Desmodromik, neuartige, von Lantenhammer (Archivversion)

Neidgeplagte Tuner-Kollegen übersetzten in den siebziger und achtziger Jahren das Kürzel »OL« gern mit »ohne Leistung«. Für den Rest der Bahnsport-Szene stand »OL« für Otto Lantenhammer und damit schlichtweg für den Mann, an dem man nicht vorbei kam, wenn man in irgendeiner Bahnsport-Disziplin vorn sein wollte. Wie zum Beispiel Egon Müller. Der tauchte 1974 als Nobody mit einem OL-Zweiventiler-Jap-Motor auf und wurde auf Anhieb Langbahn-Weltmeister. Vier weitere Titel des charismatischen Kielers folgten, darunter der einzige deutsche Speedway-WM-Titel der Historie, alle gewonnen mit »OL«-Motoren.
Das Image des Bahnmotoren-Gurus schmeckt Otto Lantenhammer, der
im oberbayerischen 100-Seelen-Dorf Kirchasch in der Wohnung direkt über seiner Werkstatt lebt, bis heute nicht und wird seinem Lebenswerk auch nicht gerecht. Denn nach wie vor arbeitet Lantenhammer, der seine Firma vor neun Jahren an die Kfz-Mechaniker-Meisterin Monika Sedlbauer verkauft hat, an Motorenkonstruktionen, die für jeden beliebigen Viertakt-Ein- oder Mehrzylindermotor taugen würden. Sein erster Coup in dieser Richtung war die erste Fünfventiler-Zylinderkopfkonstruktion der Welt, die er in den Jahren 1978 bis 1980 fertig stellte. Weil der gelernte Karosseriespengler mit seinem Prototyp an die Öffentlichkeit (siehe MOTORRAD, Ausgabe 11/1980) statt zum Patentamt ging, bauten wenige Monate
später Audi und Yamaha Motoren mit drei Einlass- und zwei Auslassventilen – Yamaha tut das bis heute. Später folgten Zwei-Vergaser-Zylinderköpfe, Vierventil-Protoypen und weitere Spezialitäten.
Während Monika Sedlbauer, die vor 18 Jahren direkt nach der Lehre ihren
ersten Job bei Lantenhammer antrat, heute das operative Geschäft bei »OL-
Tuning« betreut, treibt es den ehemaligen Weltklasse-Eisspeedway-, Speedway- und Langbahnfahrer Lantenhammer nach wie vor jeden Morgen um acht in
die Werkstatt. »Der Chef ist für Erfindungen zuständig«, erklärt die 36-Jährige, »und dem fällt jeden Tag etwas Neues ein.« Häufig sind aber auch andere Fertigkeiten des bayerischen Tüftlers gefragt. Etwa dann, wenn quasi aus dem Nichts Ersatzteile für historische Fahrzeuge gefertigt werden sollen. »Da haben wir als Vorlage manchmal nur ein Schwarzweißfoto«, erzählt Lantenhammer. Monika Sedlbauer ergänzt: »Wenn die Leute nicht mehr weiter wissen, landen sie bei uns. Und wir können meistens helfen.« Das trifft beileibe nicht nur für die
Instandsetzung einzylindriger Bahnsportmotoren zu. Wenn es um besonders kniffelige Einzelanfertigungen geht, hat auch schon mal das BMW-Werk in
Lantenhammers mechanischer Werkstatt nachgefragt. Thomas Schiffner

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