Stuart Garner wirkte klug und helle, mit starkem Antrieb. Er weiß, wo er hin will und ich denke, er kann schnell Entscheidungen fällen, was in heutigen Firmen nicht oft vorkommt. Man muss so viele Meetings durchstehen, bevor etwas entschieden wird.  Wir verstanden uns von Anfang an, es gab so viel, worüber wir reden wollten.

 

? Was haben Sie bei Norton zu tun, wie ist Ihre Stellenbeschreibung?
! Ich werde einige Motorräder entwerfen. So einfach ist das. Stellenbeschreibungen und Titel lenken nur ab.

 

? Werden das auch andere Maschinen sein als  die modernen Klassiker, die Norton momentan baut?
! Wir müssen die neoklassischen Motorräder, die wir im Moment bauen, weiterentwickeln und verbessern. Und danach kommt es darauf an, welche Vision Stuart für die Marke hat. Es wird eine Reihe neuer Modelle entwickelt, welche die DNA von Norton haben werden, präsentiert in der Art wie ich sie sehe. Zuvor müssen wir uns aber für eine Motorenbauart entscheiden, welche  die Markenidentität weiterträgt.

 

? Wird das ein V4 sein, von dem mir Stuart Garner bei einem früheren Interview erzählte, oder ein Reihenzweizylinder?
! Es wird ein moderner Motor sein, der alle Leistungs-, Emissions- und sonstigen Ziele erreicht, die wir vorgeben.

 

? Aus der Perspektive eines Designers: Haben Sie eine Vorliebe für eine bestimmte Motorenbauart?
! Ein moderner Zweizylinder wäre perfekt; er würde auch zur Tradition von Norton und zur derzeitigen Entwicklung passen. Viele Leute erkennen, dass es nicht das Klügste ist, 195 PS zu haben, die in der Kurve via Elektronik auf 50 PS gedrosselt werden. Ich glaube, dass 98 Prozent der Leute mit weniger Leistung in einem stimmigen Gesamtkonzept schneller unterwegs und zufriedener sind.

 

? In der Vergangenheit haben Sie immer mit bereits existierenden Motoren gearbeitet. Wie fühlt es sich an, ein weißes Blatt Papier zu haben und die Technik des Motors mit beeinflussen zu können?
! Eine wundervolle Gelegenheit, ohne sie wäre ich nicht gekommen. Wir müssen scharf über Motorbauweisen in einem modernen Kontext nachdenken. Die Motorräder haben sich durch die Gesetzgebung so verändert, dass es nicht mehr geht, das Gleiche zu machen wie vor 40 Jahren. Sie sind sehr groß geworden und tragen trotzdem nur noch kleine Benzinvorräte. Das zeigt, wie schwierig es ist, alles Nötige hineinzupacken.

 

? Welche sind denn die Inhaltsstoffe der Norton-DNA?
! Nortons hatten schon die gleichen Merkmale wie die anderen Motorräder der damaligen Zeit, nur waren sie besser ausgeführt. Genug Leistung, wunderbares Handling, geringes Gewicht, eine einfache Konstruktion. Und die mechanischen Teile waren einfach schön. Sie wurden nicht am Computer gestaltet, sondern von Hand modelliert. Es wird darum gehen, perfekte Straßenmotorräder zu bauen, die aber nicht ab Werk die britische Superbike-Meisterschaft gewinnen müssen. Solche Motorräder auf der Straße zu fahren, macht keinen Sinn. Eine Norton Wankel, die von Anfang an als Motorrad für die Rennstrecke aufgebaut wird, kann ich mir allerdings schon vorstellen.

 

? Und was ist mit der Norton Commando 850? Könnten Sie sich die mit einem modernen Motor vorstellen?
! Eher noch die Norton Manx. Sie war eines der schönsten Motorräder aller Zeiten. Sie hatte nur ihren großen Motor als Blickfang. Was sonst noch nötig war, um sie zum Laufen zu bringen, war einfach drangesteckt. Und sie hatte das beste Chassis. So etwas würde ich mit einem Zweizylinder gern wieder auflegen.


Das Interview führte MOTORRAD-Mitarbeiter Alan Cathcart.

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