Designer Stefan Kraft (Archivversion) Funktion Gestalten

Er wollte kein Magengeschwür wegen mattgrauer Türgriffe. Deshalb hat sich Stefan Kraft nach dem Studium nicht in der Designabteilung irgendeines Kühlschrankherstellers verdingt, sondern sich selbständig gemacht. Er gestaltet unter anderem so ziemlich alles, was mit dem Motorrad zu tun hat. Auch für MOTORRAD.

Der Mann am Telefon sagt nicht viel. Er spricht von BMW. Dann aber von Extravaganz, der Speed Triple und der Benelli TnT. Das könnten Anhaltspunkte sein für die Richtung: Roadster, Streetfighter. Der Auspuff, meint er noch, werde kürzer und auf jeden Fall unter der Sitzbank oder unter dem Motor liegen.
Das muss reichen. Und es reicht. Viel mehr Informationen hat Stefan Kraft selten, wenn er für MOTORRAD ein neues Modell zeichnen soll. Und viel mehr Informationen benötigt er auch nicht, um sich, wie in diesem Fall, ein Bild zu machen vom neuen Boxer.
Weil er Design studiert hat. Weil er sich seit mehr als 30 Jahren mit dem Motorrad beschäftigt. Weil er die Technik kennt, weiß, was technisch möglich ist. Und was nicht. Weil er sich hineindenken kann in die Formensprache der einzelnen Hersteller, weil er ein Gespür entwickelt hat für das, was gern Designphilosophie genannt wird.
»Bei BMW zum Beispiel ist es oft das Technische des Gegenstands, das die Erscheinung prägt. Das zeichnet man dann weiter.« Für die Roadster habe er sich an K und R 1200 orientiert. Die K stehe bereits für neueres BMW-Design, die R trage das Klassische des Boxers. K und R habe er, nur mal probehalber, per Computer verschmolzen, übereinander gelegt, um eine erste Anregung für die Grundform zu bekommen.
Aber der Computer entwickelt natürlich nicht die Idee. Die entwickelt der Zeichner Kraft: »Die Strichzeichnung ist für mich nicht zu ersetzen. Sie gehört unbedingt dazu.« Erste Striche mit dem Bleistift gelten der Linie, dem Festhalten des großen Ganzen, des Korpus. Einem technischen Korpus, aus dessen Besonderheiten heraus Stefan Kraft das Neue ableitet. Bei der von MOTORRAD in Auftrag gegebenen BMW gehörte dazu etwa die Schräge, die sich vom Heck über Zylinderneigung und Tankkante zieht und Dynamik bringen soll. Dazu kamen die charakteristischen Felgen und Details wie beispielsweise die besondere Bremsscheibenaufnahme.
Stefan Kraft setzt sich also nicht an seinen hellen Holztisch, auf den von links das Licht durch ein großes Fenster fällt, und fantasiert sich eine Maschine als schönen Gegenstand mit zwei Rädern zusammen. Mit einer Damenhandtasche könnte man so was vielleicht tun, weil da ja wurst ist, was später drin steckt. Das Motorrad dagegen definiert sich wesentlich über das, was drin steckt, gerade auch optisch. In dem Sinne versteht der 44-Jährige seine Entwürfe immer als technische Zeichnungen, die zunächst die konstruktiven Grundlagen eines neuen Modells festhalten. In Freihandzeichnungen.
Er legt den Stift parallel auf den Mittelfinger und führt ihn mit leichtem Druck aus Daumen und Zeigefinger. Doch kommt bei Kreisen und Rundungen der Schwung nicht aus den Fingern, sondern aus Arm und Handgelenk, und so zeigt sich der gelernte, der routinierte Zeichner. Er fitschelt nicht rum. Er setzt die Striche. Sie folgen einer Entscheidung, sind nicht Versuch. »In der Regel«, sagt Kraft, »funktioniert es, dass ich dieses Bild, das ich im Kopf habe, so auch zu Papier bringe. Aber eine motivierende Grundanspannung muss dabei sein.« Auch wenn die Arbeitsschritte einem klaren Ablaufplan folgen, wie nach Rezept Kuchen zu backen. Vorher werden auf einzelnen Blättern Zutaten ausprobiert – Radaufhängungen, Armaturen, Tankkonturen. »Man sieht, wie die Formen zusammenpassen. Oder nicht. Und welche Farben gut kämen.« Irrtümer landen im Papierkorb.
»Ich wusste schon in der Schule, dass ich was mit Kunst oder Design machen will.« Automechaniker oder Autolackierer wären die Alternativen gewesen. Denn die Motivation zum Design kam mit der Beobachtung von Motorrädern und Autos und der simplen Feststellung: »Ich hätte es anders gemacht.« Also anders gestaltet. Manches auch nicht. »Es gibt Linien und Formen, da erübrigt sich jede Diskussion. Die stimmen einfach.« Eine CB 750 nennt Kraft als Beispiel, eine Kawasaki Z1 oder auch einen Jaguar XJ, einen Porsche 911. »Egal, welches Baujahr.« Es mag an solchen Ausnahmeerscheinungen liegen, dass »ein Heidengeld für Akzeptanz-Studien künftiger Produkte rausgeschmissen wird. Aber es gibt kein wirklich planbares Design. Was ein großer Wurf wird, lässt sich nicht definitiv vorhersagen«.
Nach seinem Abitur in Stuttgart bewarb sich Stefan Kraft 1982 an mehreren Hochschulen, und weil die FH in Schwäbisch Gmünd am schnellsten reagierte, landete er eben dort in ostälbischer Provinz. »Ein Vollfiasko, die Stadt ist hardcore. Aber das Studium war wichtig, damit du weißt, worum es geht.« Darum, nicht bei Bosch im Kühlschrank-Design zu stranden. Dort stand während des Studiums ein Besuch an. »Da kann man schon die Sinnkrise bekommen.« Und früher oder später ein Magengeschwür, weil man sich wegen eines mattgrauen Türgriffs mit zig Chefs herumplagen darf. Er wollte anders arbeiten, nicht zum Experten für Blinker hinten links oder Zigarettenanzünder verkommen. Also machte er sich selbständig.
Für MOTORRAD hatte er schon während des Studiums gezeichnet. An der Fachhochschule hatte sich für solche Vehikel eigentlich niemand interessiert. Ein modulares Motorrad als Diplomarbeit? Glattweg abgelehnt. So hat Stefan Kraft einen kleinen Airbrush-Kompressor entworfen, Drucktank im Rahmen, Kompressor von, nun ja, einem alten Kühlschrank. Unter Designern war Airbrush zu der Zeit schwer in Mode, in etwa so wie heute der Computer vielen als die Gestaltungshilfe schlechthin gilt. Und die dabei nicht merken, dass dessen technische Möglichkeiten die Gestaltung zum Großteil zu bestimmen drohen. Gerade weil mit so einem Rechner vieles so leicht möglich ist, kommt mitunter Unmögliches heraus. Weil, sagt Stefan Kraft, diese Leichtigkeit stets auch die Gefahr birgt, sich in Beliebigkeit zu verlieren. »Beim Zeichnen gibt es erst einen Strich, dann einen zweiten, einen dritten. Da geht viel mehr Überlegung rein.«
Dennoch arbeitet Kraft am Rechner. Geht auch gar nicht mehr anders. Manche Kunden bestehen inzwischen aber wieder auf die spezielle Optik, die das Nichtdigitale mit sich bringt. Und die braucht auch Kraft, den Reiz des persönlichen Stils in der Designzeichnung, das, wie er sagt, »Hingerotzte«. Manchmal allerdings erleichtert der Computer die Sache. Beim Kolorieren mit Filzstiften passieren die Fehler – natürlich – immer gegen Ende. »Am Rechner machst du es eben mit einem Tastendruck wieder rückgängig. Einiges geht leichter, sicher.« Was nicht geht: technischen Unverstand und zeichnerisches Unvermögen zu überspielen.
Was sehr wohl geht: die Vorzüge des klassischen Zeichnens und Kolorierens mit denen der digitalen Möglichkeiten zu kombinieren. Für Kraft heißt das: 50 Prozent Zeichenbrett, 50 Prozent Bildschirm. Direkt neben dem Pult mit dem teuren und empfindlichen elektronischen Zeichengerät steht ein meterhoher Metallschrank voller Entwürfe. Darauf liegt ein Marushin-Helm in Blau und Weiß. Der einzige Gegenstand, der dort nicht hinpasst, in die Akkuratesse des Studios. Der vielen Fliegen wegen, die am Visier kleben. Kraft hat sie auf seiner Honda VFR 750 gemeuchelt. Beinahe 20 Jahre alt, doch sieht der Designer weder technische noch optische Gründe, sich von dem Ofen mit seinen annähernd 100000 Kilometern zu trennen. Das Ding tut’s astrein, und gerade dem Designer schadet es nicht, im Produkt stets auch den Gebrauchsgegenstand zu sehen, der nicht notwendigerweise irgendwelchen Moden, technischen Gimmicks, Zeitgeistigem unterworfen ist. Überhaupt sieht Kraft so aus, kommt so rüber, als habe er damit nicht so viel am Hut: T-Shirt, Jeans, Turnschuhe. Und ein Händedruck wie ein Holzfäller.
Dazu passt, dass Kraft seinen Kunden anbietet, nicht nur Zeichnungen anzufertigen, sondern auch Modelle selbst her­zustellen, Prototypen. Unter der Garage, in der die VFR auf dem Seitenständer lehnt, hat er dafür eine Werkstatt. Allein schon deshalb wird Stefan Kraft wohl kaum die technische Umsetzbarkeit seiner Entwürfe aus den Augen verlieren. Nicht nur beim Motorrad, das mit allem Drum und Dran – Zubehör, Klamotten – fast drei Viertel seines Auftragsvolumens ausmacht. Für die Industrie macht er mitunter das, was er auch für MOTORRAD macht: Neuheiten Gestalt geben. »Für die Hersteller kann ich viel stärker konzeptionell, freier arbeiten.« Es geht da eher darum, Vorstellungen zu entwickeln, weniger darum, sich Entwicklungen vorzustellen.
Das größte Ärgernis ist allerdings bei beiden Arbeiten dasselbe. Nach dem Kolorieren mit unzähligen von Filzstiften – allein bei einem Reifen können locker sechs Grautöne zum Einsatz kommen – ist es ein »Mist, am Ende die richtigen Kappen wieder auf die richtigen Stifte zu drücken«.

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